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Biosaatgut – Biosorten: das grosse Geschäft mit dem kleinen Unterschied

Im gleichen Gebäude wie die Weltorganisation für geistiges Eigentum WIPO sitzt auch der Internationale Verband zum Schutz von Pflanzenzüchtungen UPOV. Hier schaut man nach den Rechten der Züchter – meist auf Kosten des freien Zugangs der LandwirtInnen zu Saatgut und Vermehrungsmaterial. Der neue Konzern Bayer–Monsanto kontrolliert einen Drittel des gehandelten Saatgutes – allein und weltweit.

Die Agrarindustrie ist der wichtigste Wirtschaftssektor.  Das Saatgut steht am Anfang einer enormen Wertschöpfungskette. Statt seine Vielfalt zu schützen und zu fördern wird privatisiert und monopolisiert, leider auch in der Schweiz.

(c) swisssem

Öffentliche Züchtungsprogramme für Gerste, Mais, Dinkel, Triticale, aber auch Birnen, Kirschen, Beeren, Gemüse und Zierpflanzen wurden schon vor Jahren aufgegeben.

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  • Macht und Marktkonzentration

    Der Rückzug der öffentlichen Hand und die damit einhergehende Privatisierung des Saatguts macht Angst.

    Heute kontrollieren drei Firmen bereits über 60% des kommerziell gehandelten Saatguts – weltweit.

    Die Konzerne verkaufen auch Fungizide, Herbizide und Insektizide für dieses Saatgut wie Carla Hoinkes an den Möschberggesprächen 2018 aufzeigte:

      

     

     

     

     

     

    Pestizide und Saatgut: die Verbindung ist eindeutig.

    Als logische Konsequenz dieser Marktaufteilung konzentrieren sich die Konzerne auf möglichst einheitliches, global vermarktbares Saatgut. Was nur einen regionalen Markt bedienen kann wird fallen gelassen. Ein Beispiel dazu: Syngenta stellte die Karottenzüchtung ein. Nicht weil sie keine konkurrenzfähigen Sorten gehabt hätten, im Gegenteil, sondern weil Karotten kein “global crop” sind und ihr Markt auf gemässigte Klimazonen beschränkt ist.

    5 Konzerne beherrschen 95% des Europäischen Gemüsesaatgutes

    Viel Gemüsesaatgut ist in holländischer Hand. Zwar nimmt, auch weltweit, der Bioanteil von Saatgut zu, bleibt aber für grosse Firmen uninteressant: „Bio“ soll mit den natürlich zur Verfügung stehenden Nährstoffen zurechtkommen und dem Standort angepasst sein, das bedingt eine möglichst grosse Sortenvielfalt. Also muss Biosaatgut aus globaler Sicht ein Nischenprodukt bleiben.

    Was von den Grossen fallengelassen wird ist für die lokalen Züchter wie Sativa und Zollinger immer noch ein “schöner” Markt. Und trotzdem ist Biozüchtung kein Selbstläufer – die nötigen Investitionen sind gross und der Bioanbau ist zu klein, um die Kosten der Züchtung zu decken.

  • Biosaatgut

    Bei uns erhältliches Biosaatgut für den professionellen Anbau kann aus der ganzen Welt stammen: Bohnen aus Ostafrika, Erbsen aus Chile oder dem Staat Washington.

    Man muss unterscheiden zwischen Biosaatgut und Biosorten: Biosaatgut kann auch von einer konventionellen Sorte stammen; wichtig ist, dass die letzte Generation biologisch vermehrt worden ist. Bei 2-jährigen Kulturen kann es sogar sein, dass das Gemüse, die Zwiebeln, Karotten usw. im ersten Jahr auf einem konventionellen Betrieb angebaut werden.  Im 2. Jahr dann wird im Biobetrieb Saatgut vermehrt und auch als Bio-Saatgut verkauft.

  • Biosorten

    Biosorten werden selbstverständlich auch biologisch vermehrt. Zusätzlich aber stammen sie aus einem biologischen Züchtungsprozess, bei dem während Jahren unter biologischen Bedingungen angebaut und selektionniert wird, damit die Sorte mit Nährstoffdynamik und -verfügbarkeit, Krankheiten und Schädlingen klarkommt.

    Die Unternehmerin/Bäuerin bestimmt selber, welche Sorte zu ihrem Anbau passt. Wir Konsumentinnen hoffen natürlich, dass auf einem Biohof nur Biosorten wachsen. Doch das ist nur der Idealfall. Streng nach dem Gesetz ist nur Saatgut von Sorten die mit Gentechnik oder Zellfusion kreiert wurden verboten. Auf einem zertifizierten Biobetrieb erlaubt sind

    • Sorten aus Biozüchtungen (z.B. von Zollinger, Sativa u.ä.)
    • Hofsorten, ProSpecieRara Sorten und ähnliche
    • Sorten aus konventioneller Züchtung, die sich für den Biolandbau gut eignen. Wurde die letzte Generation biologisch vermehrt, darf das Saatgut als „Biosaatgut” bezeichnet werden
    • Sorten aus konventioneller Züchtung und konventionell vermehrtes (ungebeiztes) Saatgut.

     

    Für den Bauern zusätzlich erschwerend ist die Tatsache, dass man beim Kauf von Saatgut nicht immer erkennen kann, ob es sich um eine Biosorte oder nur um Biosaatgut handelt.  Immerhin gibt die öffentlich zugängliche FIBL-Datenbank organicxseeds Information darüber, was überhaupt -und allenfalls wo- als Biosaatgut verfügbar ist.

    Die Bio-zertifizierte Bäuerin wählt also im besten Fall eine Biosorte, im zweitbesten Biosaatgut, also eine konventionell gezüchtete Sorte, von der unter Biobedingungen Saatgut produziert wurde. Ist kein passendes Biosaatgut erhältlich, kann auf importiertes Biosaatgut oder – bei vielem Gemüse sogar ohne spezielle Bewilligung – auf konventionelles Saatgut ausgewichen werden. Das passiert häufiger als einem lieb ist und entzieht der Biozucht wichtige Finanzielle Mittel, denn zwischen 10-20% des Kaufpreises geht zurück in die Züchtung. Kauft man konventionelles Saatgut, fliesst dieses Geld in die konventionelle Züchtung zurück.

  • Biosortenzüchtung

    Der Bio-Anteil am Saatgut wird weltweit unter 0.3% geschätzt und ist somit für Weltkonzerne kein Thema. Aber solange die Biobauern konventionelles Saatgut und Biosaatgut von konventionell gezüchteten Sorten einsetzen fliesst, logisch, auch der Erlös an ebendiese konventionellen Züchter und Konzerne.

    Man würde sich wünschen, dass Biozüchtungsprojekte vom Verkauf von Biosaatgut profitieren würden. Aber die noch junge, lokal arbeitende Biozüchtung verfügt bei langem nicht über die Mittel der konventionellen Züchtung und kommt selbständig kaum vom Fleck.

    Auch sind Biozüchtungsprogramme zeitaufwändiger als die konventionellen: Beim Salat zum Beispiel bleibt eine Sorte nur noch zwei bis drei Jahre erfolgreich auf dem Markt, dann wird sie schon von der nächsten überholt. Früher dauerte es mindestens so lange, bis sich überhaupt herumgesprochen hatte, dass eine neue Sorte gut sei. Heute sind die Versuchsergebnisse per Mausklick in ganz Europa erhältlich. Dann wird der gleiche Salat innert sehr kurzer Zeit überall angebaut, und parallel dazu verbreiten sich die Krankheiten und Schädlinge – ebenfalls sehr viel schneller aus als früher.

    Um bei dem Rhythmus mitmachen zu können müssen mehrere Generationen der Züchtung in einem Jahr gemacht werden können. Das ist unter Biobedingungen nicht möglich und für eine vielseitige, bäuerliche Landwirtschaft eigentlich auch nicht notwendig. Hier sind andere Auszeichnungsmerkmale wichtig, z.B. Feldresistenzen.

    Biogemüse wird zu geschätzten 10-20% aus Biosaatgut gemacht, weniger als die Hälfte davon (unter 5%, je nach Kultur) stammt aus der Schweiz. Die Wertschöpfung ist bei Gemüse zwar sehr viel grösser als bei Getreide, aber die Biozucht kann beim oben-erwähnten Sortenkarussell – die Sorten dominieren beim Gemüse alles – einfach nicht mithalten.

  • Saatgutproduktion

    Das meiste hier erhältliche Saatgut stammt aus dem Ausland, für viele Kulturen ist unser Klima nicht stabil genug. Salatsamen zum Beispiel kann man bei uns ungeschützt im Freien kaum machen: ein einziges Gewitter kann die ganze Ernte vernichten.

    Wieso Saatgut kalibriert, pilliert und geprimed wird

    Bäuerliche Landwirtschaft ist arbeitsintensiv und der Gemüsebau besonders. Zwar können für standardisierte, uniforme Arbeiten Menschen durch Maschinen ersetzt werden. Aber Leben ist nicht standardisiert… Und auch wenn bei der Zucht gewisse Eigenschaften gefördert werden, das Saatgut muss, um mit der Sämaschine ausgebracht werden zu können, kalibriert und (z.B. mit Gesteinsmehl) pilliert sein.  Nur so kann eine Maschine die Samen einzeln und im richtigen Abstand säen. Weiter wird das Saatgut primiert (vorgekeimt), um die Keimgeschwindigkeit und –rate zu erhöhen. Das tönt einfacher, als es ist: ein biokompatibles Priming zu finden ist manchmal fast die noch grössere Herausforderung als die Saatgutzucht selber, aber für den professionellen Anbau ein absolutes Muss damit das ganze Feld gleichmässig und beständig wächst.

    Um das Saatgut vor Pilzen, Krankheiten und Schädlingen zu schützen wird es häufig gebeizt. Dazu werden bei konventionellem Saatgut oft chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verwendet. Als „ungebeiztes Saatgut“ wird nicht etwa nur unbehandeltes Saatgut bezeichnet (Pflanzen, die ohne Beize klar kommen sind widerstandsfähiger), sondern auch solches, das keine Rückstände mehr aufweist. Es kann also durchaus z.B. mit Fungiziden behandelt– und danach wieder abgespült – worden sein. Da im Biologischen Anbau mehr mit konventionellem Saatgut gearbeitet wird als mit biologischem, kommt also auch konventionell behandeltes (und danach „gereinigtes“) Saatgut auf den Bioacker.

  • Wie soll das in der Zukunft weitergehen?
  • Neue Züchtungstechnologien

    Eine grosse Unsicherheit liegt bei den „neuen Züchtungsmethoden“, besser “neue gentechnische Methoden” genannt. Müssen Methoden wie CRISPR-Cas und TALEN deklariert und als Gentechnik eingestuft werden oder nicht? Das bisherige Gesetz ist eigentlich klar und die Diskussion sollte gar nicht stattfinden, handelt es sich doch bei CRISPR-Cas, TALEN etc. um im Labor gemachte genetische Manipulationen. Aber Gentechnik stösst bei den KonsumentInnen auf Ablehnung, und so plädiert die interessierte Industrie für eine Deregulierung des geltenden Gesetzes zu Gunsten der „neuen Züchtungsmethoden“ – es werde ja nicht mit artfremden Genen manipuliert und ausserdem seien in der ausgewachsenen Pflanze auch keine Rückstände des Eingriffs mehr sichtbar.

    Für die Biozüchtung ist das ein grosses Problem: Häufig werden in der Biozüchtung konventionell gezüchtete Sorten eingekreuzt um bestimmte, erwünschte Charakteristiken zu fördern. Bisher konnten alle Sorten als Kreuzungspartner in einem Biozüchtungsprogramm verwendet werden. Wenn nun Sorten, die mit neuen gentechnischen Methoden gezüchtet wurden nicht als solche deklariert werden müssen wird es für Biozüchter schwierig, herauszufinden, welche Sorten sie noch einkreuzen dürfen und welche nicht. Es existiert keine Positivliste aller im Biolandbau erlaubten Sorten. Bis dahin wird die Diskussion wohl weitergehen.

  • 100% Biosorten

    Dass im Biolandbau ausschliesslich Biosorten angebaut würden, bleibt wohl noch länger ein Traum. Aber die neue EU-Bioverordnung verlangt 100% Biosaatgut und geht damit einen sehr willkommenen erster Schritt dahin. Die Übergangsfrist läuft bis zum 31.12.2035.

  • Die bäuerliche Landwirtschaft kann die Welt ernähren. Aber...

    …sie braucht das nötige Saatgut für Produktionsart und -ort geeignete, gesunde und leistungsfähige Nutzpflanzensorten.

    Ob Bio oder nicht-Bio: wir wollen eine vielfältige, standortangepasste, gentechfreie low-input Landwirtschaft. Dazu brauchen wir konzern- und copyright-unabhängiges, samenfestes Saatgut und resistente, stresstolerante Kulturpflanzen. Das kann eine aktive staatliche Beteiligung an Sortenzüchtungsprogrammen für wichtige Kulturarten ermöglichen.

    Allerdings liegt der Ball nicht nur beim Staat: Saatgut (von Biosorten auf dem Betrieb selber nachbaubar) ist Teil des Biohofsystems. Viel zu häufig wird es wie ein Betriebsbudget-Posten behandelt, bei dem man kostensparend Kompromisse eingehen kann. In der Logik des Biolandbaus muss Biosaatgut eingesetzt werden – Zugeständnisse sollten wenn nötig an anderer Stelle gemacht werden.

  • Weiterführende Links

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  1. Madame, Monsieur,
    Votre information concernant la production de semences en Suisse pourrait prêter à confusion. En effet, dans le cas des céréales par exemple nous produisons 95% des semences en suisse. De plus, dans le cas du blé il s’agit pour l’essentiel d’obtentions suisses, élaborée dans le cadre d’un programme public-privé. Je précise encore que la partie privée est entièrement en mains des agriculteurs. Nous produisons également des semence de pommes de terre (80% production suisse), de soja, de pois, maïs, plantes fourragères. C’est bien volontiers que nous vous invitons au siège de notre société coopérative pour vous expliquer plus en détail toute l’étendue de notre travail. Ce serai aussi l’occasion de vous informer plus en détail sur le schéma “Organisation der Saatgutproduktion in der Schweiz” que vous avez mis en liens sur votre page, sans toutefois l’expliquer.
    N’hésitez pas à nous contacter, nous nous ferons un plaisir de vous recevoir à Delley. Dans cette attente, nous vous adressons, Madame, Monsieur, nos salutations les meilleures.

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