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Der Kampf um’s Trinkwasser

Schon jetzt ist Trinkwasser für etwa 2 Milliarden Menschen Mangelwahre. Die Klimaerwärmung verschärft das Problem zusehends. Um so gieriger greifen internationale Agro- und Lebensmittelkonzerne nach den Vermarktungs- und Gebrauchsrechten der schwindenden Süsswasserreserven.

2016 schockierte der damalige Nestlé-CEO Peter Brabeck die Öffentlichkeit mit der Aussage, «Nach der, meines Erachtens extremen, Haltung von vielen NGO ist sauberes Trinkwasser ein Menschenrecht. Ich finde, Wasser ist, wie jedes andere Lebensmittel auch, eine Handelsware, für die man zahlen sollte.»

Damit hat Brabeck nur ausgesprochen, was eigentlich die übliche Haltung in den Chefetagen der Lebensmittel- und Agrarkonzerne Konsens ist. Genausogut hätte er auch sagen können, «Wenn wir könnten, würden wir Euch sogar für die Atemluft Geld abknöpfen und für die Mittellosen den Hahn zudrehen». Die Trinkwasserreserven werden für die Konzerne tatsächlich um so lukrativer, je knapper es wird. Und um die Trinkwasserversorgung der Menschheit steht es schon jetzt recht kritisch.

  • Durstiger blauer Planet

    Zwar nennt man die Erde, weil grossenteils von Ozeanen bedeckt, gern den blauen Planeten. Aber für Menschen nutzbar (was noch nicht heisst trinkbar) sind gerade mal 1 bis 2 Prozent der weltweiten Wassermenge. Und mit der weltweiten Gletscherschmelze schwindet auch dieser Anteil in zunehmendem Mass. Selbst die Schweiz, das sogenannte Wasserschloss Europas, erlebte in den letzten Jahren Dürresommer, die sowohl die landwirtschaftlichen Erträge als auch Wildpflanzen und Bäume existenziell bedrohten. Zahlreiche europäische Länder mussten das Wasser zeitweise rationieren und die Trockenheit sorgte 2018 selbst im kühlen und feuchten Schweden für riesige Waldbrände. Der Klimawandel wird solche extremen «Wetterereignisse» überall auf der Welt und auch bei uns in Zukunft zunehmen lassen. Und schon heute leben weit über zwei Milliarden Menschen in Regionen, in denen ein fünftel mehr Süsswasser gewonnen wird, als natürlich wieder in den regionalen Wasserkreislauf zurückkehren kann.

  • Landwirtschaft verdoppelte Wasserverbrauch

    Mit Abstand den grössten Durst auf nutzbares Süsswasser entwickelt dabei die Landwirtschaft. Sie verbraucht rund 70 Prozent der Wasserressourcen. 30 Prozent verbraucht die Industrie und nur 10 Prozent die privaten Haushalte. Und laut dem laut dem UN World Water Developement wird sich der Wasserverbrauch bis im Vergleich zu heute bis 2050 fast verdoppeln. Allerdings wird dann die Industrie den grössten Bedarf anmelden und der Anteil des reinen Trinkwasserbedarfs der Haushalte durch das Bevölkerungswachstum erheblich steigen.

    Der Wasserbedarf der Landwirtschaft wird gemäss Expertenmeinung zwar auf dem heutigen hohen Niveau stagnieren. Aber der ist bereits eine Katastrophe. Seit 1980 hat die Landwirtschaft ihren Verbrauch bereits mehr als verdoppelt. Grund ist die Industrialisierung der Produktion und die wachsende Konzernmacht im Agrarsektor. Während agrarökologische Anbauverfahren zwar vordergründig aufwändiger sind und weniger effizient erscheinen, erzeugen sie mehr fruchtbaren und wasserspeichernden Humus. Industrielle Monokulturen hingegen, zum Beispiel Mais und Baumwolle, bauen den Humus ab, laugen die Böden aus und lassen das Wasser ungenutzt versickern, was wiederum zu einem grösseren Wasserbedarf führt.

    Der mit Abstand grösste Wasserverbrauch der Landwirtschaft geht im Übrigen nicht auf Kosten der Nutzpflanzen, sondern der industriellen Massentierhaltung. Für den wasserintensiven Reisanbau wird zwischen 3000 und 5000 Liter fliessendes Regen- und Flusswasser benötigt (zum Vergleich: für Kartoffeln braucht es nur 287 Liter). Aber allein die Pouletindustrie verbraucht 4325 Liter pro Kilo Fleisch, Schweinefleisch braucht 6000 Liter und Rindfleisch sage und schreibe 15’415 Liter pro Kilo Fleisch!

    Man sollte meinen, dass angesichts dieser belegten Fakten agroökologische Anbauverfahren, wie sie von der Uno-Welternährungsorganisation und zahllosen Kleinbauern- und Bäurinnenorganisationen empfohlen werden, bei der Verteilung des Wasserzugangs gefördert würden. Schliesslich senken sie den Wasserverbrauch und erhöhen die Menge des reproduzierbaren Süsswassers und der fruchtbaren Krume.

  • Bock zum Gärtner gemacht

    Absurderweise ist das genaue Gegenteil der Fall.

    Die Weltbank gründete 2008 die sogenannte «Water Resources Group 2030» (WRG) ins Leben. Ein hochrangiges internationales Beratungsgremium für das internationale Wassermanagement. Allerdings hat die Weltbank hier den Bock zum Gärtner gemacht. Vertreten sind nämlich neben UN-Organisationen und Entwicklungsbanken ausgerechnet Wasserräuber wie Nestlé, Pepsi- und Coca Cola, Dow Chemical und andere Konzerne mit hohem Wasserverbrauch. Obwohl allgemein bekannt ist, dass im Umfeld der Tätigkeit derartiger Konzerne der Grundwasserspiegel merklich absinkt, sich die Wasserqualität durch Pestizide, Überdüngung und andere Umweltgifte verschlechtert und gerade die kleinbäuerlichen Betriebe, die in der dritten Welt und den Schwellenländern zwei Drittel der Nahrungsmittel produzieren, durch die industrielle Konkurrenz zusehends unter Wassermangel leiden.

  • Unheilvolle Strategie

    Dessen ungeachtet drängt die WRG gerade in Entwicklungsländern auf eine sogenannt «strategische Wasserpolitik» und «integriertes Wasserressourcenmanagement». Hinter diesen schwammigen Begriffen verbirgt sich eine perfide und unheilvolle Strategie: Angesichts der schwindenden Ressourcen und steigendem Wasserbedarf sollen die Regierungen der Entwicklungsländer sicherstellen, dass die Wasserressourcen zum Wirtschaftswachstum beitragen. Sprich, gerade bei akuter Wasserknappheit sollen die Behörden die kurzfristig profitträchtigeren, Wasser verschwendenden industriell angebauten Nutzpflanzen bei der Wasserversorgung bevorzugen – zu Ungunsten der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen. Die damit einhergehende Verschlechterung der Wasser- und Bodenqualität werden dabei ebenso geflissentlich ausser Acht gelassen, wie die Tatsache, dass durch den Export von Gemüse, Früchten, Getränken und Fleisch auch gewaltige Wassermengen unwiederbringlich ausser Landes gebracht werden. Den regionalen Lebensmittelanbau lässt man mit dieser Politik sprichwörtlich am ausgestreckten Arm verdursten.

  • Abschreckendes Beispiel Chile

    Naturgemäss drängt die WRG auf die Kommerzialisierung des Trinkwassers. Namentlich durch die Einrichtung sogenannter Wassermärkte. Insbesondere für grosse Getränkehersteller ist Wasser natürlich der Hauptrohstoff. Allein Coca Cola verbraucht soviel Trinkwasser wie ganz Ghana, ein Land mit 36 Millionen Einwohnern. Zu was eine solche Kommerzialisierung führt ist aber spätestens seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt. Unter der Pinochetdiktatur wurden bereits 1981 die ersten gesetzlich verankerten Wassermärkte – ausgerechnet in wasserarmen Regionen – eingeführt. Bei der Vergabe von Wasserrechten begünstigte das Regime vor allem Bergbaukonzerne. Dem vorher florierende Obstanbau in den betroffenen Regionen blieb beim Wettbewerb um das käufliche Wasser das Nachsehen.

  • Regierungen kaufen Quellen zurück

    Da die Wasserprivatisierung auf lange Sicht eben doch nur Probleme verursacht, sind etliche Privatisierungen der letzten Jahrzehnte in den Industriestaaten bereits wieder rückgängig gemacht worden. Insbesondere in Frankreich, Spanien und – mit Abstand – den USA. Natürlich mit saftigen Gewinnen für die Konzerne, die mit dem Rückverkauf der Quellen an die Staaten und Kommunen satte Gewinne auf Kosten der Steuerzahler einsackten. Den armen Staaten im globalen Süden fehlen oft schlicht die nötigen Mittel, um die Privatisierungen rückgängig zu machen.

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