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Ein déjà-vu … der Schweizer Hopfen

„Die Landwirtschaft hat es wie jede menschliche Einrichtung mit neuem zu thun, und wer ewig beim Alten bleibt, schadet sich am meisten“, und das seit 200 Jahren. Doch in Neues investieren bringt wirtschaftliches Risiko. Gibts eine Nachfrage? Was ist machbar? Zu welchem Preis? Die Schweizer Brauer wollten guten Brauhopfen zum Weltmarktpreis, die Bauern mussten die Kosten gedeckt haben.

Das System der Hopfenpreisausgleichskasse könnte leicht angepasst sehr wohl Schule machen.

 

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  • seit 200 Jahren: Internationale Konkurrenz

    Es war ein Ausflug.  Man fuhr aufs Land, nach Stammheim (ZH), ins Dorf, wo früher die berühmten Hopfengärten waren. „Früher“ ist noch keine hundert Jahre her. Vorher dachte kaum jemand daran, kommerziell Hopfen anzubauen. Dann entstanden die Hopfengärten und belieferten während ein paar Jahrzehnten zahlreiche Schweizer Brauereien.

    Die Geschichte des Hopfenanbaus ist exemplarisch für die grosse Herausforderung der Weltmarktpreise für unsere Landwirtschaft seit es Eisenbahnen gibt.  Und sie macht Mut, weil sie zeigt, dass eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Kunden und Lieferanten möglich ist.

    Als das Bier den Wein verdrängte

    Der Überlieferung nach brachten reiche Reisende erst vor gut 200 Jahren das bayrische Bier in die Schweiz und fingen selber an zu produzieren. Ein regelrechter Boom sei entstanden anfangs 19. Jahrhundert und bald zählte man in der Schweiz über 80 Brauereien. Alle brauchten Hopfen, als Würze und auch als Konservierungsstoff. Einige betrieben eigene Hopfengärten, aber den grössten Teil des steigenden Hopfenbedarfs wurde importiert.

    „… die Landwirtschaft hat es wie jede menschliche Einrichtung mit neuem zu thun, und wer ewig beim Alten bleibt, schadet sich am meisten“ dieses Zitat im Hopfenanbau in der Schweiz ist bald 200 Jahre alt! Innovation sei gefragt und an Hopfen Interessierte plädierten „den Hopfenbau neben dem Weinbau einzuführen ist passender, als unnützer Weise über den grossen Verbrauch des Bieres zu jammern und erschwerende Massregeln dagegen erzwingen zu wollen.“ Und „…im Anpflanzen von Korn, von Gerste, von Hopfen… fände der Landwirt einen sicheren Ersatz für den Weinbau, der mit einem grossen Kostenaufwand betrieben wird“.

    Eigener Hopfenanbau könnte auch verhindern, „dass jährlich Hunderttausende von Franken ins Ausland gehen … ein hübsches Sümmchen, welches statt über den Rhein zu spazieren auf ehrenvolle Weise im Lande verdient wird und in unseren Taschen bleibt“, bemerkte der Luzerner Regierungssekretär 1839.

    „Bier, dieses überaus gesunde, die Verdauung befördernde, durststillende, und selbst für viele Kranke heilsame Getränk wird in unserem Schweizervaterlande immer einheimischer… Selbst Landleute, die es früher nur dem Namen nach kannten, schätzen es jetzt als einen erquickenden Labetrunk“ schrieb Pfarrer J.F.Franz in einer 1835 erschienenen Schrift.

    Doch die Erfahrung aus den ersten Schweizer Hopfengärten zeigte sehr bald, dass auch der Hopfenanbau „viel Fleiss, Erfahrung und Geduld erfordert“. Nicht alle Sorten waren geeignet für unser Klima und nur der beste Boden gut genug. Zahlreiche Schädlinge trugen das ihrige bei und die Ertragsschwankungen waren gross. Auch seien die wenigsten Brauereien bereit gewesen, die lokalen Produzenten zu berücksichtigen. Als logische Folge ging der Anbau bald wieder zurück bis er – nachdem während dem ersten Weltkrieg die internationalen Hopfenpreise zusammengebrochen waren – ab 1917 nicht einmal mehr in der Anbaustatistik erschien.

    Also deckte das schweizerische Braugewerbe fortan seinen gesamten Hopfenbedarf aus renommierten ausländischen Anbaugebieten, die weitaus kostengünstiger produzierten. Bis dann 1934 eine Gruppe Brauer beschloss, statt Gerste und Hopfen einfach als Rohstoffe zuzukaufen, sich auch mit deren Kultur zu befassen und ihre Qualität zu fördern.

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  • Wer investiert trägt, wirtschaftliches Risiko

    Mit einem zinslosen Darlehen wurde ermöglicht während 10 Jahren die Frage abzuklären, ob in der Schweiz ein Qualitätshopfenanbau möglich sei.

    Die Wertschöpfungskette eines Produkts beginnt mit den Rohstoffen

    Wirtschaftlich war die Idee ein Unsinn: in den Haupthopfenanbauländern Deutschland und Tschechien gabs wegen massiver Überproduktion Hopfen zu Tiefstpreisen. Dr. ing.agr.ETH Friedrich Traugott Wahlen, damals Vorsitzender der eidgenössischen landwirtschaftlichen Versuchsanstalt Zürich-Oerlikon, unterstützte die Initiative. Vorher hatte die Versuchsanstalt die Propagierung des Hopfenanbaus in der Schweiz abgelehnt, weil die Investitionen zu gross und die Erfolgswahrscheinlichkeit zu klein waren.

    1935 gingen die ersten Hopfengärten in Produktion. Nach 10 Jahren war der Versuch abgeschlossen und die Qualität gut. Verschiedene Brauereien waren gewillt, Schweizer Hopfen zu übernehmen – zu international konkurrenzfähigen Preisen.

  • langfristige Zusammenarbeit

    Wie können sich motivierte Produzenten und interessierte Abnehmer organisieren, die längerfristig kostendeckend zusammen arbeiten wollen? Die Bauern und Brauer organisierten sich in einer Genossenschaft, wie sie auch für heutige Produzenten-Konsumenten-Verbindungen interessant sein kann:

    Die Produzenten-Preisausgleichskasse

    Während dem Krieg war der Preis zu Gunsten der Produzenten gestiegen. Irgendwann musste mit Rückschlägen gerechnet werden.

    Beide Seiten, Produzenten und Abnehmer, waren an möglichst stabilen Preisen interessiert. Weiter war klar, dass die Bauern ihre Kosten gedeckt haben müssen und die Brauer bereit waren, den welthandelsüblichen Preis zu zahlen. Dazwischen liegt eine Marge und die war nicht immer negativ. Brauer und Bauer gründeten eine Genossenschaft: die Hopfenpreisausgleichskasse. In ihr wurden in den Jahren mit hohem Verkaufserlös Mittel geäufnet, damit in den Jahren, in denen der Verkaufserlös die Anbaukosten nicht zu decken vermochte den Produzenten Zuschüsse gewährt werden konnten. Das ging folgendermassen:

    1. Die Genossenschafter verpflichteten sich, in allen Fällen für den Verkauf und Kauf von in der Schweiz produziertem Hopfen die in den Statuten und dem Geschäftsreglement festgelegten Bedingungen der Preisausgleichskasse für Schweizer Hopfen einzuhalten.
    2. Zur Zeit der Hopfenernte stellte der Kassenvorstand den Weltmarktpreis des Hopfens fest und bestimmte mindestens drei Qualitäts- und damit Preisklassen sowie die Selbstkosten des Hopfens für den Produzenten.
    3. Der Produzent erhielt, wenn dies der Weltmarktpreis gestattete, ausser den Selbstkosten einen Drittel der Preisdifferenz zwischen Selbstkosten- und Übernahmepreis. Die andern 2/3 fielen in die Ausgleichskasse. Das heisst, in den Jahren, in denen der Selbstkostenpreis unter dem Übernahmepreis (= Weltmarktpreis) lag, musste eine Abgabe an die Hopfenausgleichskasse gemacht werden und in den Jahren, in denen der Selbstkostenpreis höher war als der Weltmarktpreis war, wenn dies der Stand der Ausgleichskasse erlaubte, ein Zuschuss aus der Hopfenpreisausgleichskasse zu beschliessen.

    Über die Frage, ob eine Abgabe oder ein Zuschuss bezahlt werden soll und in welcher Höhe entschied der Genossenschaftsvorstand auf Antrag des Kassenvorstandes und unter Berücksichtigung der Kassenmittel. Waren die nötigen Mittel auf dem Ausgleichskonto nicht vorhanden war der Zuschuss zu reduzieren oder auf eine Auszahlung zu verzichten.

    Ab 1972 waren die Produktionskosten höher als die Weltmarkt- und damit die Übernahmepreise.  Wenn die Kosten den Erlös übersteigen müssen andere Wege gefunden werden.  Bauern sollen „innovativ sein und Nischen besetzen“. Für den Hopfen besetzt diese Nische der „Hopfentropfen“: im Familienbetrieb wird Hopfen angebaut, gehandelt, in Events zelebriert, verbraut und im Hofladen in allen erdenklichen Formen verkauft.  Andere Betriebe behielten Hopfenanbau als eines ihrer Standbeine für Schweizer Brauereien, die für Spezialitäten Schweizer Hopfen aus Stammheim verwenden.

  • das System könnte Schule machen

    Win-Win, jeder gewinnt

    So wie sich „damals“ in Stammheim die Bauern und Brauer zusammengeschlossen haben, so können sich auch andere Produzenten, Verarbeiter und Konsumenten verbinden und ihre Lebensmittelwertschöpfungskette selber mitgestalten. Als Richtpreis dürfte allerdings nicht der Weltmarktpreis der industriellen Landwirtschaft dienen, sondern zum Beispiel der marktübliche Preis, den die Endkunden für vergleichbare Qualität im lokalen Handel zahlen würden. Die Statuten der Hopfenausgleichskasse könnten als eine der Vorlagen dienen.

    Für eine konsumentennahe, zukunftsfähige und faire Landwirtschaft.

  • Weiterführende Links und Referenzen:

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