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Entscheide mit Verantwortung

Entweder das Kalb oder wir

Wer Kühe hält und melken will, resp. vom Milchverkauf lebt, der trennt die Kälber in der Regel direkt nach der Geburt von ihren Müttern. Die Kühe werden gemolken, die Milch wird verkauft, zu Käse verarbeitet oder sie landet in den Gestellen der Grossverteiler. Die Kälber bekommen ihre Ration zweimal am Tag aus Trinkeimern. Eine Kuh bekommt jedes Jahr ein Kalb, nur deshalb produziert sie Milch.

Es gibt aber auch Milchbäuerinnen und -bauern, die nach Alternativen zu dieser abrupten und unnatürlichen Trennung suchen. Manche haben mehrere ausgesuchte Ammenkühe für alle Kälber, andere lassen die Kälber 3 Wochen bei ihren Müttern. Erst nach dieser intensiven gemeinsamen Zeit trennen sie Mutter und Kalb und lassen die Kälbli dann nur noch 2 mal am Tag zu ihnen, sodass sie direkt Milch saugen können. Erst wenn das Kalb seine Milch getrunken hat, wird die restliche Milch aus dem Euter gemolken. (muttergebunden Kälberaufzucht)

Weg von der Milch

Vor 4 Jahren haben wir beschlossen, das Melken aufzugeben, da der Verkauf von Milch zum Minusgeschäft wurde.

Seit wir nicht mehr melken sind aus unseren orginalbraunen Milchkühen nun Mutterkühe geworden. Das haben sie ganz bemerkenswert gut gemacht. Obwohl ohne Erfahrung als Mamas, wurden ihre Mutterinstinkte sofort geweckt und sie sorgten vom ersten Tag an fürsorglich für ihre Kälber. Ich bin froh, dass wir diese Umstellung gemacht haben. Welch eine Freude, die Kälber bei ihren Müttern zu lassen, die Fürsorge, die Liebe und Nähe zu beobachten!

Mutterkühe sind gute Mütter

Mutterkühe lassen ihre Kälber nicht unbeaufsichtigt, sondern organisieren einen Hütedienst. Es gibt in meiner kleinen Herde, Kühe die sich gerne dafür anbieten und dann den ganzen Tag die Rasselbande im Blick haben, während die anderen Mütter etwas entfernt in Ruhe fressen können. Sie wechseln sich ab und bekommen auch keinen Streit darüber, wer was macht. Wie sie das ausmachen, ist mir ein Rätsel.

Es ist eine kleine Herde, die sich den Sommer über quasi selber organisiert. Wenn es sehr heiss wird und viele stechende Insekten die Kühe auf der Weide nerven, kommen sie gerne tagsüber in den kühlen und plagegeisterfreien Stall. So geniessen sie einige Stunden im angenehmen Stall. Für mich die Gelegenheit auch die Kälber an den Stall zu gewöhnen und handzahm zu halten.

Erziehung zur Selbstständigkeit

Meist haben die Mütter, wenn die Kälber zu Rindern herangewachsen und circa 10 Monate alt sind, genug vom Saugen und Zerren an ihren Zitzen, sie wollen ihr Ruhe. Das passiert nicht von einem Tag auf den anderen. Wenn aber die Mutterkuh nicht mehr angesaugt werden will, wird sie rabiat und schickt das Jungrind, das inzwischen fast so gross ist wie sie selbst, weg. Das heisst nicht, dass sie keine Nähe mehr zulässt, aber saugen dürfen sie nun nicht mehr. Es heisst aber, dass sich das Jungrind nun einzig vom Gras oder vom Heu ernähren wird und mehr selbstständig fressen muss. Die Mutterkuh bereitet sich so auf die nächste Geburt vor. Ihr Euter wird klein und leer und sie hat Zeit sich zu erholen.

Im Berggebiet geht kein Gemüse

Uns war bewusst, dass wir ohne Einnahmen aus dem Milchverkauf auf die „Fleischproduktion“ umsteigen. Hier im Berggebiet kann man einen grossen Garten haben, aber in die Gemüseproduktion kann man nicht einsteigen. Uns war daher bewusst, dass wir Kälber, oder genauer gesagt Jungrinder, verkaufen müssen. Entweder als Zuchttiere auf andere Betriebe oder wir schlachten sie im Alter von einem Jahr und vermarkten das Fleisch an unsere Kundinnen und Kunden. Ziel war und ist es, den Grosshandel zu umgehen.

Ein weiteres Ziel ist, den Tieren bis zu ihrer weiteren Bestimmung ein möglichst gutes Leben zu bieten. Im Winter täglich gemeinsamer Auslauf auf den verschneiten Waldweiden und im Sommer das Leben in der Herde auf verschiedenen Parzellen der Weidefläche.

Schwere Entscheide

Die Entscheidung, ein Jungrind zu schlachten fällt mir nicht leicht. Ich habe mir vorgenommen, die Tiere auf dem Weg zum Metzger jeweils zu begleiten. Das Tier wird ruhig mit genügend Zeit verladen und in möglichst kurze Zeit (15min) im Anhänger zum Schlachtbetrieb gefahren. Die Schlachtung verläuft sehr schnell und professionell. Wir haben einen Metzger in der Gegend, der einen sehr guten Umgang mit den Tieren hat, das ist für mich eine grosse Erleichterung.

Wer eine so kleine Herde hat wie ich, der hat eine relativ enge Bindung zu den einzelnen Tieren. Und das hat bestimmt Vorteile, aber der Abschied ist für alle nicht ganz einfach. Meine KundInnen kennen mich und meine Tiere, meinen Stall und die Weiden. Sie alle essen relativ wenig Fleisch, bestellen bei mir direkt und kennen die Vorteile und Nachteile meines kleinen Betriebs. Sie teilen die Verantwortung mit mir, indem sie gewillt sind einen Mehrpreis zu bezahlen.

Was will ich wissen – was muss ich wissen

Und immer wieder die Frage: Bin ich verantwortungsvoll in meinem Tun?
Verantwortung heisst für mich auch Wahrnehmung, heisst Information, heisst auch Rücksichtnahme.

Früher habe ich immer gesagt, wer Fleisch essen will, muss in einen Schlachthof gehen und zuschauen. Davon bin ich abgekommen. Wir müssen auch nicht jedem Salat zu sehen, wie er geköpft wird… und können trotzdem Salat essen.

Wer aber gerne tierische Produkte isst und dies auch geniessen will, muss sich drum kümmern. Wer gerne pflanzliche Produkte isst, muss sich auch drum kümmern: Woher kommt das Produkt, wie und wo war dessen Entstehung, wer hat die Aufzucht, die Vermehrung, die Ernte in der Hand und wie wurde Verarbeitung, Verpackung, der Transport und der Verkauf organisiert.

So wie z.B. Palmöl oder Soja aus Übersee nicht auf unsere Teller gehört, so gehört auch Fleisch aus industrieller Haltung- oder aus Übersee – nicht dorthin. Wer sich damit befasst, wird sich bald auch für die Qualität des Bodens und für dessen Bewohner interessieren und sich um die Qualität der Luft und des Wassers sorgen. Und das ist gut so.

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Ulrike Minkner ist Bäuerin auf dem Hof La Souriche in Mont-Soleil und Uniterre Vize-Präsidentin

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