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Ernährungsdemokratie jetzt!

Artikel von Martina Brun

Der Slogan zum 1. Kongress zur Vernetzung der Ernährungsräte im deutschsprachigen Raum vom 11./12. November 2017 in Essen (DE) zeigt den aktivistischen Geist. Die Ziele sind mutig: Ernährungssysteme transformieren und eine Agrar- und Ernährungswende herbeiführen. Dies soll durch die Gründung von Ernährungsräten erreicht werden.

Ein Ernährungsrat ist ein Gremium aus Menschen der Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung, die miteinander diskutieren und Konzepte für ein nachhaltiges lokales Ernährungssystem ausarbeiten. Es existieren viele unterschiedliche Formen dieser Räte. Manche funktionieren im kleinen Rahmen auf Gemeindeebene, andere Räte sind für ganze Städte zuständig. Einige sind in der lokalen Politik eingebettet und Teil der Verwaltung, andere funktionieren autonom, ohne Teil der Verwaltung zu sein. Die lokalen Gegebenheiten bestimmen, wie ein solcher Rat aussieht.

In den USA ist der erste „Food Policy Council“ in den 1980er Jahren entstanden, und heute gibt es schon 400 aktive Räte auf kommunaler Ebene und grössere Räte in Städten wie Los Angeles und Chicago. Wie Mark Winne, ein Experte für Ernährungspolitik aus den USA, sagte: „Ich sehe viel Potenzial in Europa und bin ein wenig erstaunt, dass es ausser in England, nicht schon mehr Ernährungsräte gibt. Wenn wir nicht aufpassen, werden die Entscheidungen, die unsere Ernährung betreffen, von einer Handvoll Firmen und Politikern gemacht. Ich denke, das ist eine gefährliche Entwicklung. Ich glaube, es braucht einen Weg, bei dem die Zivilgesellschaft etwas über ihr Ernährungssystem zu sagen hat. Die Ernährungspolitik sollte ein demokratischer Prozess sein. Nur weil die Schweiz keine Ernährungssicherheitsprobleme hat, heißt das nicht, dass die Menschen nicht teil der Diskussion sein sollten. Es geht hier nicht nur um unser Essen, sondern auch um Nachhaltigkeit, Klimawandel und Gesundheit, es geht um unsere Zukunft!“

Der Kongress in Essen diente dazu, dass sich die bestehenden und die im Aufbau befindenden Ernährungsräte im deutschsprachigen Raum, austauschen und vernetzten konnten. Seit 2016 bestehen Ernährungsräte in Köln und Berlin. In anderen Städten wie Frankfurt, Dresden, Oldenburg, Kiel, Wien und Hamburg gibt es Projekte, die im Aufbau sind. In der Schweiz plant das Ernährungsforum im März 2018 den ersten Ernährungsrat der Schweiz zu starten.

Die Bewegung zu einer Demokratisierung unserer Ernährungssysteme bringt uns einen grossen Schritt weiter in eine ernährungssouveräne Welt, in welcher Nahrungsmittel mehr Wert bekommen und Entscheidungen mit Einbezug lokaler/regionaler AkteurInnen ermöglicht und auch gefördert werden. Dies ist auch sehr interessant für Bäuerinnen und Bauern, da sie durch eine Einbettung im lokalen Netzwerk der Ernährungsstrategie, ihre Produkte mit Mitsprache, regional verkaufen und so näher an die Gesellschaft gelangen können. Insbesondere dann wenn das öffentliche Beschaffungswesen sich regional ausrichtet. Daher sollten die Initiativen für weitere Ernährungsräte mehr Aufmerksamkeit bekommen und der Enthusiasmus, der sich am Kongress in Essen gezeigt hat, weitergetragen werden, um Schritt für Schritt, die Macht über unser Ernährungssystem wieder zu erlangen.

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