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Geschichten vom Mont-Soleil: Auf die Welt gezogen. Die Geburt von Unica.

Unsere Kuh Undina machte es spannend dieses Jahr, denn sie hatte ihren voraussichtlichen Geburtstermin schon eine Woche überzogen. Das kann vorkommen, Eltern können mir da sicher beipflichten. Wir gehen bei unseren Orginalbraunen Kühen von 9 Monaten und 14 Tagen aus. Aber irgendwie wollte das Kälbli noch nicht kommen. Häufig kalbern die Kühe nach dem Mondwechsel. Also versuchte ich ruhig zu bleiben und den Vollmond abzuwarten. Das bedeutete nochmals 3 Tage Geduld haben. Geduld ist nicht meine Stärke und gute Nerven habe ich wohl auch nicht. Auf alle Fälle bin ich immer wieder auf die Weide gelaufen, um Undina genauer anzuschauen. Wird das Euter schon grösser? Weiten sich die Geburtskanäle? Sondert sie sich von der Herde ab, sucht sie schon einen abgelegenen Platz, damit sie in Ruhe kalbern kann? Das Euter war eindeutig schon grösser, aber ansonsten keine weiteren Anzeichen. Um sicher nichts zu verpassen, bin ich auch meist spät abends, resp. nachts, nochmal mit einer Taschenlampe in der Hand auf die Weide gegangen. Gut, je grösser der Mond wurde, desto unnötiger die Taschenlampe.

Der Vollmond schien in schönster Pracht, Undina machte immer noch keine Anstalten zu konkreten Geburtsvorbereitungen. Tagsüber war es extrem heiss und düppig. Dann wurde mir langsam etwas gschmuch… Was wenn es Probleme gibt und ich niemanden habe, der mir helfen kann? Ich informierte vorsichtshalber meine nächsten Nachbarn, dass sie nicht erschrecken, wenn ich nachts anrufen sollte. Dann aber kam Rosmarie zu Besuch. Wir marschierten nun also zu zweit zur Kontrolle auf die Weide. Am 3.Tag nach Vollmond fanden wir Undina als einzige mitten auf der Weide in der prallen Sonne liegend, alle anderen Kühe hatten sich ein schattiges Plätzchen unter den Tannen gesucht. Das erschien mir doch sehr merkwürdig und ich entschied, dass die Kuh in den Stall kommt. Dort ist es kühler, es gibt keine lästigen Bremsen oder Fliegen und die Kuh ist unter Aufsicht.

Und tatsächlich, die Wehen setzten ein. Aber Undina schien zu wenig Kraft zu haben, um zu gebären. Sie legte sich zwar hin, hatte aber keine guten Presswehen. Meine Nerven lagen blank. Ich rief unsere Tierärztin an und sie versprach am späteren Abend vorbei zu kommen. Als sie kam, machte Undina schon einen relativ müden Eindruck. Die Tierärztin untersuchte Undina. Keine Auffälligkeiten: Die Lage des Kalbs war richtig, Kopf und Vorderbeine in Stellung. Wir entschieden, das Kalb herauszuziehen. Wir befestigten Stricke an den Vorderbeinen, die schon etwas sichtbar waren und mit vereinten Kräften zogen wir das Kalb hervor. Dann der erlösende Moment: Das Kalb atmete und machte einen kräftigen Eindruck. Ein Kuhkalb hatte die Welt erblickt. Nur Undina wollte nicht aufstehen. Wir dachten, dass dies nach einer solch schweren Geburt wohl normal sei. Die Tierärztin liess mir noch eine Portion Kalziumpulver da, für den Fall, dass die Kuh auf Grund eines Kalziummangels nicht mehr hochkommen sollte.

Solche Mangelerscheinungen können verschiedene Auslöser haben. Häufig sind es Fütterungsfehler. Die Fütterung kann ich wegen der Weidehaltung nicht beeinflussen, die Kühe fressen das, was auf der Weide vorhanden ist. Dieses Jahr wächst viel Klee, vielleicht war das eine der Ursachen. All dies kann dazu führen, dass die Kuh für die Geburt und die frische Milch im Euter nicht genügend eigenes Kalzium aus den Knochen mobilisieren kann und es so zu einer Muskelschwäche kommt. Als Undina nach 2 Stunden immer noch nicht aufgestanden war, verfrachteten wir das Kalb in die Kälberbox und ich rief meinen Nachbarn an. Er kam sofort und wir entschieden uns, Undina im Liegen das Kalzium (aufgelöst in Wasser) mit Hilfe einer Flasche vorsichtig einzuflössen. Es ist sehr wichtig, dass sich die Kuh nicht verschluckt, denn Kalziumlösung in der Lunge kann böse Folgen haben. Ausserdem haben wir Undina Fussfesseln an den Hinterbeinen angelegt, um zu verhindern, dass sie beim Versuch aufzustehen die Beine vergrätscht und um gravierende Muskelschädigungen zu vermeiden. Undina liess alles mit sich geschehen. Aber an Aufstehen war nicht zu denken. Das Kälbli braucht in den ersten Stunden Muttermilch, um das Immunsystem aufzubauen. Aber eben, wenn die Kuh liegenbleibt, kann es nicht selber saugen. Wir haben dann von Hand ein wenig Milch von Undina abgemolken und dem Kalb damit den Mund gefüllt, das musste vorerst reichen.

Inzwischen war es fast Mitternacht. Rosmarie und ich haben uns mit der Wache im Stall abgewechselt. Ich lag die meiste Zeit wach, es drüllte im Kopf, denn ich musste eine Entscheidung treffen. Und dies möglichst früh, weil dummerweise genau an diesem Tag auch noch unsere Hofzufahrt neu asphaltiert werden sollte, mit der Konsequenz, dass ab 7 Uhr morgens für 12 Stunden die Strasse nicht befahrbar sein würde. Morgens um halb sechs habe ich die Tierklinik in St. Imier angerufen und das Problem geschildert. Die Tierärztin kam sofort und machte eine Infusion mit Kalzium. Keine 2 Stunden später stand Undina auf und das Kälbli konnte endlich selber saugen.

Nach zwei weiteren Tagen im Stall und zusätzlichen Kalziumverabreichungen konnte ich Undina und ihr Kälbli Unica auf eine kleine Weide mit Unterstand direkt neben dem Stall entlassen. Vorher haben wir auch die Fussfesseln gelöst und Undina machte einen entspannten und fitten Eindruck. Mutter und Kalb wohlauf, welch ein Glück. Heute tobt sich Unica zwischen den grossen Kühen und den Guschtis aus und freut sich über die grosse Weidefläche. Vieles gibt es neu zu entdecken. Die ersten Gewitter hat sie nun auch schon miterlebt, Hitze und heftige Regenschauer gehören dazu. Neue Wesen erblicken die Welt, andere sterben, Geburt und Tod liegen auf einem Bauernhof nah beieinander. Für mich sind dies immer wieder extrem emotionale Momente, sehr traurige und sehr glückliche.

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Ulrike Minkner ist Bäuerin auf dem Hof La Souriche in Mont-Soleil und Uniterre Sekretärin.

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