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Grausamkeit an Mensch und Tier

Fleischskandal

Der Coronaausbruch beim deutschen Fleischverarbeiter «Tönnies» wirft ein äusserst schlechtes Licht auf die Industrielle Fleischwirtschaft.

Durch die Coronainfektion von 1500 der 7000 Mitabeitern des grössten deutschen Fleischverarbeiters Tönnies erlebte nicht nur die Stadt Güthersloh faktisch einen erneuten lokalen Lockdown. Die Untersuchung der Ursachenwirft auch ein finsteres Bild auf die industrielle Fleischproduktion und -verarbeitung, nicht nur in Deutschland. Nicht nur Tiere leiden unter unmenschlichen Massentierhaltung und industriellen Schlachtung leiden, sondern auch die Angestellten.


  • Einhaltung der Vorschriften eher die Ausnahme

    Eigentlich unterstehen Mitarbeitende in der Lebensmittelindustrie auch in Deutschland besonders strengen Hygienerichtlinien. Sollten also eher besser geschützt sein, als andere Erwerbstätige.  Laut dem deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  Masken, Handschuhe und Schutzkleidung tragen – das besagen die Vorschriften. Doch eine Untersuchung der Nordrheinwestfählischen Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales bei 30 Grossbetrieben führte zu ernüchternden Erkenntnissen: «Die Überprüfungen zeigen in fast allen kontrollierten Betrieben gravierende Verstöße gegen Arbeitsschutzvorschriften», schreibt das Ministerium.

  • Massenunterkünfte für Zeitarbeiter

    Der vermutliche Hauptgrund der häufigen Coronaausbrüche im Massenfleischfabriken sind die Arbeits- und Unterbringungsbedingungen der Mitarbeitenden. Unter dem massiven Druck, immer mehr, immer billigeres Fleisch anzubieten, werden nicht nur durch industrielle Massentierhaltung die Preise gedrückt. Die Arbeitenden in den Verarbeitungsbetrieben werden nicht selten unter Bedingungen gehalten, die man fast als moderne Leibeigenschaft bezeichnen kann.
    Die Fleischhauer von Tönnies sind vor allem sogenannte Vertragsarbeiter aus den ärmeren Osteuropäischen EU-Ländern wie Bulgarien und Rumänien. Sie sind keine Angestellten von Tönnies direkt, sondern von – oft zwielichtigen – Vertragsfirmen, mit Geschäftssitz im Ausland, die dem Auftraggeber Tönnies eine gewisse Arbeitsleistung verkaufen. Die Fleischverarbeitenden sind bei eben diesen Vertragsfirmen als Zeitarbeiter angestellt. Ohne Gewerkschaft und Arbeitsschutz. Eine Krankschreibung oder ein Arbeitsunfall, hat in der Regel den sofortigen Jobverlust zur Folge. Damit diese Firmen (Subunternehmen), auf ihren Schnitt kommen halten sie die Angestellten oft selbst ähnlich wie Vieh und können die in Deutschland geltenden Arbeitsschutzgesetze leicht und straffrei unterlaufen.

    So stellte sich heraus, das ein Grund für die rasche Ausbreitung des Virus die Unterkünfte vieler Mitarbeiter seien. Meist sind das Sammelunterkünfte, in denen sehr viele Menschen auf engem Raum leben. Die hygienischen Standards sind zum Teil katastrophal. Abstandsregeln, wie sie derzeit besonders empfohlen werden, sind bei Mehrfachbelegungen der Zimmer oft nicht möglich. Häufig werden die Menschen in Bussen zur Arbeit gefahren – auch dann wird kaum der empfohlene Abstand eingehalten. Die Angestellten schuften oft zu Hungerlöhnen (von denen ihnen noch überhöhte Beträge für Verpflegung und Unterkunft abgezogen werden) mehr als 16 Stunden am Stück und sechs Tage die Woche, was laut NRW-Arbeitsministerium zusätzlich die Gesundheit schwächt.

  • Wurzel des Übels

    Jörg Feldmann, Sprecher der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)  vermutet ebenfalls, dass die Infektionsgefahr vor allem aufgrund der Unterbringung so hoch ist. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sagte in einer Aktuellen Stunde des Bundestags: «Wir dürfen als Gesellschaft nicht weiter zugucken, wie Menschen aus Mittel- und Osteuropa in dieser Gesellschaft ausgebeutet werden.» Als «Wurzel des Übels» nannte er das weitverbreitete Subunternehmertum in der Branche. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sieht “schwarze Schafe”, die “dem Ansehen der gesamten Branche” schadeten. Allerdings deuten alle diesbezüglichen Kontrollen und Medienrecherchen darauf hin, dass die «Schwarzen Schafe» eher die Regel, als die Ausnahme sind. Vor allem, je grösser der Fleischverarbeitende Betrieb.

    Andreas Rieger, ehemals Co-Präsident der Gewerkschaft Unia und europäischer Gewerkschaftsaktivist, betont, dass Tönnies nicht eine einzelne Verfehlung, sondern ein ausgefeiltes Geschäftsmodell der «Brutalo-Ausbeutung» sei. «Wer sind die Menschen, die am Schluss die Arbeit wirklich ausführen? Unter welchen Bedingungen? Niemand weiss es, und niemand kümmert’s, Hauptsache, die Arbeit ist billig, dank 60-Stunden-Wochen zum Lohn von ‹normalen› 38 Stunden, Unterkünften wie Internierungslager und so weiter.»

    All dies geschieht laut Rieger nicht in einer «entfernten Mafia­region», sondern im ordentlichen Deutschland. Und all das ist EU-rechtlich abgesegnet von der transnationalen Dienstleistungsfreiheit. Sie macht Ketten-Werkverträge möglich, endlose Temporär­arbeit und Entsendung sowie falsche Selbständigkeit. Alles «erfunden» zur Umgehung der sozialen Rechte der Arbeitenden.

  • Mangelhafte Hygiene

    Isabelle Eckerle, Virologin an der Universität Genf vermutet eine Kumulation von Faktoren, die dafür sorgen, dass Schlachthöfe so häufig von größeren Infiziertenzahlen betroffen sind. «Die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen scheinen mit den aktuell notwendigen Hygienemaßnahmen nicht gut vereinbar zu sein. Der lange Aufenthalt von vielen Personen in geschlossenen Räumen ohne Möglichkeit, Abstand zu wahren zeichnet sich zunehmend als Situation ab, die zu einem so genannten ‚Superspreading Event‘ führen kann.»

    Neben adäquaten Unterkünften, Arbeitszeiten und Löhnen vernachlässigen General- und Subunternehmer aus Kostengründen auch die Hygiene am Arbeitsplatz. Laut dem Bericht aus Nordrhein Westfahlen fehlten in den Betrieben “Schutzausrüstung wie Kälteschutzkleidung, Schnittschutz, Schutzbrillen, Handschuhe oder Gehörschutz”. Ob die Abstandsregeln eingehalten werden, wurde nicht untersucht.

    Das Deutsche Bundeskabinett hatte als Konsequenz aus früheren Corona-Ausbrüchen in der Branche Ende Mai beschlossen, sogenannte Werkverträge mit Subunternehmern weitgehend zu verbieten. Auch Tönnies beteuert, die Werkverträge in allen Kernbereichen weitgehend zu verbieten. Allerdings wurde mit Argwohn festgestellt, dass Tönnies kurz nach diesen Beschlüssen nicht weniger als 15 eigene Subunternehmen gegründet hat und damit das Werksvertragsverbot zu unterlaufen versucht.

  • Die Situation in der Schweiz

    Ein Grund für die ungleich höheren Fleischpreise in der Schweiz ist, dass es Verarbeitungsbetriebe in solchem Ausmass hierzulande gar nicht gibt und durch die flankierenden Massnahmen der Bilateralen Verträge mit der EU auch Subunternehmer aus dem Ausland verpflichtet sind, sich an die hiesigen Bestimmungen zu halten. Laut Ronny Hornecker, Verwaltungsratspräsident des Schlachtbetriebs Zürich, ist allein Tönnies mit seinen täglich 25’000 zerlegten Schweinen fast so gross wie alle Schweizer Schlachthöfe zusammen.

    Auch Philipp Sax vom Schweizer Fleisch-Fachverband (SFF) ist über die Infektionswelle bei «Tönnies» nicht überrascht. Die ganze Situation sei eine Folge des immensen Preisdrucks in Deutschland. Die prekären Arbeitsbedingungen in den Fleischbetrieben dort seien schon lange bekannt. Die Arbeitsbedingungen und Hygienestandards seien in Schweizer Schlachtbetrieben deutlich besser. Statt temporären Arbeitskräften über Subunternehmen zu beziehen und in engen Baracken unterzubringenringen, sind hier die meisten fest angestellt und leben in normalen Wohnungen.

  • Preisdruck auch hierzulande

    Dennoch ist die Arbeit in der Fleischverarbeitung auch in der Schweiz ein hartes Brot. Die gesamte Produktionskette steht unter grossem Druck – vom Fleischproduzent über den Schlachthof bis hin zur Metzgerei. Hinzu kommt, dass die Tätigkeit nicht ungefährlich ist: Laut einer Unfallstatistik des Bundes kommt es in der Fleischwirtschaft jährlich zu über 2000 Unfällen, die Hälfte davon durch Schneiden, Stechen oder Schürfen.

    Saftig sind die Löhne auch in der Schweiz nicht. Denn der handzahme Metzgereipersonalverband (MPV) ist keine echte Gewerkschaft, handelt aber mit den Arbeitgebern seit je exklusiv den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) aus. Doch immerhin schreibt dieser für eine Metzgerin mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis einen Mindestlohn von 4200 Franken vor (ein Zeitarbeiter in Deutschland erhält 1700 Euro brutto für 60 Wochenstunden). Doch auch für den deutlich höheren Lohn in der Schweiz einen anspruchsvollen Knochenjob zu machen sind immer weniger Schweizerinnen und Schweizer bereit. Kommt dazu: das Schlachten gehört bei den meisten Schweizer Metzgerlehrlingen nicht einmal mehr zur Ausbildung. Die nötigen Arbeiter fürs Grobe holen sich die Firmen daher auch zunehmend aus Osteuropa.

    Zwar ist das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück mit seinen mehr als 6500 Mitarbeitenden ein Mammut im Vergleich zum grössten Schlachthof der Schweiz. Dieser steht in Oensingen SO, wo 409 ­ Mitarbeitende für die Coop-Tochter Bell Rinder, Schweine und andere Haartiere zerlegen. Doch in beiden Ländern findet seit Jahren ein Konzentrationsprozess statt – zugunsten immer weniger Unternehmen, die in immer grösseren Fabriken produzieren.

  • Gier nach Billigfleisch

    Derzeit liegt ein neuer Gesamtarbeitsvertrag für die Schweizer Fleischwirtschaft GAV beim Seco zur Prüfung vor. Welche Verbesserungen der MPV darin fordert, wird nicht kommuniziert. Allerdings übt der MPV nicht ganz von der Hand zu weisende Kritik an den Konsumenten und Konsumentinnen.  «Als die Grenzen geschlossen waren, hat unsere Branche mit viel Effort die Versorgung gewährleistet. Diejenigen, die in dieser Zeit die Regale leer gekauft hatten, waren die ersten, die nach der Grenzöffnung wieder günstiges Fleisch im nahen Ausland holten – den Umsatzrückgang spüren Metzger in den Grenzregionen deutlich.»

    Unter dem Strich: Es scheint, dass ein Grossteil der Fleischkonsumenten sich einen feuchten Kericht um Qualität, Tierwohl und humane Arbeitsbedingungen kümmert. Hauptsache billiges und viel Fleisch.

  • Fleischkonsum in der Schweiz und Deutschland

    Insgesamt sinkt der Fleischkonsum in der Schweiz seit 1987. Damals assen wir noch 63 Kilo Tier pro Jahr. Heute sind es noch 50 Kilo. In Deutschland ist das Fleisch massiv billiger und der Konsum noch grösser als in der Schweiz – und zwar um 10 Kilo pro Kopf und Jahr.

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