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Fasten und Entschlacken. Kur oder Quatsch?

Traditionell beginnt in unserem Kulturkreis nach den Fasnachtsexzessen die Zeit der Busse – und des Fastens. Heute spielt das religiös motivierte Fasten bei uns nur noch eine untergeordnete Rolle. Aber so genanntes Heilfasten oder Entschlacken erfreut sich stetig wachsender Beliebtheit. Bleibt aber umstritten.

Praktisch alle Religionen kennen solche Fastenzeiten. Heute spielt das religiös motivierte Fasten bei uns nur noch eine untergeordnete Rolle. Aber so genanntes Heilfasten erfreut sich seit einigen Jahrzehnten stetig wachsender Beliebtheit. Nicht zuletzt durch die wirren New-Age-Ideologien der 70er mit ihrem unausgegorenen Mischmasch religiöser und philosophischer Fragmente aus fernöstlichen, nordischen und anderen Überlieferungen, haben sich bis weit in die Mitte der Gesellschaft allerlei obskure Fastenmethoden verbreitet. Das Ziel ist stets das gleiche: Entgiften (oder neudeutsch Detoxing) und Entschlacken – kurz eine Art Frühjahrsputz für Stoffwechsel und Verdauungstrakt. Mittlerweile versucht man solche Praktiken durch englische oder pseudowissenschaftliche Bezeichnungen seriöser erscheinen zu lassen. Das Problem: Trotz unzähliger, durchaus auch wohlmeinender Studien – schliesslich ist das «Detoxing» ein riesiger Markt – so etwas wie Schlacken oder ähnliches gibt es im menschlichen Körper nicht. Enstprechende «Detox»-Produkte sind schlichte Beutelschneiderei.

  • Der Körper entschlackt sich selber

    Tatsächlich erledigt der Körper die Entgiftung weitgehend und permanent selbstständig. Die Zellen schleusen schädliche Stoffe selbst aus. Den Mechanismus namens Autophagie (Selbstfressung) entdeckte der japanischen Zellbiologen Yoshinori Ohsumi und erhielt für seine Arbeit 2016 den Nobelpreis für Medizin. Abgestorbene, missgebildete, kaputte, kranke Zellen werden vertilgt, unbrauchbare Bestandteile wie geschädigte oder oxidierte Proteine oder geschädigte Mitochondrien abgebaut.

    Dabei kann man dem Körper aber mit – massvollem Fasten – durchaus helfen. Nicht durch schwächende, radikale Fastenkuren, sondern durch den von Buddha empfohlenen Weg der Mitte. Sogenanntes Intervallfasten. Schon eine Nahrungsabstinenz von 16 Stunden dämmt die Insulinproduktion, baut überschüssigen Blutzucker und – langsam – das Körperfett ab und hilft den Zellen bei der Autophagie. Wer dieses Essverhalten zwei Wochen durchhält, verliert das Hungergefühl in der Essensfreien Zeit und kann entsprechend seine Essensgewohnheiten umstellen. Erstaunlicherweise decken sich diese neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Wesentlichen, mit der Ernährungsdisziplin vieler buddhistischer Mönche (keine Nahrung nach Mittag).

  • Traditionelle Fastenrituale, Sühne durch Enthaltung?

    Praktisch alle Religionen kennen Fastenzeiten. Bei den Katholiken, Orthodoxen Christen und Muslimen sollen Gläubige Gott näher kommen. Im Judentum ist der Fastentag Jom Kippur der Sühne aller Sünden gewidmet. Einzig die Protestanten verschmähten das Fasten weitgehend. Die protestantische Ethik verlangt ein arbeitsreiches, enthaltsames Leben ohne die gelegentlichen Ausschweifungen, die in anderen Religionen erlaubt, ja erwünscht sind und durch das Fasten wieder abgebüsst werden. Doch bei den neuen evangelikalen und charismatischen Protestanten steht seid einigen Jahren das, zum Teil extreme, Fasten hoch im Kurs. Und auch die protestantischen Landeskirchen propagieren seit einigen Jahren «7 Tage ohne». Damit kann neben dem Verzicht auf Genussgifte wie Kaffee, Nikotin und Alkohol, «ungesunder» Nahrungsmittel wie Zucker, Fett oder Fleisch aber auch Fernsehen, Sex oder sonst was gemeint sein.

    Die traditionellen Fastenrituale kommen nicht von ungefähr. Angeblich hat schon Moses 40 Tage gefastet, bevor er auf dem Berg Sinai von Gott direkt die 10 Gebote erhielt. Auch Jesus zog sich laut neuem Testament vor seinem öffentlichen Auftritt als selbsternannter Erlöser 40 Tage zum Fasten in die Wüste zurück (wobei ihm nicht zuletzt der Leibhaftige höchstpersönlich be- und versuchte) und Mohammed wurde der Koran laut eigenen Angaben nach einer exzessiven Fastenkur von Gott direkt diktiert. Das ist eigentlich nicht weiter erstaunlich. Denn bei längerem Nahrungsentzug, stellen sich als Mangelerscheinung durch die Unterversorgung des Gehirns mit Nährstoffen und Sauerstoff bei vielen Menschen psychedelische Zustände und handfeste Halluzinationen ein. Ähnlich, wie das Halluzinieren von Diabetikern vor dem Zuckerkoma.

    Besonders bei den Anhängern von wirren New-Age-Ideologien oder Splittergruppen des indischen Hinduismus, wo extremes und sogar rituelles Todesfasten gebräuchlich sind, ist totaler Nahrungsverzicht als Weg zu spirituellen Erfahrungen recht verbreitet. Das könnten sie, zum Beispiel mit psychedelischen Pilzen, freilich einfacher haben. Und würden zumindest ihrem Körper damit einen Gefallen tun. Denn totaler Nahrungsverzicht ist schlicht ungesund. Immerhin die Buddhisten sind sich seit alters her darüber im Klaren. Buddha predigte Mässigung in jeder Hinsicht. Auch beim Fasten.

  • Modernes Heilfasten, Frühjahrsputz für den Stoffwechsel?

    Heute spielt das religiös motivierte Fasten bei uns nur noch eine untergeordnete Rolle. Aber so genanntes Heilfasten erfreut sich seit einigen Jahrzehnten stetig wachsender Beliebtheit. Nicht zuletzt durch die New-Ager haben sich bis weit in die Mitte der Gesellschaft allerlei obskure Fastenmethoden verbreitet. Diese bleiben aber weitgehend Humbug. Auch wenn sie durch englische oder pseudowissenschaftliche Bezeichnungen seriöser erscheinen wollen. Die Methoden sind im günstigen Fall harmlos, im ungünstigen Fall recht rabiat, teuer und zum Teil gefährlich. In den meisten Fällen aber schlicht Blödsinn. Zwischen Mittag und Abendessen mit etwas geschreddertem Obst «detoxen» ist nicht ungesund, aber entgiftet auch nichts. Regelrecht schädlich ist die rabiate Colon-Hydro-Therapie (Im Klartext Einläufe) oder das verschlucken von Stoffbändern um den Darm zu «schrubben». Der Darm ist ein hochkomplexes Organ, mit ähnlich vielen Nervenzellen wie das Gehirn, das in Symbiose mit zahllosen Microorganismen (Darmflora) die Nährstoffe sehr gründlich vom Abfall trennt. Die Schleimhaut produziert ständig neue Zellen und stösst alte ab. Da setzt sich in einem, an sich gesunden Darm nichts fest. Rausgeworfenes Geld sind auch die verbreiteten angeblichen «Detox»-Produkte, wie spezielle Getränke, Pülverchen oder «Entgiftungs»-Pflaster. Die britische Wissenschaftsorganisation «Voice of Young Science» untersuchte 2009 den entsprechenden Markt und kam zu dem Schluss, dass keine zwei Hersteller die selbe Definition von «Entgiften» haben. Auch wenn die Werbung mitunter wissenschenschafltiche Begriffe verwendete, konnte kein einziger Anbieter Wirknachweise liefern. Bei konkreten Nachfragen räumten die meisten Hersteller ein, dass es sich um recht simple Anwendungen wie Waschen, Bürsten oder Tee-Trinken handelt. Das kann man auch billiger haben.

    Das Ziel Entgiftungs- und Entschlackungskuren ist eigentlich eine Art Frühjahrsputz für Stoffwechsel und Verdauungstrakt. Leider ein hartnäckig verbreiteter Mythos, der durch unzählige Studien – zum Teil auch unabsichtlich – dementiert ist. Laut der «Deutschen Gesellschaft für Ernährung» scheidet der Körper von sich aus über Haut, Niere, Darm oder Lunge Giftstoffe und Unbrauchbares aus. Täte er das nicht, wäre der Mensch längst ausgestorben. Wer dem Aussscheidungsprozess durch heftiges Heilfasten oder Entschlacken nachhelfen will, riskiert im sogar eine regelrechte Giftkonzentration im Körper. Ein Forscherteam der kanadischen Universität Quebec hat etwa bei fettleibigen Patienten, die nach einer Magenoperation 45 Prozent ihres Körpergewichts verloren haben, massiv erhöhte Schadstoffkonzentrationen im Blut festgestellt. Insbesondere bei den hochtoxischen Chlororganischen Verbindungen (Pestizide) stiegen die Werte um fast das vierfache. Auch Patienten die durch eine kalorienreduzierte Diät mässiger an Gewicht verloren, stiegen die Giftwerte um bis zu 50 Prozent. Die Kyungpook National University Untersuchte die Giftwerte bei rund 1100 Probanden, dass mit jeder Diät die Werte von Pestiziden und giftigen «Weichmachern» Biphenylen deutlich anstiegen.

  • Und was sagt die Wissenschaft?

    Nicht nur die Ausscheidungsorgane, auch die Zellen selbst haben einen selbstständigen Reinigungsautomatismus. Die sogenannte Autophagie (Selbstfressung) entdeckte der japanischen Zellbiologen Yoshinori Ohsumi und erhielt für seine Arbeit 2016 den Nobelpreis für Medizin. Abgestorbene, missgebildete, kaputte, kranke Zellen werden vertilgt. Unbrauchbare Bestandteile wie geschädigte oder oxidierte Proteine oder geschädigte Mitochondrien abgebaut. Die Zellen bekämpfen mit der Autophagie auch Viren, Bakterien oder andere schädliche Mikroorganismen. Damit, soweit immerhin eine plausible Hypothese die aber noch nicht ausreichend erforscht ist, hat die Autophagie bei Infektionen, in Alterungsprozessen und bei der Entstehung von Tumoren eine Schlüsselfunktion.

    Immerhin: Wie Ohsumi und das Institut für Molekulare Biowissenschaften der Karl-Franzens-Universität Graz ebenfalls herausfanden kann man dem Körper bei der Selbstreinigung durchaus behilflich sein. Die Autophagie wird nämlich durch erhöhte Insulinproduktion, also eine Folge übermässiger Nahrungsaufnahme – insbesondere Zucker – behindert. Allerdings hilft man dem Körper nicht durch schwächende, radikale Fastenkuren, sondern durch Buddhas empfohlenen Weg der Mitte. Sogenanntes Intervallfasten.

    Schon eine Nahrungsabstinenz von 16 Stunden dämmt die Insulinproduktion, baut überschüssigen Blutzucker und – langsam – das Körperfett ab.  Zum Beispiel von 8 Uhr Abends bis zum Mittag. Wer dieses Essverhalten zwei Wochen durchhält, verliert das Hungergefühl in der essensfreien Zeit und kann entsprechend seine Essensgewohnheiten umstellen. Erstaunlicherweise decken sich damit sowohl die Gebote des muslimischen Ramadan wie auch die Ernährungsdisziplin vieler buddhistischer Mönche (keine Nahrung nach Mittag) so mit den aktuellsten Erkenntnissen der Schulmedizin. Allerdings muss man sich bewusst sein, dass der Buddhismus weniger eine Religion, denn eine Philosophie des gesunden Menschenverstandes ist. So können sich nachgewiesenermassen zahlreiche buddhistische, oder daraus abgeleitete Techniken als positive Ergänzung zum Intervall- oder sonstigem Fasten erweisen.

    Insbesondere Thai Chi oder QiGong helfen nicht nur beim Stressabbau, sondern auch beim Erhalt der Muskelmasse und Beweglichkeit. Ob man dabei an das Chi als diffusen «Lebensernergiestrom» glaubt oder nicht, spielt offensichtlich keine Rolle. Erfahrungsgemäss führt bewusste Bewegung, die Auseinandersetzung mit der Ernährung, dem eigenen Körper, der Seele und der Atmung zu positiven Effekten und erhöhter Lebensqualität. Unabhängig, von der Wissenschaftlichkeit der Methode.

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  1. Martin Köchli Antworten

    Auch mit dem Masshalten soll man Mass- halten. “und wenn Du schon fastest, dann mache ein fröhliches Gesicht”, soll da mal einer gesagt haben. Gelassenheit und Lebensfreude sättigen schliesslich so gut wie Speis und Trank und es würde vor allem für alle reichen. Die Nahrung für Leib und Seel….

  2. Martin Köchli Antworten

    Übrigens hatten und haben das auch die christlichen Nonnen und Mönche entdeckt.

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