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Graue Energie – Abfall und Verluste, Weltmarktlogik und Verteilungskämpfe

Eine spannende und angeregte Diskussion am 19. Oktober in der Fair Trade Town Vaduz diente als Grundlage zu diesem Artikel. Gern verweisen wir auf die Aufzeichnung auf YouTube →

Nachhaltigkeit – graue Energie

Graue Energie ist die gesamte Energie, die für ein Produkt benötigt wird. Angefangen bei der Gewinnung der Rohstoffe über die Herstellung, Transport, Verarbeitung, Lagerung, Verpackung, Zubereitung und Entsorgung.

Matthias Stucki, Leiter der Forschungsgruppe Ökobilanzierung, Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW, fordert deshalb, dass das damit verbundene Lebenszyklus-Denken überall vorkommen und alle betreffen soll und Ökobilanzen dafür genutzt werden sollen, um die Ernährung aus Umweltsicht zu optimieren.

Interview mit Matthias Stucki, Leiter der Forschungsgruppe Ökobilanzierung, Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW

Was sind Ökobilanzen?

Life cycle, (c) ZHAW

Ökoblianzen sind eine wissenschaftliche Methodik, die Umweltauswirkungen eines Produkts zu messen und in Zahlen auszudrücken. Der englische Ausdruck dafür, Life Cycle Assessment (LCA), betont die Lebenszyklusperspektive.  Es geht um weit mehr als die Verpackung, die ich im Supermarkt sehe.

Der Lebenszyklus beginnt normalerweise mit dem Abbau irgendwelcher Rohstoffen, zum Beispiel von Phosphat für Dünger, oder Metall für die Produktion von Maschinen, der Anbau von Lebensmitteln, ihre Verarbeitung, Lagerung und Transport, bis hin zur Zubereitung der Malzeit zu Hause oder im Restaurant und der Entsorgung von Verpackung und foodwaste.

Bei jedem Stadium werden Ressourcen verbraucht: Wasser, Energie, Materialien und es entstehen Emmissionen wie CO2 und giftige Substanzen, Schadstoffe in Luft, Boden und Wasser.

In der Ökobilanz wird das alles zusammengefasst und die verschiedenen Umweltfaktoren berechnet. Die graue Energie ist dabei ein wichtiger Indikator. Aber es wird die toxische Wirkung auf die Ökosysteme berücksichtigt (zum Beispiel von chem-synthetischen Pflanzenschutzmitteln) und die Energie, die zum Herstellen von Hilfsmitteln benutzt wird (die Herstellung von z.B. Kunstdünger hat einen grossen CO2 Fussabdruck). Auch der Flächenverbrauch spielt eine Rolle.

Die Bodenfruchtbarkeit kann nicht quantifiziert werden – und wird in der Ökobilanz nicht berücksichtigt.

Wie wird eine Ökobilanz berechnet?

(c) BAFU, 4 Phasen einer Ökobilanz

Ökobilanzen werden nach einem standardisierten, 4-stufigen Prozess berechnet (ISO Norm 14040)

  1. Festlegung von Ziel und Untersuchungsrahmen.  Was will man überhaupt untersuchen?
  2. Sachbilanz: Das ist eine komplexe «Datenschlacht». Wie viel Diesel braucht der Traktor, was ist die Ertragsmenge, wie viel und welche Pflanzenschutzmittel werden eingesetzt, welche Verluste haben wir entlang der Wertschöpfungskette etc.  Häufig arbeiten wir hier mit Fragebogen an Bäuerinnen und Bauern, und auch die Industrie. Die Resultate werden verknüpft mit Datenbanken, auf denen zusätzliche Daten schon hinterlegt sind, wie zum Beispiel die Umwelt-Intensität des typischen Schweizer Strommixes oder die Zusammensetzung eines typischen Lastwagens.
  3. Wirkungsabschätzung: In der Sachbilanz wird ein Modell erstellt, jetzt werden die Umweltindikatoren ausgewertet.  Dazu gehören die graue Energie, der Wasserverbrauch, klimarelevante Treibhausgasemissionen, eutrophierende Substanzen, giftige Substanzen, die über den gesamten Lebenszyklus vorkommen.
  4. Interpretation: Welche Erkenntnisse können wir daraus ziehen, wo können wir ansetzen, wie können wir das Produktesystem optimieren, welche Verbesserungen sind möglich.

 

Allein die fossile Energie, die benötigt wird, um die Nahrungsmittel für eine Person her- und bereitzustellen sind – in der Schweiz und pro Person und Jahr – 7 Fässer Erdöl!

Ernährung ist ein wichtiges Thema aus Umweltsicht, es ist der Bereich mit der grössten Umweltbelastung; mehr als Wohnen, die private Mobilität, Freizeitunterhaltungen.  Das heisst, wir können viel bewirken, wenn wir unser Konsumverhalten ändern.

Wo sind die Umweltauswirkungen am höchsten?

Fleisch und Fisch haben die grössten klimarelevanten Emissionen (28% des Totals), dann kommen gleich die tierischen Erzeugnisse (Milch und Eier, 18%) und Getränke (21% – besonders energieaufsändig sind neben Kaffee alkoholische Getränke).  Früchte und Gemüse haben einen relativ kleinen Umweltabdruck.

Verpackung, Verarbeitung und Transport haben einen relativ geringen Einfluss.  Die grosse Einsparung wird also nicht beim Einkaufen mit der Stofftasche gemacht, sondern das beste Ergebnis bringt die Reduktion von tierischen Produkten.  Und die Elimination von Foodwaste bringt eine Reduktion des ganzen Fussabdruckes  von bis zu 1/3!

Bio oder konventionnel?

Der höhere Flächenverbrauch für den gleichen Ertrag spricht gegen Bio, die Toxizität von synthetisch-chemischen Pflanzenschutzmitteln und die energieintensive Herstellung von z.B. Kunstdünger spricht für Bio.

Kapsel- oder Filterkaffee?

Der konventionelle Kaffeeanbau ist sehr energieintensiv und so schneidet, wegen der Dosierung, tatsächlich Kapselkaffee häufig besser ab als ein normaler Espresso.

Der Transport ist nur 10% des Ganzen.  Ist saisonal und regional also nicht besonders wichtig?

10% ist durchaus ein Einsparpotential.  Flugtransportierte tropische Früchte aus Übersee haben wegen der Flugemissionen einen enormen CO2 Abdruck.  Andere Verkehrsmittel, zum Beispiel Frachtschiffe, können solch grosse Mengen transportieren, dass die Emissionen, auf das einzelne Produkt heruntergebrochen, nicht mehr relevant sind. Da ist der Anbau entscheidend, nicht der Transport. Die grösste Wirkung erreichen wir also mit WAS wir konsumieren, nicht WOHER das Produkt kommt.

Auch «Saisonal» hat keinen riesigen Effekt. Einsparpotential besteht bei Gewächshäusern, die mit fossiler Energie beheizt werden.  Aber ob wir Kartoffeln ein bisschen länger lagern hat keinen grossen Einfluss.

Wie genau sind Ökobilanzen?

Zahlen haben immer eine Unsicherheit, weil sehr grosse Unterschiede in der Produktion bestehen. So können wir uns nicht auf die Kommastellen verlassen, aber die Grössenordnung stimmt.  Deshalb kommen verschiedene Ökobilanzstudien normalerweise bei den gleichen Themen auf die gleichen Hotspots, Schlussfolgerungen und Empfehlungen.

Wie kann die graue Energie reduziert, und die Ökobilanz unserer Ernährung verbessert, werden?

Digitalisierung

Ich will wissen, woher mein Essen kommt, wie es hergestellt wurde, usw.  Kein Problem sagen die Fachleute, auch komplizierte Lieferketten können zurückverfolgt werden dank Blockchains.

Die Idee ist bestechend einfach:  Das Produkt wird am Anfang der Lieferkette digital erfasst (tokenisiert) und während der ganzen Wertschöpfungskette kommen weitere Informationen dazu. Dank dieser Kette von Informationen kann ich jederzeit rückwirkend nachschauen welche Informationen addiert wurden. Wie viel Dünger wurde auf dem Feld ausgebracht, wie viele Stunden Arbeit wurden eingesetzt, wie viel wurde bezahlt für die Ernte, mit welchem Containerschiff kam sie nach Europa, und so weiter.  Idealerweise fängt die Chain bei der Pflanze an. Es kann aber auch zum Beispiel das Kilo Kaffee sein.

Der Vorteil dieser digitalisierten Dokumentation ist die Dezentralisierung der Information. Sie kann, sobald sie erfasst ist, nicht mehr gelöscht oder verfälscht werden, jede Änderung hinterlässt mit fast 100%-er Sicherheit (digitale) Spuren. Eine Blockchain ist kein zentrales Buch, sondern ist verteilt auf die x Standorte weltweit, die das Produkt in seinem Lebenszyklus durchläuft.

In die Blockchain könnten auch CO2 Emissionen und Umweltbelastungspunkte mit hineingegeben werden, damit jede.r Konsument.in alle Information über das Produkt, z.B. anhand eines QR-Codes auf der Verpackung im Supermarkt, abrufen kann.

Der Nachteil dieser Informationsketten:  Die Angaben sind nur so korrekt wie die Eingabe und, blockchains erfordern eine hohe Technologisierung der ganzen Wertschöpfungskette. Das wiederum ist zum Nachteil von Kleinproduzentinnen und -Produzenten und fördert die globale Markt- und Machtkonzentration.

Auch wenn alle Information der ganzen Lebensmittelkette auf der Verpackung eines Produkts verfügbar wäre – für den Kauf entscheidend ist noch anderes.

Unser Konsumverhalten verändern.

Es sind einfache Dinge, mit denen Essverhalten verändert wird.  Das kann eine Geschichte sein, die man damit in Zusammenhang bringt, ein spannender Name, eine attraktiv Zubereitung, oder auch einfach, weil jemand sagt, wie gut es schmeckt.  Es gibt Menschen, die in einer Kantine immer Menu 1 wählen. Wenn dort ein attraktives Menu ist, dann kann das auch durchaus mal fleischlos sein!

Je nachdem, wie ein Produkt angepriesen wird, fällt der Entscheid einfacher.  In der Diskussion wird von einem Spital erzählt, in dem das Menu normalerweise vegetarisch ist.  Es steht auch eine Fleisch-Alternative zur Verfügung, aber vorentschieden ist «Vegi».

Die Liechtensteiner Initiativen setzen auf Wissenstransfer im Netzwerk. Sei das im Schulgarten, auf dem Ernährungsfeld, in der Gemüseackerdemie oder bei den Nachernten: Erlebnisse und Erfahrungsaustausch bringen Kontakt zu den Produzent.inn.en, fun facts und Geschichten zu den Lebensmitteln. Und damit die Lust, auch später weiterhin die so kennen gelernten Produkte zu essen.

Auch für die Gemeinschaftsküchen ist klimafreundliches Kochen eine Herausforderung.  Für eine Gruppe Altersheime in Zürich wurden 500 existierende Menus analysiert, ökobilanziert und klassiert nach klimafreundlich, gesund und attraktiv. Die Schnittmenge ergab 150 Menus, die als klimafreundlich, gesund und attraktiv gelten.

Die Themen sind oftmals allen bekannt, Studien belegen seit 20 Jahren die genannten Sachverhalte, aber das Wissen muss noch in den Köpfen ankommen, damit der Paradigmenwechsel passiert und die Symptombekämpfungen ablöst.  Im Energiebereich braucht es eine Dachallianz, um die Schnittstellenkoordination zu verbessern. Und im Foodbereich?

Call to action

Eigentlich sollten wir nicht mehr fragen «bist Du mit dem Auto gekommen?», sondern «was hast du gegessen?»

Weiterführende Links:

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