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Der Deutsche Bauernkrieg (1514-26)

Das 15. und 16. Jahrhundert in Europa war eine Zeit der grossen Umwälzungen. Massgeblichen Einfluss darauf hatten die grossen Bauernaufstände in England, Ungarn der Schweiz und eben der grosse Bauernkrieg in Deutschland, der zwar wie alle Erhebungen, blutig niedergeschlagen wurde, aber die Politik nachhaltig beeinflusste.

In Deutschland herrschte Anfang des 16. Jahrhunderts Aufbruchstimmung. Durch die Habsburger Monarchie, die in Spanien und in Deutschland gegen die Könige von Frankreich um eine europäische Universalmonarchie kämpften, entstand erstmalig so etwas wie ein gesamtdeutsches Kulturverständnis und aus den verschiedenen Dialekten bildete sich langsam eine vereinheitlichte Schriftsprache. Martin Luther wählte für seine Bibelübersetzung in die «Volkssprache» die ostmitteldeutsche Kanzleisprache, die dem heutigen Hochdeutsch bereits sehr stark ähnelte und von den meisten deutschstämmigen Völkern recht gut verstehbar war. Durch die Reformation beschäftigte sich auch das einfachere Volk intensiver mit der Bibel, weshalb sich die Alphabetisierung auch bei den «niederen» Ständen wie Handwerkern und Bauern verbreitete.

  • Steuerlast, Missernten und Hungersnöte

    Gleichzeitig litt der deutsche Bauernstand grosse Not. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts besteht die Bevölkerung zu 80 Prozent aus Bauern, zu drei Prozent aus Adel der Rest der Bevölkerung sind Städter. Die grösste Bevölkerungsgruppe muss die Last des Staates tragen ohne das geringste Mitbestimmungsrecht.

    Zur gleichen Zeit verschlechtert sich die wirtschaftliche Situation. Nach dem Ende der grossen Pest (1450) stieg die Bevölkerungszahl stark an. Es gab aber nicht mehr zu verteilen als vorher. Im Gegenteil. Missernten in Folge, Hungersnöte und die drückende Steuerlast von Adel und Klerus, die sich einen feuchten Kehricht um die Notlage der hungernden Bauern scherten, schürten den Hass auf die Obrigkeit (Adel und Klerus). Schon 1615 loderten in verschiedensten Ecken des deutschen Reiches regelmässig Bauernaufstände auf, die aber  regelmässig blutig im Keim erstickt wurden. Luthers berühmte 95 Thesen, insbesondere die These «von der freyheit des christenmenschen» (“Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan”), wirkten damals wie ein Funke im Pulverfass. Der junge Theologe Thomas Müntzer nahm insbesondere die gesellschaftspolitischen Kritikpunkte Luthers begeistert auf und wurde von diesem 1920 quasi als Missionar nach Zwickau entsandt.

  • Luthers Rückzieher

    Doch Müntzer ging in seiner Kritik an den herrschenden Ständen deutlich weiter als Martin Luther. Er entwarf eine Theologie, die sich weniger auf den strengen Bibelglauben als auf die Identifikation mit Christus stützte. Er glaubte nicht an eine postmortale Belohnung oder Bestrafung für erlittenes oder verübtes Unrecht in Himmel oder Hölle, sondern forderte die Errichtung eines gerechten Gottesreichs auf Erden und erhielt regen Zulauf von Bauern, Bürgern und Bergleuten die sich von seinen Ideen zur gerechten Umverteilung der Reichtümer naturgemäss stark angesprochen fühlten. Luther, dem die Unzufriedenheit der Bauern anfänglich recht gut zu pass kamen, war indessen zufrieden, einige Landesfürsten zu reformieren und unter deren Schutz in schon fast wieder in obszönem Wohlstand zu leben und gegen die aufrührerischen Bauern zu hetzen. Er redete sich damit heraus, dass seine Verheissungen für das einfache Volk, wie beim katholischen Klerus, erst im Jenseits in Erfüllung gehen sollten.

  • Die 12 Artikel

    Die sah zu Beispiel der Schweizer Reformator Zwingli anders. Zwar wollte auch er nichts an den Standesverhältnissen ändern, jedoch auch Adel und Klerus gesetzlich der biblischen Ordnung, insbesondere der christlichen Soziallehre, unterwerfen. Davon inspiriert trafen sich im März 1525 schliesslich Vertreter von Bauernschaften aus dem Allgäu, Oberschwaben und dem Bodenseeraum in Memmingen und gaben den bis dahin unkoordinierten Aufständen ein gemeinsames Programm. Die Vertreter der Bauernschaft wollten das «göttliche Recht» einführen. Ihr Forderungskatalog umfasste 12 Artikel (siehe Kasten), die sie mit der Obrigkeit verhandeln wollen.

    Ein zentraler Punkt der «Zwölf Artikel» ist natürlich die Aufhebung der Leibeigenschaft. Die Bauern wollten aber auch ihren Pfarrer frei wählen dürfen, um sicher zu sein, dass er auch wirklich ihre Interessen vertritt. Sie fordern bessere Lebensbedingungen, indem sie das Recht auf Jagd und Fischfang erlangen, an der Holzwirtschaft beteiligt werden, und die Frondienste der Herren reduzieren. Die Obrigkeit reagierte auf die vergleichsweise moderaten Forderungen, die nicht einmal die Standesgesellschaft wirklich in Frage stellte, mit Spott und Hohn. Die Verhärtung der Fronten machten die militärische Auseinandersetzung unausweichlich.

  • Die Grosse Eskalation

    Schon in seiner Streitschrift gegen Luther «wider das gaystloße und sanfftlebende Fleysch zu Wittenberg» hat Müntzer die Meinung vertreten, dass ohne Gewalt keine gerechtere Ordnung durchzusetzen sei. 1525 kam er nach Mühlhausen und machte sich zum Anführer der aufständischen thüringischen Bauern.

    Der Bauernkrieg begann am Hochrhein, zog sich über Oberschwaben Franken, den Schwarzwald und das Elsass und breitete sich bis zum Rheingau und Thüringen aus. Am Schluss erreichte er auch die Schweiz und Österreich. Die deutschen Bauern organisierten sich in sogenannten «Haufen»: Der Begriff «Haufe» beschrieb damals eine militärische Einheit mit klaren Regeln, Dienstgraden etc.
    Zu Beginn zogen die Haufen durchs Land und plünderten zu Versorgungszwecken Kloster, Kirchen und stürmten Burgen. Im Ersten Jahr des Krieges verzichteten die Bauern, im Gegensatz zu den Truppen der Obrigkeit, weitgehend auf Gewalt gegen Menschen. Doch im April 2016 töteten die Bauern in Weinsberg den Grafen Ludwig von Helfenstein und seine Begleiter vor den Stadttoren von Weinsberg. Mittlerweile hatte sich die Obrigkeit massiv gegen die wachsenden Bauerheere (allein Müntzer befehligte 8000 Mann) gerüstet. Die erste offene Schlacht fand bei Leibheim statt wobei der Leibheimer Haufen aufgerieben wurde, die Stadt musste ein horrendes Strafgeld zahlen und die gefassten Führer des Leibheimer Haufens wurden bestialisch hingerichtet.

  • Die Niederlage

    Am 14. Mai kam es zu einer der wichtigsten Schlachten bei Frankenhausen, wo Thomas Müntzer mit seinen 8’000 Mann vernichtend geschlagen und ebenfalls nach den entsprechend der damaligen barbarischen Gepflogenheiten öffentlich gefoltert und anschliessend enthauptet wurde. Zwei Tage zuvor wurden die Bauern bei Böblingen ebenfalls von den gut organisierten und ausgerüsteten Truppen der Obrigkeit besiegt. Zu diesem Zeitpunkt war das Schicksal der Aufständischen eigentlich schon besiegelt. Dennoch brandete der Bauernkrieg in anderen Regionen erst auf. Mangelnde Koordination, Führung und Ausrüstung waren wohl die Hauptursache der vernichtenden Niederlage, die die Bauern nach 10 Jahren Aufruhr und zwei Jahren Krieg letztendlich hingenommen werden musste. Die Bauern waren in ihren Haufen zwar aufgeteilt wie eine Guerillaarmee, führten ihre Kämpfe aber in offenen Feldschlachten. So konnten die massierten Truppen der Fürsten und des «Schwäbischen Bundes» einen Haufen nach dem anderen niederwerfen.

    Ausserdem fehlte es den Bauern im Gegensatz zu den Obrigkeitlichen «Rittern» und Söldnern an Kampferfahrung. Mit umgearbeiteten Arbeitsgeräten zogen sie in den Krieg. Dreschflegel und Sauspiesse gegen Rüstungen, Schwerter und Kanonen.
    Zwar erbeuteten die Bauern bei kleineren Gefechten immer wieder Kanonen und andere Waffen, konnten damit aber nicht wirklich umgehen.

  • Die Folgen

    Die Rache der Fürsten war furchtbar. 70’000 Bauern kamen während des Krieges ums Leben. Gefangene wurden auf grausamste Art hingerichtet. Ohnehin notleidende Dörfer oder Landkommunen mussten vernichtende Reparationszahlungen leisten. Dennoch war der Kampf der Bauern nicht umsonst. Die Wucht des deutschen Bauernkrieges jagte dem Adelsstand und Klerus einen bleibenden Schrecken ein. Aus Angst vor einem Wiederaufflammen der Unruhen wurden die Forderungen der 12 Artikel zum Teil schliesslich doch erfüllt. Im sogenannten “Renchener Vertrag” in der Ortenau wurden sogar die Hauptforderungen der Bauern wie Abschaffung der Leibeigenschaft, Heiratsfreiheit und die Abschaffung der ruinösen Todfallabgabe (siehe 12 Punkte) erfüllt.

Die 12 Forderungen der aufständischen Bauern:

  1. Jede Gemeinde soll das Recht haben, ihren Pfarrer zu wählen und ihn zu entsetzen (abzusetzen), wenn er sich ungebührlich verhält. Der Pfarrer soll das Evangelium lauter und klar ohne allen menschlichen Zusatz predigen, da in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen können.
  2. Von dem grossen Zehnten sollen die Pfarrer besoldet werden. Ein etwaiger Überschuss soll für die Dorfarmut und die Entrichtung der Kriegssteuer verwandt werden. Der kleine Zehnt soll abgetan (aufgegeben) werden, da er von Menschen erdichtet ist, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen.
  3. Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Eigenleute (Leibeigene) gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen, dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergiessen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.
  4. Ist es unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen. Denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt über alle Tiere, den Vogel in der Luft und den Fisch im Wasser gegeben.
  5. Haben sich die Herrschaften die Hölzer (Wälder) alleine angeeignet. Wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es um das doppelte Geld kaufen. Es sollen daher alle Hölzer, die nicht erkauft sind (gemeint sind ehemalige Gemeindewälder, die sich viele Herrscher angeeignet hatten), der Gemeinde wieder heimfallen (zurückgegeben werden), damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann.
  6. Soll man der Dienste (Frondienste) wegen, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, ein ziemliches Einsehen haben (sie ziemlich reduzieren), wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.
  7. Soll die Herrschaft den Bauern die Dienste nicht über das bei der Verleihung festgesetzte Maß hinaus erhöhen. (Eine Anhebung der Fron ohne Vereinbarung war durchaus üblich.)
  8. Können viele Güter die Pachtabgabe nicht ertragen. Ehrbare Leute sollen diese Güter besichtigen und die Gült nach Billigkeit neu festsetzen, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes würdig.
  9. Werden der große Frevel (Gerichtsbußen) wegen stets neue Satzungen gemacht. Man straft nicht nach Gestalt der Sache, sondern nach Belieben (Erhöhungen von Strafen und Willkür bei der Verurteilung waren üblich). Ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe zu strafen, darnach die Sache gehandelt ist, und nicht nach Gunst.
  10. Haben etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören (Gemeindeland, das ursprünglich allen Mitgliedern zur Verfügung stand), angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen.
  11. Soll der Todfall (eine Art Erbschaftssteuer) ganz und gar abgetan werden, und nimmermehr sollen Witwen und Waisen also schändlich wider Gott und Ehre beraubt werden.
  12. Ist unser Beschluss und endliche Meinung, wenn einer oder mehr der hier gestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären …, von denen wollen wir abstehen,   wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt. Wenn man uns schon etliche Artikel jetzt zuließe und es befände sich hernach, dass sie Unrecht wären, so sollen sie von Stund an tot und ab sein. Desgleichen wollen wir uns aber auch vorbehalten haben, wenn man in der Schrift noch mehr Artikel fände, die wider Gott und eine Beschwernis des Nächsten wären.
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