logo

Armut ist unökologisch

 

Ökologischen Lebenswandel muss man sich leisten können. Das wird für immer mehr Menschen auch in der reichen Schweiz zusehends schwieriger.

Umweltorganisationen, der ökologische Mittelstand und Landwirtschaft werden nicht müde zu betonen, dass die Menschen wegen der höheren Produktionskosten beim Griff ins Bioregal eben auch ein bisschen tiefer in die Tasche greifen sollen. Dazu wäre ein Grossteil der Konsumentinnen und Konsumenten auch durchaus bereit.

Doch laut Bundesamt für Statistik sind rund acht Prozent der Schweizer Bevölkerung von Armut betroffen. Und die Zahlen steigen. Nicht zuletzt auch als Folge der Coronakrise. Das Bundesamt für Statistik orientiert sich dabei an den Richtlinien der recht erbarmungslosen Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe SKoF. Derzufolge ist von Armut betroffen, wer als Einzelperson weniger als rund 2 300 Franken im Monat zur Verfügung hat. Eine Zweielternfamilie mit 2 Kindern unter 14 Jahren weniger als 4 000 Franken.

  • Sinkende Reallöhne

    Ausserdem ist es eine leidige Tatsache, dass in der Schweiz die (teuerungsbereinigten) Reallöhne seit gut 20 Jahren stagnieren oder gar sinken. Gleichzeitig steigen alljährlich Mieten, Krankenkassenprämien, Gebühren und Kopfsteuern (Abfallgebühr, Mehrwertssteuer) Fahrpreise und so weiter. Mittlerweile lebt man mit dem (vergleichsweise guten) Mindestlohn auf dem Bau von 4 000 Franken keineswegs mehr wie die Made im Speck. Gerade in ungelernten, sogenannten Frauenberufen wie Reinigungsgewerbe, Gastgewerbe sind Löhne unter 3 000 längst an der Tagesordnung und man gilt trotzdem nicht als arm.

    Viel Spielraum zum Sparen gibt es da nicht mehr. Allenfalls noch bei Kleidung und – eben – Lebensmitteln.

  • Armut macht dick

    Absurderweise ist Fettleibigkeit heute kein Indiz für Wohlstand, sondern für armutsbedingte Fehlernährung. Gemäss einer Erhebung der Städte Basel, Bern und Zürich aus dem Jahr 2008 sind Kinder von Eltern ohne Lehrabschluss im Durchschnitt drei mal häufiger übergewichtig und neun mal häufiger fettleibig, als Kinder von Eltern mit höherer Ausbildung und entsprechendem Verdienst.

    Gewiss spielt dabei Bildungsferne und ein geringeres Wissen über gesunde Ernährung eine Rolle. Doch der Hauptfaktor ist das leidige Geld. Frisches Obst, Gemüse und hochwertige Fleisch- und Milchprodukte sind für Familien mit niedrigem Einkommen oft schlicht zu teuer. Als Alleinlebender kommt man billiger weg, wenn man sich einen fettigen Döner zum Mitnehmen kauft, als für eine richtige Mahlzeit einzukaufen.

    Absurderweise sind Fertigpizza und andere stark verarbeitete Lebensmittel meist billiger, als die nötigen Zutaten um sie selber zuzubereiten. Was da verarbeitet wird, ist natürlich tendenziell von geringer Qualität und ein Blick auf die Inhaltsangaben der Fertiggerichte offenbart meist einen katastrophalen Fett-, Salz- und Zuckergehalt. Zugespitzt kann man sagen, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung mit Abfällen gefüttert wird. Den Schaden tragen nicht nur die KonsumentInnen. Aufwändige Verpackungen, lange Transportwege, unökologischer Anbau und Zuchtmethoden und energieintensive Verarbeitung verpassen Familien mit kleinem Einkommen auch ohne Auto und Flugreisen einen recht schmutzigen «Ökologischen Fussabdruck».

  • Spartipps sind Zumutung

    Da nützt auch die von Fachkreisen hochgelobte «Ernährungskompetenz» wenig. Mit ausreichender Kompetenz, so eine verbreitete Ansicht, könne man sich auch mit kleinem Geldbeutel (einigermassen) gesund ernähren. So wird beispielsweise empfohlen, besonders auf Aktionen im Supermarkt zu achten und saisonale Produkte zu bevorzugen. Doch solche Spartipps sind gerade für die am stärksten von Armut Betroffenen, berufstätige alleinerziehende Mütter, ein blanker Hohn.  Denn für die Schnäppchenjagd durch verschiedene Lebensmittelläden fehlt neben Job, Kinderbetreuung und Haushalt schlicht die Zeit. Kommt hinzu, dass das Aktions-Biogemüse und -Obst meist den halben Erdball umrundet hat, bevor es im Denner-Regal landet.

  • Alltagsprobleme wichtiger als Ernährung

    Eine Deutsche Studie unter Armutsbetroffenen zeigte zudem auf, dass die meisten armen Menschen ihre ungesunde und unökologische Ernährung bei weitem nicht als ihr grösstes Problem wahrnehmen. Für alle sei die Bewältigung von Alltagsproblemen wichtiger, als das Essverhalten zu ändern. Erwartungsgemäss werden Lebensmittel vor allem nach dem Preis ausgewählt. Dass ihre Kinder besonders fehlernährt sind, liegt überraschenderweise auch daran, dass die Eltern ihnen etwas «gönnen» möchten um sie für die armutsbedingten Demütigungen zu entschädigen.  Überraschenderweise sind ihnen die Vorlieben ihrer Kinder aber mindestens genauso wichtig. So landen eher Marken-Schokoriegel und fettige Snacks im Schulranzen als Käsebrot und Apfel. Und von selbst entscheiden sich Kinder sicher nicht für die gesündere Ernährung.

    Es würde dem gutsituierten Ökomittelstand gut anstehen, die soziale Frage gerade auch in Bezug auf die Nahrungsmittelproduktion und «Einkaufsempfehlungen» stärker in den Fokus zu rücken.

Print Friendly, PDF & Email

Ihr Kommentar

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.