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Das dreckige Geschäft mit dem Dreck

Erst jetzt wird breiten Teilen der Öffentlichkeit bewusst, was Wissenschaftler schon in den 70ern anmahnten und eigentlich seit den 80ern unwidersprochen ist: Die überbordenden Plastikabfälle verseuchen auf katastrophale Umwelt und insbesondere Gewässer und drohen, durch die Ausrottung der Fischbestände die globale Nahrungskette schon sehr bald zerstören könnten. Weniger bekannt ist, dass Müll aller Art ein profitables Geschäft ist.

Kaum zu glauben. Aber ausgerechnet Müll, insbesondere Plastikmüll, war in den letzten Jahrzehnten einer der Motoren des beispiellosen Wirtschaftswachstums der VR China. Im grossen Stil kaufte China recyclierbare  Plastikabfälle, wie zum Beispiel Petflaschen, auf, produzierte daraus Kleider und Gebrauchsgegenstände, die dann wieder in alle Welt exportiert wurden.

Allein 2016 hat China Plastikabfälle im Wert von 3,7 Milliarden Dollar eingeführt. Das ist mehr als die Hälfte der Weltweiten Importe. Die EU exportiert sogar 87 Prozent aller Plastikabfälle nach China. Der Grund ist denkbar simpel. Chinesische Recyclingunternehmen zahlten 20 Dollar mehr für recyklierbaren Müll, als ihre Konkurrenten zum Beispiel in Deutschland.

Chinesen kaufen nicht mehr jeden Dreck

Doch die Chinesen müssen nicht mehr jeden Dreck aufkaufen. Seit dem 2. Januar 2017 ist der Import von von 24 Müllsorten verboten. Darunter unter anderem Elektroschrott, Altpapier und Plastikmüll. Seit März 2018 führten die Chinesen weitere Beschränkungen ein, mit dem Ziel 2019 den Import von ausländischem Müll zu europäischen Konditionen komplett zu stoppen.

Laut dem chinesischen Umweltministerium ist der Grund die zunehmende Umweltbelastung durch den importierten Müll. Der Yangtsee ist mittlerweile der am stärksten mit Plastikmüll verseuchte Fluss der Welt und befördert jährlich 300›000 Tonnen Plastik ins Meer.

Für die EU-Staaten ein harter Schlag. Laut dem englischen Guardian leidet vor allem Grossbritannien schon jetzt unter dem Importverbort. Nur kurze Zeit nach Inkrafttreten türmen sich offenbar die Abfallberge türmen vor den britischen Recycling-Anlagen. Droht Europa im Müll zu ersticken, weil es seinen Müll nicht mehr in China abladen kann?

Die Deutsche Umwelthilfe sieht, ganz im Sinn des chinesischen Sprichwortes, in der Krise eine Chance. Anstatt gedankenlos immer mehr unnötige Abfälle zu produzieren und in Fernost abzuladen, erhofft sich die Umweltorganisation eine bessere Kreislaufwirtschaft und Vermeidungspolitik, die so oder so nötig wäre.

Industrie sucht andere Müllhalden

Doch leider sieht sich die Industrie eher versucht, sich nach anderen Abnehmerländern umzusehen. Vietnam, Malaysia, Thailand, afrikanische oder südosteuropäischen Ländern wie Bulgarien und Rumänien, drohen bereits zu den neuen Müllhalden der reichen Länder zu werden. Dabei sind solche Müllexporte auf dem Papier in vielen Industrieländern schon lange verboten. Müll soll möglichst nah am Ort seiner Entstehung vermieden, verwertet, vernichtet oder deponiert werden, schreibt die europäische Richtlinie 75/442/EWG bereits seit dem Jahr 1975 vor. Ausserdem schreibt das sogenannte Inlandprinzip eigentlich vor, dass im Inland anfallender Müll grundsätzlich im Herkunftsland entsorgt werden soll.

Doch Elektroschrott zum Beispiel, wird bereits seit Jahren im ganz grossen Stil nach Ghana verschifft. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen fallen weltweit jedes Jahr über 50 Millionen Tonnen Elektromüll an und ein Großteil dieser Millionen Tonnen landet hier. Aus der malerischen Lagune bei der Hauptstadt Accra ist mittlerweile eine hochgiftige Sondermüllhalde geworden. Auch  Nigeria unterhält grosse Halden für illegal verbrachten Müll, gefolgt von der Elfenbeinküste und der Demokratischen Republik Kongo. In Asien wird «E-Waste» unter anderem in Indien, Pakistan und Bangladesch auf oft illegale Weise entsorgt.

Krumme Geschäfte an der Tagesordnung

Denn im Müllentsorgungsgeschäft geht es keineswegs immer mit rechten Dingen zu. Bietet ein «Müllmakler» an, fällige Pestizide oder Filterstäube etwa für die Hälfte des normalen Entsorgungspreises abzunehmen, schlagen gerade kleine und mittlere Unternehmen gerne ein. Der nötige Entsorgungsnachweis wird eher lax kontrolliert. Hauptsache, der Dreck ist weg.

Müllschieber, zum Beispiel der Italienischen Mafiaorganisation Camorra, aber zunehmend auch osteuropäische «Firmen» haben im illegalen Müllhandel eine risikofreie Goldgrube entdeckt. Wenn ein Endabnehmer per Unterschrift bestätigt, dass es sich bei dem Müll um ein wiederverwertbares Wirtschaftsgut oder – allen Ernstes – um eine kostenlose humanitäre Spende handelt, ist den Müllschiebern kaum etwas nachzuweisen.

Allein mit der illegalen Entsorgung von von Elektroschrott vor allem in Afrika und Asien verdienen die Müllschieber laut UNO-Angaben bis zu 19 Milliarden Dollar pro Jahr. „Bis zu 90 Prozent des jährlichen weltweiten Elektromülls werden illegal gehandelt oder entsorgt”, beklagte die Uno-Umweltorganisation Unep bereits 2016 in ihrem Bericht „Waste Crimes, Waste Risks“. Die Hauptleidtragenden sind wie immer die Kinder. Bis zu 20›000 Kinder sollen auf Halden wie jener bei Accra arbeiten und aus Elektroschrott seltene Metalle und andere wiederverwertbare Bestandteile herausholen und dabei giftigen Dämpfen ausgesetzt sein.

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