logo

Ernährungspakt für die Städte

Wer das «Mailänder Abkommen über Städtische Ernährungspolitik» unterschreibt, verpflichtet sich, nachhaltige Ernährungssysteme zu entwickeln die gesunde und erschwingliche Lebensmittel für alle Menschen bereitzustellen, Abfall zu minimieren und die Biodiversität zu fördern.

In der Schweiz bekommt man selbst in «Grossstädten» wie Basel, Bern, Genf oder Zürich in jedem Detailhandel Produkte von zertifizierten Biobetrieben die aus der näheren Umgebung stammen. Man kann sich Gemüse, Fleisch, Käse und Eier direkt vom ökologischen Kleinbauern liefern lassen. Doch international ist die kleinräumige Schweiz mit ihren strengen Biostandards eine ziemliche Ausnahme.

  • Städter ernähren sich ungesund und unökologisch

    Weltweit lebt heute über die Hälfte der Menschheit in Städten. Tendenz steigend. Ein Fakt, der (unter anderem) für ihre Versorgung mit ausgewogenen, fair- und umweltfreundlich produzierten Lebensmitteln, aber auch für die Erreichung der Klimaziele eine Riesenherausforderung darstellt.

    Denn in der Tendenz fördert das urbane Leben nicht gerade nachhaltige Produktionsstrukturen, bewusstes Konsumverhalten oder die Vermeidung von Foodwaste.

  • Städtische Ernährungspolitik

    Aus diesen und zahlreichen weiteren ähnlichen Gründen wurde 2015 anlässlich der EXPO «Den Planeten ernähren, Energie fürs Leben» das «Mailänder Abkommen über Städtische Ernährungspolitik» verabschiedet. Das Abkommen wird, unter anderen, auch von der WHO, den Vereinten Nationen und der Europäischen Kommission unterstützt. Bereits 210 Städte haben den Pakt unterschrieben.

    Die beschleunigte Urbanisierung verändert unsere Welt massiv. Sowohl in wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Hinsicht. Das verlangt laut Mailänder Ernährungsabkommen eine Neubewertung der Versorgung der Städte mit Wasser, Lebensmitteln und anderen lebenswichtigen Gütern. Hunger, Unter- und Fehlernährung kommen zwar in unterschiedlichem Ausmass, aber dennoch in allen grossen Städten vor. Selbst in der übersatten Schweiz.

  • Städte abhängig von kleinen Bauern

    Das beeinträchtigt nicht nur das Wohlergehen der direkt Betroffenen. Es verursacht auch grosse Probleme und hohe Folgekosten für Privathaushalte, Städte, Regionen und Nationen.

    Trotz der fortschreitenden Industrialisierung der Landwirtschaft und Nahrungsmittelverarbeitung, spielen immer noch bäuerliche Familien und kleinlandwirtschaftliche Lebensmittelproduzenten (in vielen Ländern vor allem produzierende Frauen) die Schlüsselrolle bei der Versorgung der Städte. Ohne diese kleinräumigen Strukturen, die im Endeffekt die grosse Menge der Nahrungsmittel, eben auch für die Städte produzieren, sähe die Zukunft der Welternährung düster aus. Denn die kleinen bäuerlichen Betriebe sind, im Gegensatz zur industriellen Raubbaulandwirtschaft, nötig um widerstandsfähige, gerechte und regional kulturell angemessene Ernährungssysteme zu erhalten.

    Eine Neuausrichtung der Ernährungssysteme und ihrer Wertschöpfungsketten auf eine nachhaltige Ernährung ist nicht nur für das Mailänder Abkommen unabdingbar. Auch die UNO-Welternährungsorganisation FAO setzt auf bäuerliche, statt industrielle Landwirtschaft.

  • Biologische Vielfalt für Städte

    Das Mailänder Abkommen will der städtische und stadtnahen Landwirtschaft Möglichkeiten bieten, die biologische Vielfalt zu schützen und mit der Landschaft städtischer Regionen und den Ernährungssystemen in Einklang zu bringen. Das Abkommen verspricht sich davon Synergien zwischen Ernährungssicherheit, Ökosystem und menschlichem Wohlbefinden.

    Dabei sei es wichtig, dass die Politik nach Vernetzungsmöglichkeiten zwischen Institutionen und Fachgebieten sucht. Denn der Lebensmittelsektor hängt eng zusammen mit anderen urbanen Herausforderungen wie Armut, Gesundheit und soziale Sicherung, Hygiene und Abwasserentsorgung, Nutzungsplanung und zahlreichen weiteren existenziellen Infrastrukturleistungen.

    Die unterzeichnenden Städte haben sich verpflichtet, dem Klimawandel entgegenzuwirken und Strategien und Massnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen zu fördern und sich den Veränderungen städtischer Ernährungssysteme durch den Klimawandel anzupassen.  Mit diesem Ziel beteiligte sich der Milan Urban Food Policy Pact (MUFPP) an der UNO-Konferenz Habitat III und auch an den World Urban Foren. Zumindest auf dieser Ebene herrscht mittlerweile Einigkeit darüber,  im Rahmen der Biodiversitätskonvention,  städtische Initiativen für biologische Vielfalt und ein nachhaltiges Management der Biodiversität zu fördern.

  • Verpflichtung der Unterzeichnerstädte

    Städte und ihre angrenzenden Gebiete spielen durch die demographische Entwicklung eine zunehmend entscheidende Rolle bei der Umsetzung internationaler Massnahmen wie den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung (SDGs) und den Zielen der Entwicklungsagenda nach 2015. Sie werden einen entscheidenden Beitrag zur Null-Hunger-Herausforderung der Welternährungsorganisation leisten müssen.

    Die unterzeichnenden Städte des Mailänder Abkommens haben sich daher unter anderem verpflichtet

    • Nachhaltige Ernährungssysteme zu entwickeln die gesunde und erschwingliche Lebensmittel für alle Menschen bereitstellen, Abfall minimieren und die Biodiversität bewahren.
    • Eine interdepartementale und sektorübergreifende Koordination auf Gemeindeebene zu fördern und Betrachtungen zur städtischer Ernährungspolitik in der Sozial-, Wirtschafts- und Umweltpolitik einarbeiten. Unter anderem zum Beispiel Lebensmittelversorgung und -verteilung, soziale Sicherung, Gerechtigkeit, und Bildung.
    • Alle Sektoren im Ernährungssystem (einschliesslich benachbarte Behörden, technische und akademische Organisationen, Zivilgesellschaft, Kleinerzeuger und Privatsektor) in die Gestaltung und Beurteilung auf allen politischen Ebenen einzubinden.
    • Die städtischen politischen Institutionen, Pläne und Gesetzgebungen zu überarbeiten und erweitern, um den Aufbau gerechter und nachhaltiger Ernährungssysteme zu fördern.
    • In allen unterzeichnenden Städten die Entwicklung jeweils eigener Ernährungssysteme voranzutreiben, und werden, wo angebracht, ihre Erfahrungen mit den beteiligten Städten und  Landesregierungen und internationalen Agenturen auszutauschen.
    • Und schliesslich andere Städte darin bestärken, sich an diesen ernährungspolitischen Massnahmen zu beteiligen.

    Dies sind nur die wichtigsten Ziele des Mailänder Abkommens und – gelinde gesagt – recht ambitioniert. Zumal die Umsetzung der einzelnen Massnahmen im Wesentlichen freiwillig ist. Dennoch hat das Abkommen bereits spürbare Verbesserungen in zahlreichen Städten geführt. Trotzdem droht das grosse und Ganze im bürokratischen, wirtschaftsorientierten Alltag der Städteplanung, auch in Rotgrün regierten Städten in Europa, nicht die nötige Aufmerksamkeit zu erhalten.

  • Coranakrise verschärft Probleme

    Insbesondere die Coronakrise hat die Hauptanliegen (Nachhaltige Nahrungsmittelproduktion, -Versorgung und Ernährungssicherheit auch für sozial benachteiligte Gruppen und soziale Gerechtigkeit) ziemlich in den Hintergrund gedrückt.

    Dennoch ist die vollständige Erklärung des Mailänder Abkommens ein durchdachtes, vernetztes Strategiepapier für Stadtverwaltungen, die wirklich einen massgeblichen Beitrag zur Ernährungssicherheit, sozialer Gerechtigkeit und Erhalt unserer Lebensräume anstreben.

Milan Uban Food Policy Pact →
Mailänder über städtische Ernährungspolitik →

 

Print Friendly, PDF & Email

Ihr Kommentar

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.