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Ist der Anbau von Palmöl in Indonesien nachhaltig?

Der Genfer Winzer Willy Cretegny hat das Referendum gegen das Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und Indonesien initiiert: «Stop Palmöl». Es gibt mehrere Gründe, den Vertrag zu kritisieren. Bedenklich ist, dass von «Nachhaltigkeit» die Rede ist, wo dies doch bei genauerem Hinsehen eine Illusion ist. In der Regenzeit prasseln bis zu 6’000 mm Regen nieder. Ohne Urwald fliesst viel Wasser ab und verursacht Erosion, Trinkwasserverschmutzung mit Dünger und Pestiziden sowie Überschwemmungen. Plantagen auf Torfböden sind brandgefährdet, stossen viel CO2 aus und werden in gut 40 Jahren verschwunden, verbrannt oder überschwemmt sein.

Weiterhin ist das Ausmass der Waldbrände und der Luftverschmutzung in Indonesien gross. 2019 wurden viele Feuer in Regen- und Torfwälder beobachtet, ja sogar Palmölplantagen brannten. Es ist schwierig, die illegale Abholzung zu stoppen. Es passiert auch, dass mit Bulldozern gerodet wurde, dann geschah nichts mehr, keine Pflanzungen, kein Arbeitsverdienst für die Einheimischen, aber der Wald ist weg und jemand verdiente daran.Die Regierung hat die Bewilligungen für Palmölplantagen zwar eingefroren, aber es fehlt an Transparenz, deshalb kann die Wirksamkeit kaum beurteilt werden. Und Korruption ist weiterhin ein Hauptproblem in Indonesien.Anfang 2020 erhöhte das Landwirtschaftsministerium die offizielle Fläche der Palmölplantagen um zwei Millionen Hektaren, so dass heute 16’381’959 Hektaren ausgewiesen werden. Die Daten stammen von Sattelitenaufnahmen; sie müssten am Boden verifiziert werden. Es fehlen detaillierte öffentlich zugängliche Karten und konkrete Angaben über die einzelnen Plantagen.

  • Verletzung von Grundrechten und Medienfreiheit

    Weil die Landrechte der einheimischen Bevölkerung nicht verbrieft sind, wird ihnen Land oft einfach weggenommen, wenn sie sich nicht vehement wehren. Es wird Ihnen Arbeit in Aussicht gestellt, doch längst nicht immer halten sich die Firmen an die Versprechen. Hinzu kommt, dass kritische Leute, besonders Journalisten bedrängt oder gar verhaftet werden, wie im aktuellen Fall des Journalisten Philip Jacobson, einem preisgekrönten Redaktor der umweltwissenschaftlichen Nachrichtenagentur Mongabay.

    Laut der Vereinigung für unabhängige JournalistInnen in Jakarta schreckt das Militär nicht vor Einschüchterungsversuchen und Gewalt gegen kritische Medienschaffende zurück. Nach dem Rücktritt von Suharto kam es trotz Reformen nicht zu einem Wandel in den Medien. Sie werden von Oligarchen beherrscht, die eng mit der Politik verbunden sind. Präsident Joko Widodo hat seine diesbezüglichen Wahlversprechen nicht eingehalten. Seine fünfjährige Amtszeit war geprägt von Verletzungen der Medienfreiheit. Selbstzensur ist daher weit verbreitet.

    Mit dem Verkauf von Paraquat in Indonesien verstösst Syngenta gegen elementare Menschenrechte. Werbung für das Herbizid sieht man an Strassenrändern: Ein Randstreifen wird zur Demonstration der Wirkung abgespritzt, eine Tafel wirbt für das höchst giftige Produkt, das in der Schweiz seit 1989 verboten ist. Das Herbizid ist so gut verkäuflich, weil man die Wirkung sofort sieht, jedoch ist die erforderliche Zahl der Behandlungen höher als etwas bei Glyphosat. Paraquat wird auch rund um Quellen, Häuser, Spielplätze gespritzt, da viele keine Ahnung von der Giftigkeit dieses Produktes haben. In Läden steht es oft direkt neben Lebensmitteln.

  • Die Nachhaltigkeitsregelungen im Abkommen sind realitätsfremd

    Das Wort «nachhaltig» sagt wenig. Wenn Politiker von Nachhaltigkeit reden, dann höre ich «nachhaltig für Industrie und Handel». Gleichzeitig reden sie von Wachstum, was konkret in diesem Fall heisst: Wachstum der Plantagen, Abholzung von Sekundärwäldern, denn diese machen mindestens die Hälfte der heutigen Wälder in Indonesien aus, sie sind aber nicht geschützt. Eine Kontrolle der Forderungen dürfte zudem illusorisch sein. Ich denke, dass allenfalls punktuell Veränderungen möglich sind, wenn die Schweizer Behörden wirklich genau hinschauen. Das wäre aber ein Tropfen auf den heissen Stein. Daten und Ressourcen für ein solches Unterfangen fehlen heute.

    Es ist naiv zu glauben, dass die indonesische Regierung und die zuständigen Behörden den Vollzug der Vorgaben bewältigen können bzw. wollen.

  • Schutz der Sekundär- und Torfwälder nötig

    Es müssten auch die Sekundär- und Torfwälder geschützt werden. Die einheimische Bevölkerung lebt bzw. lebte im Regenwald und veränderte ihn, betrieb auch nachhaltige Agroforstwirtschaft, etwa verbunden mit der Nutzung von Kautschukbäumen. Solche Wälder sind sehr artenreich und bringen trotzdem Erträge wie kostbare Nüsse, Früchte, Gemüse, Kautschuk und Viehfutter. Sie gelten aber als Sekundärwälder, welche abgeholzt werden dürfen, da nur die Primärwälder geschützt sind.

    Die einheimische Bevölkerung hat Torfböden nie bewirtschaftet, schlicht aus dem Grund, weil sie diese nicht austrocknen (drainieren) konnte. Das wurde erst möglich mit internationaler Hilfe: Mit grossen Baggern wurden Schneisen in die Wälder geschlagen.

  • Heute sind die Palmölplantagen nicht nachhaltig

    Der übliche Anbau von Palmöl in Indonesien kann nicht als nachhaltig bezeichnet werden. Allein schon der verbreitete Einsatz von Paraquat ist bedenklich. Die Palmöl-Monokulturen stören den Wasserhaushalt und zerstören den Boden. Weil die meisten Böden durch die enormen Regenmengen ausgelaugt sind, müssen hohe Düngermengen eingesetzt werden. Der Schädlingsdruck steigt mit der Dauer und Ausdehnung der Monokulturen. So sind für den Schutz der Palmölpflanzen immer mehr Pestizide nötig. Abwässer aus Palmölfabriken und Abschwemmung aus Plantagen verschmutzen das Trinkwasser der Einheimischen und schliesslich auch Flüsse und das Meer.

    Inzwischen ist klar geworden, dass der Anbau auf Torf auch nicht wirtschaftlich ist. Deshalb wird mehr in die Hügel- und Berggebiete ausgewichen. Diese Böden enthalten praktisch keine Nährstoffe, sind sauer und ohne sehr viel Dünger wächst gar nichts, ausser sehr genügsame Gräser und Büsche.

    Die hohen Niederschläge verwandeln Strassen oft in Morast. Fahrzeuge mit Erntegut bleiben stecken. In der Regenzeit verfault daher ein Teil der Ernte.

  • Wie könnte das Anbausystem verbessert werden?

    Ein nachhaltiges Anbausystem müsste entwickelt und von den Produzenten akzeptiert werden. Vorstellen könnte ich mir eine Plantage mit Elementen der Agroforstwirtschaft, denn der Boden muss geschützt und der Wasserhaushalt verbessert werden.

    Doch interessiert das die Produzenten? Wollen sie überhaupt etwas ändern, wo doch weltweit die Nachfrage nach Palmöl steigt, andere Absatzkanäle möglich sind und das schnelle Geld lockt?

    Wenn aber nicht baldmöglichst auf eine wirklich nachhaltige Bewirtschaftung umgestellt wird, dann werden die Produktionsgrundlagen zerstört. Ausweichen auf andere Gebiete/Länder dürfte schwierig sein und der Verlust für Indonesien wäre gross.

  • Gefälschtes Pflanzgut ein weiteres Problem

    Palmölplantagen boomen. Die Produktion von Pflanzgut ist anspruchsvoll und beruht auf Hybriden. Entsprechend ist das Pflanzgut teuer und nicht immer in genügender Menge verfügbar. Daher blüht der Handel mit Pflanzen, welche aus Samen gezogen wurden. Samen aus Hybridpflanzen sind genetisch aber sehr heterogen und die daraus gezogenen Ölpalmen wenig ertragreich. Das sieht man den Setzlingen aber nicht an.

    Gemäss Landwirtschaftsamt sind Hunderttausende von Hektaren mit solchen Fake-Ölpalmen bepflanzt. In gewissen Regionen 25 bis 50% der Palmen. Was wird getan? Weil das Entfernen mit der Säge aufwändig ist, wird ein Loch in den Stamm gebohrt durch welches Gifte wie Herbizide und Natriumarsenit eingespritzt werden. Die abgestorbenen Palmen dienen dann den neugepflanzten Setzlingen als Schutz vor starker Sonnenstrahlung, sind aber auch eine Gefahr für Arbeiter und Jungpalmen, wenn die Krone abbricht und auf sie herunterfällt.

  • Warum bin ich für das Referendum?

    Mich ärgert es, dass wir einzigartige Lebensräume mit einer unvorstellbaren Artenvielfalt zerstören und den dort lebenden Menschen das Wasser und die Umwelt verschmutzen. Wir ersetzen reiche Wälder durch Monokulturen, die nicht standortgerecht sind, dem Klima schaden und die Meere weiter verschmutzt. Ich zweifle zudem daran, dass die Palmölplantagen, wie sie heute betrieben werden, Zukunft haben. Neue wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Abholzung der Regenwälder das Klima verändert, d.h. die Temperaturen steigen und die Niederschläge nehmen ab, denn «Regenwald» bedeutet «Regen».  Die Folge davon ist, dass die Erträge sinken, was wiederum zur Expansion der Plantagen führt, konkret zu mehr Abholzung.

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