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Die Gen-Schere: Ein Top-Verfahren?

Die Gen-Schere ist ein Top-Verfahren” fasste die Lebensmittelzeitung (6/2018) das Interview zusammen.  Zwar sei “die Bio-Branche … skeptisch und will sie als Gentechnik gekennzeichnet wissen”, aber “Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in Frick, sieht auch die Chancen der Technologie”. Er fände eine teilweise Deregulierung des Gentechnikgesetzes durchaus wünschenswert: “Sofern man nicht mit artfremden Genen arbeitet, (sollte CRISPR) nicht unter das Gentechnik-Gesetz  fallen,” wird Prof. Niggli zitiert.

Dass so ein klares Plädoyer für Technologien wie CRISPR/Cas aus der Bioforschung kommt erstaunt. Gemäss Biosuisse ist “der Leitgedanke im Biolandbau … das Wirtschaften im Einklang mit der Natur”, das natürliche Lebensprozesse fördern soll. Da passt CRISPR/Cas nicht dazu. Denn “nach seiner biologischen Herkunft ist CRISPR/Cas9 ein Instrument der Zerstörung – ein gezielt erzeugter Doppelstrangbruch ist ein recht drastischer Eingriff ins Erbgut und oft nicht ohne bleibende Schäden zu reparieren” (spektrum.de).

Eine Koexistenz, lies ein gleichzeitiges, aber unabhängiges Vorhandensein von Anbausystemen mit und ohne GVO, ist nicht möglich.  Deshalb wehren sich Züchterbündnisse, Biolandwirte und kritische NGOs gegen die Deregulierung der neuen Züchtungstechnologien, bei denen Gene “editiert” werden:

IFOAM, The organic food and farming movement calls for the regulation of new genetic engineering techniques as GMOs →

Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW schliesst sich dieser Forderung an: „Bio und Gentechnik gehen zwei völlig unterschiedliche Wege. Das sehen nicht nur die Bio-Bauern aus aller Welt so, sondern auch die Menschen, die Bio unterstützen. Ein Großteil der Menschen will keine Gentechnik auf dem Acker und dem Teller. Ökolandbau setzt auf natürliche Regelkreisläufe und stabile natürliche Systeme. Auch Bio-Züchter achten auf das Zusammenspiel von Boden, Pflanze und Umwelt, statt einseitig einzelne Gene der Pflanzen zu verändern. Bei den neuartigen Gentechnik-Verfahren wie CRISPR-Cas wird technisch in den Erbgut-Strang eingegriffen – mit nicht absehbaren Nebenwirkungen. Gelangen diese Gentech-Pflanzen in die Natur, sind sie von dort nicht mehr rückholbar. Die Folgen treffen alle Landwirte, Pflanzen, Tiere und Menschen – auch diejenigen, die eine solche Technologie nicht nutzen oder Gentech-Produkte ablehnen. Auch neuartige Gentechnik muss deshalb nach dem Gentechnikrecht reguliert werden.

Zusammengefasst: CRISPR/Cas-Gentechnik ist Risiko-Technologie.

Aktualisierung vom 25. Juli 2018:

Urteil vom Europäischen Gerichtshof in der Rechtssache C-528/16: Durch Mutagenese gewonnene Organismen sind genetisch veränderte Organismen (GVO) und unterliegen grundsätzlich den in der GVO-Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen.
Das Urteil →
Die Pressemitteilung →

 

Weiterführende Links:
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  1. Urs Niggli Antworten

    Sehr geehrte Frau Hürlimann,

    Darf ich sie bitten, mich wenigstens korrekt zu zitieren. Ich habe aus Transparenzgründen eine Deklaration gefordert (als GVO, was sonst anderes?). Das bedeutet, dass das Genom-Editieren der Freisetzungsverordnung unterstellt ist. Dazu habe ich eine risiko-basierte Prüfung gefordert. Dieses Verfahren wird sowieso im Zusammenhang mit einer möglichen Revision der Gentechnikgesetzgebung von Politik und Wissenschaft gefordert. Das bedeutet, dass bei geringeren Risiken weniger Kosten und bei höheren Risiken mehr Kosten als heute anfallen. Das Verfahren hat sich auch bei biologischen Organismen bewährt, welche in der Schweiz auch der Freisetzungsverordnung unterliegen.. Es gibt dort einen ausführlichen Kriterienkatalog der EFBS, nach welchem potentielle Risiken abgeschätzt werden.
    Im weiteren ist das Papier des Züchterbündnisses ein Sammelsurium von falschen Behauptungen. Ich habe es im Detail analysiert, aber ich möchte nicht mehr mit Politikaktivisten diskutieren, da dieser Dialog unfruchtbar ist. Sie können als seriöse Journalistin zu jedem Punkt die vorhandene wissenschaftliche Literatur in ihrer Vollständigkeit anschauen (zum Beispiel was die Zeitschrift, welche das Schaefer et al.-Papier publiziert hat, heute zu dieser Publikation schreibt, oder wie viele Studien zum Risiko von off-target-Effekten es tatsächlich gibt).

    Beste Grüsse,

    Urs Niggli

    • Christine Hürlimann Antworten

      Sehr geehrter Herr Niggli,

      Ich habe aus der Lebensmittel Zeitung 6 vom 9.2.18, die Artikel “Die Gen-Schere ist ein Top-Verfahren” Seite 3 und “Gezielter Eingriff” Seite 32-33, zitiert. Der ganze Abschnitt (im “Gezielter Eingriff”) lautet: “Er sieht grosses Potenzial in den neuen Technologien und nennt die Gen-Schere für die Pflanzenzucht “ein Top-Verfahren”. Sofern keine artfremde DNA im Spiel sei, sollte sie nicht unter das Gentechnikgesetz fallen, findet Niggli. Er hat allerdings Verständnis für das Bedürfnis nach Transparenz und Wahlfreiheit und plädiert deshalb für eine Kennzeichnung. Die Risikobewertung sollte dem “tatsächlichen, wesentlich geringen Risiko” angepasst werden. “Das würde die Kosten massiv senken und dafür sorgen, dass diese Verfahren nicht von den Monsantos und Syngentas dieser Welt monopolisiert werden”, sagt Niggli.

      Wobei die auf Seite 32 erwähnten niedrigeren Kosten ein Zitat des Interviews Seite 3 sind, und zwar von Ihrer Antwort auf die Frage “Wie könnte die Kennzeichnungsfrage gelöst werden?” Sie scheinen gesagt zu haben “Dem Bedürfnis nach Transparenz sollte Rechnung getragen werden. Es wäre denkbar, die Produkte zwar zu deklarieren, aber eine Risikobewertung zugrunde zu legen, die dem tatsächlichen, wesentlich geringeren Risiko angepasst ist. Das würde die Kosten massiv senken und dafür sorgen, dass diese Verfahren nicht von den Monsantos und Syngentas dieser Welt monopolisiert werden.”

      Ich hoffe, damit die erwünschte Transparenz in die Zitate gebracht zu haben – leider sind die Artikel nicht kostenfrei zugänglich, sonst hätte ich sie gerne hier-verlinkt.

      Freundliche Grüsse,
      Christine Hürlimann

  2. Ernst Frischknecht Antworten

    Liebe Christine

    mir scheint dass sich die Diskussion um Nutzen oder Gefahr von Eingriffen ins Genom zu sehr mit möglichen Schäden bei der Weiter-Vermehrung solcher “wissenschaftlich” verbesserter Pflanzen befasst. Viel fataler wirkt sich aber das Modell der Verbesserung auf die Ausrichtung der Forschung aus! Unter biologischer Forschung verstehe ich, heraus zu finden was die Anfälligkeit auf Krankheits- und Schädlingsbefall auslöst. Entspricht event. das den Pflanzen zur Verfügung stehende Lebensmilieu nicht dem <Bedürfnis der Pflanzen ? Oder was ist der Grund die Proteinstruktur der Pflanze, z.B. Weizen anzupassen. Ist es die verbesserte gesundheitliche Wirkung des Lebensmittels, oder muss damit die Anforderung von industriellen Backvorgängen erfüllt werden? 70 Jahre Erfahrung mit natürlichen Züchtungen um Pflanzen und Tieren das Überleben in unnatürlichem Milieu zu ermöglichen, haben uns gezeigt, wie schnell solche "Erfolge" durch biologische Transmutation ins Gegenteil kippen. Weizen auf kurze Halme gezüchtet, erträgt Stickstoff gaben zur Erreichung der zu hohen Glutengehalte, von denen man früher kaum zu träumen wagte. Fazit:Der Mykotoxingehalt der Körner wird zum Problem. Zunehmend müssen ganze Weizenerträge zu Tierfutter abklassiert werden, und einzelne konnten nur noch in Gärstoff- anlagen abgesetzt werden. Dank Antibiotika im Futter ertrugen Tiere rein auf Maximierung des Geldertrages ausgelegte Stallformen (industrielle Tierhaltung). Der Schaden der damit auftretenden Antibiotika Resistenzen – sogar in der Humanmedizin, übersteigt den Gewinn bei weitem.
    Wenn biologische Forschung den sog. korrigierenden oder verbessernden Eingriff in das Genom braucht, ohne vorher die Ursachen und Beweggründe im Detail klar zu stellen, so unterscheidet sie sich nicht mehr von der konventionellen Forschung. Dann braucht es sie nicht mehr. Vielleicht hat sich aber der wissenschaftliche Biolandbau bereits zu weit von der Erkenntnis natürlicher Bedürfnisse der Pflanzen und dem Ablauf ganzheitlicher Prozesse in der Erde entfernt, um den notwendigen Richtungswechsel ohne äusseren Druck zu vollziehen.
    Die aus Kosten Einsparungen lancierte Beurteilung der Schweizer Agrarforschung wird zeigen, wie lange eine früher als fortschrittlich wahrgenommene Forschung noch gleich empfunden wird, oder ob nicht auch hier die effiziente Zielfindung mehr Bedeutung erhält.

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