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Den Konzernen die Wertschöpfung, den Bauern die Kette

Die Tagung zum Welternährungstag am 16.10. 2020 stand im Zeichen der Rechte der Bauern und Bäuerinnen, die den grössten Anteil an der Nahrungsmittelproduktion beitragen, aber mit dem kleinsten Teil der Wertschöpfung abgespeist werden.

Eröffnet wurde der Vortragsreigen an der Tagung «In den Mühlen der Wertschöpfungskette – Die Rechte der Bäuerinnen und Bauern» vom Zürcher SP-Nationalrat und Swissaid-Co-Präsident Fabian Molina. Mit der Vergabe des Friedensnobelpreises an die Welternährungsorganisation FAO hätte das Nobelpreiskomitee ein deutliches und zeitgemässes Zeichen gesetzt. «Ohne Nahrung kein Frieden» sagte Molina und präzisierte, dass die grosse Mehrheit der 850 Millionen akut unter Hunger leidenden Menschen mehrheitlich in Kriegs- und Krisengebieten leben. «Hunger ist ein Kriegsmittel. Hunger ist rohe Gewalt».

Zur Zeit seien 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Sowohl vor Krieg, Unterdrückung und eben auch Hunger. Die Coronakrise  verdrängt zwar die Thematik aus der öffentlichen Wahrnehmung aber, so Molina, «sie wirkt wie ein Brennglas für die wachsende Ungerechtigkeit.»

Die Uno-Deklaration der Rechte von Bauern, Bäuerinnen und Menschen in ländlicher Umgebung sei ein wichtiger Schritt. «Doch Papier ist geduldig. Es ist auch an uns, diese Rechte international umzusetzen.»


  • Was sind internationale Ernährungssysteme

    Was man unter Ernährungssystemen zu verstehen hat, erläuterte die Politikwissenschaftlerin und Juristin, Dr. Ana Maria Suarez Franco.

    Suarez Franco, die auch die Menschenrechtsorganistaion FIAN (International – FoodFirst Information and Action Network) in der UNO vertritt, erklärte, dass Ernährungssysteme holistisch seien. Dass heisst, dass sie verschiedenste Faktoren vernetzt miteinbeziehen. Wogegen die traditionelle Agrarpolitik und «Entwicklungshilfe» fragmentarisch organisiert sei. So liessen sich aber komplexe Probleme nicht lösen. In den letzten Jahren ist die Zahl der Hungerleidenden auf der Welt um jährlich 60 Millionen Menschen gewachsen. 2019 waren es 690 Millionen Menschen. Und es sei keine Trendwende in Sicht. Im Gegenteil. Bezugnehmend auf die von Molina genannte Zahl, erklärte Suarez, dass durch die Corona-Krise allein in diesem Jahr weitere 132 Millionen hinzu kommen könnten.

    Die Industrialisierung der Landwirtschaft leiste dieser Entwicklung Vorschub. 70 Prozent der Nahrungsmittel würden von bäuerlichen Betrieben produziert. Die Industrielle Landwirtschaft trage nur 30 Prozent bei, weil sie einen Grossteil der potenziellen Nahrungsmittel als Tierfutter, «Bio-Treibstoff» und ähnliches zweckentfremdet. Dadurch entstünden der Allgemeinheit, also den Staaten, sprich Steuerzahlerinnen und -zahler, enorme soziale und ökologische Kosten. Sie würden ganz nach neoliberalem Denkmuster die Verluste der Gemeinschaft aufgelastet und die Gewinne von privaten Grosskonzernen abgerahmt.

    «Es braucht einen Paradigmenwechsel. Die weltweite aktive Förderung von Kleinbetrieben, Küstenfischern und Landarbeitenden. Agroökologie statt Agrobusiness. Die politische Teilhabe der Kleinbauern und Landarbeitenden und den konzentrierten Schutz und die Regeneration der Umwelt.»

    Ausserdem eine Rechenschaftspflicht für eine menschenrechtsbasierte Durchsetzung dieser Forderungen, der Frauenrechte, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und die Umverteilung des Reichtums. Der Schweiz komme dabei eine besondere Rolle zu, weil sie als eines der wenigen Industrieländer die UNO-Deklaration zu den Bauernrechten unterzeichnet hat.

  • Grosse Erfolge in Mali

    Dass Ernährungssouveränität – die im wesentlichen mit der UNO-Deklaration übereinstimmt – auch im grösseren volkswirtschaftlichen Zusammenhang durchaus funktionieren kann, bestätigte Dr. Mamadou Goïta von der malischen IRPAD (Institut de Recherche et de Promotion des Alternatives en Développement). Der Souialökonom, der auch an der Deklaration der Bauernrechte mitbeteiligt war, hat seine Arbeit ganz in den Dienst der Ernährungssouveränität und die Interessen der bäuerlichen Landbevölkerung und der viehzüchtenden Halbnomaden gestellt. Mit hart erkämpften, aber ausgesprochen ermutigenden Resultaten. Heute funktioniert die Ernährungssouveränität dank und durch die Regierung. Doch dahin war es ein langer Weg. Um auf nationaler Ebene eine holistische Ernährungssouveränität aufzubauen, müsse man zuerst die Kleinbauern und Landarbeitendende zu einer Bauernbewegung mit einheitlichen Forderungen und klarer Strategie organisieren, sowie Bündnisse mit Forschern und anderen Organisationen eingehen. So gelang es den Bäuerinnen und Bauern in Mali 2006 ein Gesetz durchzusetzen das 2007 das mittlerweile zu den Kernforderungen der internationalen Kleinbauernbewegung von Via Campesina zählt.

  • Ernährungssicherheit und neue Arbeitsplätze

    Mit dem Gesetz erkannte die malische Regierung das Recht der Kleinbauern und Halbnomaden auf Zugang zum Land an. In der Organisation der staatlichen Landwirtschaft sind auch die Kleinbauern stark involviert. Mittlerweile stammen fast 100 Prozent des malischen Saatgutes aus eigener Produktion und muss nicht mehr importiert werden. 80 Prozent der Nahrungsmittel werden im Inland produziert und verarbeitet. Eine Quote, die keine westliche Industrienation auch nur annähernd erreicht. Die Erträge und der Versorgungsgrad der Bevölkerung hat sich durch die Agrarökologie  stark verbessert. Dank der Verarbeitung im Inland entstehen zudem stetig neue Arbeitsplätze. In der Produktion werden auch die Konsumenten einbezogen. Zwar gab es anfänglich Konflikte zwischen den Viehzüchtern und Ackerbauern. Doch durch die jetzt aktive Bodenrechtskommission konnten nicht nur zahlreiche Konflikte gelöst werden. Auch der Landzugang für Frauen und Jungbauern sei mittlerweile gewährleistet. Das malische Projekt hat Signalwirkung und beeinflusst – je nach politischer Lage – die Landwirtschaftspolitik der anderen westafrikanischen Staaten.

  • Beispiel Schweizer Brotgetreide

    Dr. Sophie Reviron von der landwirtschaftlichen Beratungszentrale der kantonalen Fachstellen erläuterte die ungerechte Wertschöpfungskette am Beispiel des Schweizer Brotgetreides. Löhne für die Produktion (also Getreideanbau, Mühlenarbeit und Bäcker) machen alles in allem gerade mal ein Viertel des Brotpreises aus. Der Anteil des Getreides am Gesamtpreis ist gerade mal 10 Prozent.

    Es gelte im Wesentlichen die Situation der kleinen bäuerlichen Betriebe, zum Beispiel durch ökonomischen Allianzen zu verbessern. Um nur einige zu nennen mit Müllereien und Bäckereien.

  • Bauernrechte im Detail

    Christophe Golay, Forschungsbeauftragter für Menschenrechte und humanitäres Recht an der Genfer Acadamy of international und humanitarian rights erläuterte im Wesentlichen die durchaus fortschrittliche aber noch verbessungswürdige Rolle der Schweiz bei der Umsetzung der Uno-Erklärung zu den Rechten der Kleinbäuerinnen und -Bauern (Link: https://fian-ch.org/de/unser-einsatz/themen/bauernrechte.html).

    Im Anschluss wurde von konkreten Projekten im Sinne der Uno-Erklärung vorgestellt.

  • Konkrete Projekte

    Den Anfang machte Monika Baumann vom Verein für biodynamischen Pflanzenzüchtungen GZPK. Sie schilderte die Rolle der Sortenzüchtungen für einen nachhaltigen Getreideanbau. Im Schnitt dauere es 15 Jahre eine neue Sorte zu entwickeln. Von den jährlich 120 neu ausgelegten Kreuzungen bleiben am Ende 1-2 Sorten, die die erforderlichen Kriterien bezüglich Bodenbeschaffenheit, Nährwert, Verarbeitungsqualität und Geschmack erfüllen.

    Die aufwändige Entwicklungsarbeit der GZPK leide unter akuten Finanzproblemen. Obwohl letztlich die ganze Wertschöpfungskette und natürlich die Konsumenten von der Forschung des Vereins produzieren, sind die einzigen offiziellen Kostenträger die Bauern, mit 15 Prozent des Budgets. Der Rest kommt über Mitgliederbeiträge und Spenden zusammen.

    «Die Frage ist, wie Biozüchtungen in Zukunft in der Schweiz finanziert werden soll», so Baumann abschliessend. Dies gilt insbesondere Nischenprodukte, die einen grossen Beitrag zur Biodiversität und Ernährungsvielfalt leisten.

  • Erfolgreiches Basisprojekt

    Wie regionale Direktvermarktung über Gemüseabos auch als Kollektiv funktioniert, erklärte Tamara Köke vom Verein TaPatate.

    Die Gemüseabonnenten kaufen ihr Gemüse faktisch im Voraus. Sie setzen mit TaPatate im Vorfeld fest, welches saisonale Gemüse sie zu welchem Preis in welcher Menge bestellen. So sind die Produktionskosten im Vornherein gedeckt und es werden keine Überschüsse produziert. TaPatate nennen ihre Abonnenten nicht Konsumenten, sondern Prosumenten. Denn die Abonnenten haben nicht nur Mitspracherecht. Sie arbeiten auch an zwei Tagen im Jahr in der Landwirtschaft mit, was laut Köke nicht nur das Gemeinschaftsgefühl fördert, sondern auch einen Bildungseffenkt für die Städter hat. Mit vier Teilzeitangestellten und der Arbeitsleistung der Abonnenten produziert der Verein mit zusammengenommen ca 2,5 Vollzeitstellen Gemüse für 200 Abonnenten im Umkreis von 30 Kilometern.

  • Die Städte einbeziehen

    Das der Einblick der Stadtbevölkerung in die Produktionsumstände ihrer Nahrungsmittel von grosser Bedeutung ist, erläuterte Alessandra Roversi von der Schweizer Stiftung Biovision.

    «Die Bauernschaft wird immer älter, während es die Jungen in die Stadt zieht.» Allerdings biete die spezielle Schweizer Geographie und Topographie aber eine ideale Voraussetzung, um Brücken zwischen Stadt und Land zu schlagen.

    Es würde gern vergessen, dass Bauernhöfe eben auch Unternehmen sind. Im Rahmen des Projektes der 2000-Watt Gesellschaft hätten die Städte bereits zahlreiche Projekte lanciert, die ein besseres Verständnis über den Zusammenhang zwischen Produktion und Konsum von Nahrungsmitteln vermitteln. Sei es mit dem städtischen Tomatenanbau, Kompostprogrammen gegen Foodwaste oder dem Urban Gardening. «Solche ökosystemischen Ansätze haben durchaus auch eine soziale und kulturelle Komponente.»

    Die Stadt Genf hätte eigens eine «Stadtmühle» gebaut. Saftanlagen unterstützen die regionale Gastronomie. Restaurants und Läden wiederum  können im Gegenzug regionale Produktion fördern, was sie häufig bereits tun.

    Die Städte an sich seien auch Grosskonsumentinnen. Mit speziellen Kochkursen kann man auch finanzschwachen Haushalten helfen, sich gesund und preiswert zu ernähren. Grosse Erfolge verzeichne man bei der zunehmenden Nachhaltigkeit von Schulkantinen. Solche Ansätze sind um so wichtiger, da der Grossteil des Foodwaste in Privathaushalten stattfindet.

  • Weizen als Foodwaste-Beispiel

    Diesem Thema widmete sich Karin Spori von Foodwaste.ch eingehender mit ihrem Vortrag «Weizen – Vom Feld (nicht) auf den Teller».

    Es gibt in der Schweiz zahlreiche einfallsreiche Projekte zur verminderung von Foodwaste. Die «Äss-Bar» in Zürich, Bern, Basel, St. Gallen, Winterthur, Luzern, Fribourg, Biel und Lausanne ist nur ein Beispiel qualitativ hochwertige Nahrungsmittel vor dem Müllkontainer zu bewahren. «Backwaren frisch von Gestern» oder das Basler Backwarenoutlet. Etliche Foodsharing-Projekte oder Restess-Bars und Cateringdienste sind weitere von mittlerweile wohl hunderten Schweizer Modelle gegen Foodwaste. Den Löwenanteil der weggeworfenen essbaren Lebensmittel machen Brot und Backwahren aus. Dass sei von der Umweltwirkung pro Kilo zwar weit weniger schädlich als das Wegwerfen von Fleisch, Kakao oder Kaffe. Doch die schiere Menge macht das weggeworfene Brot zu einem der Hauptprobleme.

    Kommt hinzu, dass ein grosser Teil des Getreides nicht einmal zu Nahrung für Menschen verarbeitet würde. «21’000 Tonnen Brotweizen wurden dieses Jahr in der Schweiz zu (billigerem) Futterweizen degradiert. Das bedeutet , wegen dem geringeren Finanzertrag, auch Verluste für die Getreidebauern.» Ein weiteres Problem sei, dass dem Weissmehl die Kleie entzogen wird, obwohl gerade hierin die meisten Nährstoffe enthalten seien. Ausserdem seien laut der eines Forschungsprojektes der Zürcher Fachhochschule für angewandte Wissenschaften 25 Prozent des Weizenz mit zum Teil giftigen Schimmelarten befallen. Allerdings sei es mittlerweile möglich, den Weizen mit Enzymen und gezielt eingesetzten Microorganismen wieder Essbar zu machen.

  • Profite gerecht verteilen

    Zurück zum Kernthema der Veranstaltung kam letztlich Rahel Wyss von der Organisation Equal Profit (http.de.equalprofit.org).

    «Aktuell», so Wyss, «besitzt ein Prozent der Weltbevölkerung gleich viel, wie die übrigen 99 Prozent. Noch nie waren die Reichen so reich wie heute und durch Corona sind sie sogar noch reicher geworden.»

    Am meisten von Armut (und den wirtschaftlichen Coronafolgen) seien vor allem die Produzierendem auf dem Land. Kurz: Diejenigen die den grössten Teil zur Wertschöfpung von Nahrungsmittel beitragen, erhalten den geringsten Anteil der Profite. Vorläufig organisiert Equal Profit ein Pilotprojekt mit kollektiv, biologisch und fair produzierenden indigenen Kaffeebauern aus Mexiko, die Verarbeitung und Vertrieb ohne Zwischenhändler gemeinsam mit dem Schweizer Kaffeeverarbeiter und Händler XalaLa. Das Ziel von Equal Profit ist, dass der Profit entlang der Wertschöpfungskette prozentual gerecht an die Akteurinnen und Profit nach Gönnern, Partnern und vor allem Produzenten und Produkten geht. 

     

    Nach der Mittagspause zogen sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Tagung in Arbeitsgruppen, sogenannte «Panels» zurück, um Lösungsansätze für die genannten Probleme anzudenken und -diskutieren. Das Resultat war ein umfassender Katalog mal mehr, mal weniger durchdachter Handlungsansätze.

    Die Panels gliederten sich unter den Arbeitsthemen Saatgut, Landzugang, urbane Ernährungssysteme, Foodwaste, Wertschöpfungsketten und Ernährungssouveränität.

  • Neue Kriterien bei der Saatgutzucht

    Zuerst präsentierte das Saatgutpanel seine Lösungsvorschläge. In der Schweiz sollte die Sortenprüfung des Saatguts vermehrt auf traditionelles Saatgut ausgerichtet werden. Es brauche generell einen neuen Kriterienkatalog für die Saatgutzulassung, zum Beispiel mit grösserem Augenmerk auf Saatgut für höhere Lagen. Ausserdem gelte es bäuerliche Saatgutsysteme zu fördern und alternative Zertifizierungen zu Gunsten der Bauern anstatt der Saatgutkonzerne zuzulassen. Ausserdem müssen bei der Saatgutentwicklung auch die Städte und die realen Bedürfnisse der Bevölkerung einbezogen werden.

    Der Staat sollte, unter anderem, entsprechende lokale Diskussionen anstossen, einen grösseren Beitrag zur Finanzierung leisten und die gesamte Wertschöpfungskette zur Finanzierung der Saatgutforschung zur Kasse bitten. Zum Beispiel durch ein Kulturpflanzenpromill von Verarbeitern und Einzelhandel. Die Saatgutmonopole sollte der Staat stärkeren Restriktionen unterwerfen und stattdessen Züchtung und Bauern besser vernetzen.

  • Landzugang erleichtern

    Das Panel Landzugang erklärte, dass das geltende Schweizer Bodenrecht die aktuellen Machtverhältnisse wiederspiegele. «Wenige Grossbetriebe werden bevorzugt, wodurch auch die Bodenpreise steigen, was jungen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern mit Berufsausbildung den Einstieg ohne Überschuldung erschwert. Da die Bodenpreise unter anderem durch die Direktzahlung pro Hektar in die Höhe getrieben würden, sollte diese Form der Subvention gestrichen werden. Mit Bodenpreisbindungen und langjährigen Pachtverträgen könnte man der Spekulation ebenfalls Vorschub leisten. Und schliesslich müsste man das Arbeits- und Bodenrecht harmonisieren.

  • Nachhaltige Ernährungssysteme für Städte

    Drei Viertel der Schweizer Bevölkerung lebt in der Stadt. Entsprechend sollte man die Stadtbevölkerung in die Produktionsplanung einbeziehen und für die Situation der Produktionsbetriebe sensibilisieren. Minibauernhöfe in der Stadt könnten nicht nur diese Sensibilisierung fördern, sondern dank geschlossener Wertschöpfungskreisläufe auch einen Beitrag zur Vermeidung von Foodwaste leisten.

  • Weizen Lagern statt verfüttern

    Das Foodwaste-Panel veranschaulicht Lösungsansätze am Beispiel Weizen.

    Beim Weizen gehen insgesamt 50 Prozent der Energie verloren. Das Degradieren von gutem Brotweizen zu Futtergetreide sei zu verhindern, wenn man Überproduktionen einlagern und die Anbauflächen vorübergehend zu Biodiversitätsflächen umfunktionierte. Preisbindungskommissionen unter Mitsprache der Bäuerinnen und Bauern wären zudem geeignet, Überproduktion und Einkommensverluste einzudämmen. Was die nahrhafte Abfallkleie angeht, so könne man die Menschen kaum zwingen mehr Vollkornprodukte zu essen. Aber so, wie beim Joghurt schrittweise der Zuckergehalt gesenkt wurde, könne man ja auch dem Weissmehl schrittweise mehr Vollkornmehl zuführen. Ausserdem sei der Anteil des Budgets in Schweizer Haushalten mit 7 bis 10 Prozent im internationalen Vergleich sehr niedrig. Höhere Preise und grössere Transparenz über die Entsehungskosten wären möglicherweise ein wirksames Mittel gegen Foodwaste.

  • Genossenschaften stärken Bauern

    Das Panel «Wertschöpfungskette» empfiehlt zum Beispiel Milchbauern, sich zu Genossenschaften zusammenzuschliessen. Genossenschaftliche Milchproduktion könnte kürzere Transportwege, bessere Vermarktungsmöglichkeiten durch Direktverkauf, aber auch eine bessere Verhandlungsposition für faire Milchpreise von den Einzelhändlern fördern.

    Auf internationaler Ebene fordert das Panel grössere Transparenz über die tatsächlichen Produktionskosten und Bedingungen. Zum Beispiel darüber, wer die Akteure der Wertschöpfungskette sind, wer die Entscheidungsträger sind und wie die Preise diktiert werden. Über den Kakaopreis zum Beispiel wird nicht verhandelt, sondern er werde von den Konzernen fix festgelegt.

  • 50 Prozent des Getreidehandels läuft über die Schweiz

    Der Nahrungsmittelhandel, so das Panel Ernährungssouveränität, sei ein komplexes globales System. Die internationale Wertschöpfungskette bedeute eigentlich die Wertschöpfung für die Konzerne und die Kette für die Bauern. 50 Prozent des globalen Getreidehandels läuft über die Schweiz. Diese müsse deshalb dringend das Kartellrecht stärken, ernstnehmen und durchsetzen. «Transparenz allein nützt gar nichts. Wir müssen weg von den Ketten und hin zu Netzwerken.»

    Solidarische Landwirtschaftsprojekte, auch in Europa, müssten auf jeden Fall den Kampf aufrecht erhalten um nicht noch mehr Macht an die Konzerne zu verlieren. Die UN-Deklaration sei dabei ein wertvolles Instrument. Es gebe zahlreiche Ansätze zur dringend nötigen Frauenförderung in der Landwirtschaft. Lebensmittel und Wasser dürfen nicht zu Spekulationsobjekten werden. Zum ersten mal gehe es in dem UN-Papier, von offizieller Seite, bei der Landfrage nicht nur um Besitz- sondern auch Nutzungsrechte. Auch in Europa gebe es noch zahlreiche Kleinbauern. Statt die bei uns mittlerweile üblichen industriellen Ernährungssysteme zu exportieren, täten wir gut daran, uns Inspiration von sozialen und ökologischen Ernährungssystemen aus den Schwellenländern und dem Süden zu holen. Denn solche Systeme können, bei genügend Interesse und dem nötigen politischen Willen, durchaus auch bei uns Funktionieren.

  • In Zusammenhängen denken

    Das Fazit der Veranstaltung zog die Kantonsrätin (Grüne) und uniterre-Bäuerin Sylvie Bonvin-Sasonnens. «In der Landwirtschaft besteht die Tendenz, die Einzelaspekte losgelöst zu betrachten. Es ist ratsam, in Zusammenhängen, auch internationalen, und solidarisch zu denken, um die katastrophalen Folgen der Globalisierung rückgängig zu machen.» Dabei würden wir auf grosse Widerstände stossen, aber wir müssen die Akteure der Lebensmittelproduktion zusammenführen und uns nach vorwärts orientieren. Ihren Beitrag beendete Bonvin mit einem Zitat von George Bernhard Shaw: «Die besten Reformer, die die Welt gesehen hat, waren immer die, die bei sich selbst anfangen.»


Zur Webseite der Tagung →

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  1. Ladislav Princ Antworten

    Das ist wirklich eine international problem mit diese corona krizes als fur alles landwirtschaft und auf farm arbeiter. Ich denke dass ist nicht nur fur uns leute aber namlich tier.

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