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Corona und Globale Landwirtschaft

Auf die Coronakrise folgt eine Wirtschaftskrise von enormen Ausmassen. Insbesondere in armen Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens drohen Versorgungsengpässe und Hungersnöte.

Es ist nicht die Frage, ob, sondern wie stark und wie lange auf die Coronakrise eine globale Rezession folgt. Und am meisten leiden darunter wie immer die ärmsten den Armen. Auch wenn bei uns mit Rekordarbeitslosigkeit, Konkursen von unzähligen Kleinunternehmen und der Verarmung von Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen (in der Landwirtschaft ein Grossteil und vor allem Frauen) zu rechnen ist. Der Lockdown verursacht schon jetzt in der Dritten Welt grausames Massenelend.

  • Von der Land- zur Stadtflucht

    Zum Beispiel die grossen Städte in Indien: Abgesehen von einer sehr dünnen Mittelschicht und einer noch dünneren Oberschicht, leben die meisten Beschäftigten als Tagelöhner buchstäblich von der Hand in den Mund. Für sie gibt es keine Hilfszahlungen, Kurzarbeit oder dergleichen. Sie verlieren bei einem Lockdown ihres Arbeitgebers von heute auf Morgen nicht nur die Stelle, sondern auch das nötigste an Nahrung und anderen lebensnotwendigen Gütern. In vielen Ländern des globalen Südens geben Menschen einen Grossteil ihres Einkommens – teilweise bis zu 95 Prozent – für Essen aus. Auf die sogenannte Landflucht folgt die Stadtflucht, zurück in die ruralen Strukturen, wo sie sich wenigstens Nahrung und Unterstützung von ihren Verwandten versprechen. Allein in Kolumbien versuchen Millionen von venezolanischen Tagelöhnern in ihr Heimatland zurückzukehren und werden von den Quarantänemassnahmen dabei massiv behindert und landen unter jämmerlichen hygienischen und humanitären Bedingungen in unterversorgten Massenlagern.

  • Drohende Hungersnöte

    Zur Zeit leiden rund 820 Millionen Menschen weltweit an Hunger. Einstmals vorhandene Reserven sind durch die klimabedingten Dürren oder Überschwemmungen in den letzten Jahren längst aufgebraucht. Ostafrika ist zudem von einer Heuschreckenplage biblischen Ausmasses bedroht, die sich auch auf den arabischen Raum und den gesamten Maghreb ausbreiten könnte. Laut der UN Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO sind von den Hungernden wiederum 113 Millionen auf externe Nahrungsmittelhilfe angewiesen, um zu überleben. Für diese Menschen ist jede Unterbrechung der Versorgung mit Nahrungsmitteln, wie sie COVID-19 mit sich bringen könnte, lebensbedrohlich.

    Ohnehin fehlt es in den meisten Drittweltstaaten an medizinischer Infrastruktur, staatlichen sozialen Netzen und Versorgungssicherheit. Die schlechte Nahrungsmittelversorgung, eingeschränkte Transportmöglichkeiten und Spekulationen aufgrund von Corona, sowie die weltweite Wirtschaftskrise werden diese Staaten noch mehr in die Knechtschaft von industriellen Landwirtschaftskonzernen zwingen und die Nahrungsmittelpreise auf den Märkten in die Höhe treiben.

    Im Moment steht im globalen Süden, insbesondere in Afrika, die Anbausaison bevor. Doch selbst wenn sich die Kleinbauern durch die akute Krise kämpfen und eine gute Ernte einfahren könnten, droht ihnen, dass die Märkte zum Verkauf eventueller Überschüsse geschlossen sind. Ein Schicksal, dass auch in der Schweiz viele Bauern in den letzten acht Wochen teilten. Wenn auch in weitaus weniger bedrohlichem Umfang. Denn in der Dritten Welt und Schwellenländern leiden nicht nur die Landarbeitenden unter der Schliessung der, oft informellen, Wochenmärkte. Auch die Konsumentinnen und Konsumenten. Schätzungen zufolge werden bis zu 80 Prozent des Essens auf der Welt auf solchen informellen Märkten verkauft. Die Produzierenden können ihren Lebensunterhalt nicht verdienen und die Konsumierenden sich nicht mit Nahrung versorgen.

    Ausserdem ist es sehr wahrscheinlich, dass in der Dritten Welt allfällige Ernteüberschüsse mangels Lagerkapazitäten verloren gehen. Und wenn nicht, werden die mittlerweile bereits um fast 50 Prozent gestiegenen Preise auf überlebenswichtige Grundnahrungsmittel wie Zucker, Salz oder Öl ihre Reserven schnell auffressen. Staatliche Hilfe wie in den Westlichen Ländern gibt es keine.

  • Helfende werden hilfsbedürftig

    Beispiel Sudan: Der jahrelange Bürgerkrieg hat ein Drittel der Gesundheitsversorgung zerstört. Ärzte, Ärztinnen und Krankenschwestern erhalten nur selten einen Lohn. Und wenn, ist er kaum ausreichend um mit die gestiegenen Lebensmittelpreise aufzuwiegen. Selbst aus den Helferinnen und Helfern werden Hilfsbedürftige.

    Die massiven Heuschreckenschwärme vom Horn von Afrika sind auch im Südsudan angekommen, konnten aber noch keinen grossen Schaden anrichten, weil noch nicht Erntezeit ist. Die UN Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO bereitet sich aktuell darauf vor, Pestizide zur Eindämmung der Heuschrecken zu sprühen. Die Folgen für die Umwelt können ebenfalls verheerend sein, da die Pestizide  auch nützliche Insekten vernichten.

  • Freihandel blockiert

    Ebenso drastisch sind die Einschnitte im weltweiten Handelssystem. Durch die Corona-Krise wird deutlich, wie stark unser Ernährungssystem von globalen Handelsströmen und Wertschöpfungsketten abhängt – und wie Krisenanfällig dieses System ist, das nicht auf eine lokale Versorgung, wie sie zum Beispiel die Ernährungssouveränität fordert, sondern marktliberale, industrielle Landwirtschaft setzt. Diese funktioniert aber (wenn überhaupt) nur bei einem unbegrenzten Warenverkehr über Grenzen und Kontinente hinweg. Sind die Grenzen dicht, wird es mit den Transportwegen und der internationale Logistik eng. Je geringer der Selbstversorgungsgrad eines Landes, um so verheerender die Folgen.

  • Schwankende Lebensmittelpreise

    Erste Auswirkungen sind bereits jetzt erkennbar: Die Lebensmittelpreise schwanken extrem. Das betrifft den globalen Süden ebenso wie den Norden. Zum Beispiel sind die Reispreise deutlich gestiegen, seit einzelne südostasiatische Länder ihre Reisexporte ausgesetzt haben. Noch droht hier keine Versorgungsknappheit, denn die weltweiten Getreidespeicher sind gut gefüllt. Doch nutzen volle Speicher den Menschen nur, wenn das Getreide auch über Länder hinweg transportiert und verteilt werden kann. Gleichzeitig ist es verständlich, dass einzelne Staaten wie Vietnam oder Thailand derzeit versuchen, ihre Vorräte weiter aufzustocken und vom Weltmarkt zu nehmen, um ihre eigene Bevölkerung zu versorgen.

    In der EU, die in den letzten Jahren stark auf industrielle Landwirtschaft und Exporte gesetzt hat, zeigt sich das Problem von der umgekehrten Seite. Durch mangelnde Absatzmärkte sinken die Preise, Bäuerinnen und Bauern kämpfen mit Verlusten – und sind die Leidtragenden einer verfehlten europäischen Agrarpolitik.

    Wie sich die Corona-Krise auch auf den Anbau von hiesigen Lebensmitteln auswirkt, wird sich wohl erst in der nächsten Saison zeigen. Doch damit es nicht zu Einbrüchen kommt, ist es vor allem wichtig, dass Bäuerinnen und Bauern ihre Saat ausbringen können, dass der Anbau weiterlaufen kann. Hier zeigt sich einmal mehr, dass die agrarökologische Landwirtschaft gegenüber der industriellen einen Vorteil hat. Anders als die industrielle Landwirtschaft sind agrarökologische Ansätze nicht auf den Zukauf von Industriesaatgut angewiesen, sondern das Saatgut ist regional vorrätig. Durch gesperrte Zufahrtsstrassen oder geschlossene Grenzen, kann es zu Lieferproblemen beim Saatgut kommen. Zudem fehlt besonders Kleinbäuerinnen und -bauern – wenn das Einkommen wegbricht – das Geld, um Saatgut zu kaufen.

  • Massnahmen gegen den Hunger

    Noch ist die Hungerkrise nicht eingetreten. Doch die FAO ist stark alarmiert und warnt eindrücklich vor den möglichen Folgen der COVID-19-Krise. Daher ruft die FAO dringend alle Regierungen weltweit auf, entsprechende Massnahmen zu treffen, um eine Hungerkrise zu verhindern und sich vor allem auf die marginalisiertesten Bevölkerungsgruppen zu fokussieren.

    Angesichts der politischen Grosswetterlage scheinen die dringend nötigen Massnahmen zur Verhinderung einer globalen Hungerkrise utopisch. Der von FAO, Linken Organisationen, NGOs und Bauerninitiativen geforderte Ausbau sozialer Sicherungssysteme ist weniger wahrscheinlich als ein weiterer Abbau derselben.

    Eine weitere Hauptforderung wäre mit dem nötigen politischen Willen hingegen relativ einfach erfüllbar. Internationale Bauernorganisationen fordern, dass lokale Märkte unbedingt geöffnet bleiben müssen. Dabei sollten natürlich strenge Sicherheitsmassnahmen zum Schutz gegen Corona eingehalten werden.

    Laut dem deutschen Institut für Welternährung hat uns die Pandemie einmal mehr klar gemacht, wie riskant es ist, dass wir uns (trotz angenommener Ernährungssicherheitsinitiative) immer mehr auf Freihandelsabkommen und den Weltmarkt verlassen, und immer weniger regionale Lebensmittel essen. Die Unsicherheit kommt aber auch durch die zerstörerischen Anbaumethoden, die Biodiversität und Klima in Gefahr bringen.

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