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Keine Gerechtigkeit für Bäuerinnen

Am 15. Oktober, dem Internationalen Tag der Landfrauen, veranstalteten SWISSAID und der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband an der Uni Bern ein Symposium zum Thema Frauen in der Landwirtschaft. Dabei zeigte sich, dass die Probleme der Bäuerinnen und Landfrauen sich in Europa, Afrika und Lateinamerika durchaus ähneln.

Das Symposium startete mit einem kurzen Video, in dem Bäuerinnen und Landfrauen aus aller Welt in kurzen Worten ihre wichtigsten geschlechtsbedingten Probleme schildern. Im Groben scheinen sie international die gleichen zu sein: Kein oder zu wenig Lohn. Im Süden reicht der Ertrag oftmals nicht einmal für den eigenen Nahrungsbedarf. Ausserdem leiden die Frauen , auch im Norden, unter mangelnder Kontrolle oder Mitspracherecht und ungenügender sozialer Absicherung.

  • Frauen leisten den Grossteil der Landarbeit

    Christine Badertscher von SWISSAID und seither gewählte Nationalrätin der Grünen Bern fasst zusammen: «Bäuerinnen und Landarbeiterinnen leisten global den Grossteil der landwirtschaftlichen Arbeit, versorgen unentgeltlich ihre Familien, aber haben mehrheitlich keine Rechte, keinen Zugang zu Bildung und Landnutzung oder politischer Mitbestimmung.» Auch in der Schweiz sei die betriebliche Mitbestimmung und soziale Absicherung der Bäuerinnen sehr schwach.

    Entsprechende Forderungen formulieren Swissaid und SBLV in einem Online-Appell unter:
    https://baeuerinnen-appell.ch/fuer-soziale-sicherheit-der-baeuerinnen/

  • Bäuerinnen in Guinea-Bissau

    Zweite Referentin war Aissè  Barry die in Zusammenarbeit mit Swissaid frauenspezifische Entwicklungsprojekte in Guinea Bissau koordiniert. «Nach dem Treffen mit der Präsidentin des Bäuerinnenverbandes ist mir klar geworden, dass Schweizer Bäuerinnen letztlich die gleichen Probleme haben wie die in Guinea Bisseau.»

    Das stimmt zwar generell, aber bei genauer Betrachtung sind die Frauen in Guinea dann doch deutlich benachteiligter. Über 80 Prozent der Erwerbstätigen in Guinea Bissau leben von der Landwirtschaft und die Bäuerinnen erledigen nicht nur 80 Prozent der eigentlichen Landarbeit. Sie sorgen zusätzlich für die Instandhaltung des Haushaltes und der Betriebe, Hausarbeit, Kindererziehung, das Sammeln von Holz für die Produktion von Holzkohle, Nahrungsmittelverarbeitung und -vermarktung. Alles in der Regel mit recht primitiven Mitteln. Die Männer tragen lediglich die Entscheidungsgewalt und geniessen zahlreiche Vorrechte. Die Frauen haben lediglich Vorschlagsrecht.

    Die Frauen haben zwar theoretisch das Recht, eigenes Land zu erwerben, aber dafür fehlen in der Regel die finanziellen Mittel.

    Dennoch strahlt Barry einen unerschütterlichen Optimismus aus. Es gehe eindeutig voran. Die offenbar recht umtriebige Fauenbewegung in Guinuea Bissau fordert eine 30 Prozent-Quote für Frauen in allen öffentlichen Ämtern und stellt erstaunlicherweise 8 der 15 Ministerposten.

  • Gute Erträge und Nachhaltigkeit

    Die Agroökologischen Cooperativen produzieren nicht nur nachhaltig (und weitgehend biologisch), sondern auch mit vergleichsweise guten Erträgen. Für die eigenen Kochtöpfe bauen sie Reis, Mais und anderes Getreide an. Ausserdem betreiben sie Fluss- und Küstenfischerei. Die Überschüsse verkaufen Sie auf nahegelegenen Märkten, wobei sie mit Gemüse die grössten Erträge erzielen. Das, trotz schlechter Böden und schwieriger Wasserversorgung. Und die Erträge verbessern sich zusehends durch optimierten Kompost, Mischkulturden und die Verwendung von Biopestiziden. 16 Gemeinden und 1540 Frauen profitieren bis jetzt direkt von den durch Swissaid unterstützten agroökologischen Cooperativen. Dennoch haben die Frauen sich mit Problemen herumzuschlagen die es in dieser drastischen Form hierzulande nicht gibt. Die Wege zu den Märkten sind vergleichsweise Lang und unsicher. Politische Fortschritte werden immer wieder durch Unruhen, Gewalt und politische Wirren behindert.

  • Ungerechtigkeit in der Schweiz

    Trotz deutlicher Vorteile ist die Situation der Bäuerinnen und Landfrauen in der Schweiz noch weit entfernt von sozialer und politischer Gerechtigkeit, wie Anne Challandes, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen und Landfrauen Verbandes (SBLV), betont.

    Mit 57›000 Mitglieder ist der SBLV einer der grössten Frauen-Dachverbände der Schweiz.

    Ein Drittel der Bäuerinnen und zwei Drittel der Landfrauen sind hier orgnasisiert.

    30 Prozent der 152’000 Frauen in der Landwirtschaft sind Familienmitglieder. Nur 6,2 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe werden von Frauen geleitet.

    56 Prozent der verheirateteten Bäuerinnen leisten sogenannte Familienarbeit. Genaugenommen heisst das Schwarzarbeit. Sie haben also kein offizielles Einkommen, Sozialversicherungen, Altersvorsorge, Kranken- und Unfallversicherung, Arbeitslosen- und Mutterschaftsversicherungen. und dergleichen.

    Immerhin konnten sich die Bäuerinnen insofern politisches Gehör verschaffen, dass der Bundesrat in seiner Botschaft zu Agrarpolitik 22+ vorschlägt, dass Betriebe, in denen Frauen ohne offizielles Arbeitsverhältnis tätig sind, die Direktzahlungen gekürzt werden. Laut Challandes ein grosser Fortschritt, weil damit erstmalig überhaupt die Arbeit von Partnerinnen im Landwirtschaftsbetrieb durch das Bundesamt für Landwirtschaft anerkannt und in die Gesetzgebung einbezogen wird.

  • Bürgerliches Familienmodell als Mitursache

    Dr. Sandra Contzen, von der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwirtschaft (HAFL), erklärte, dass die Bäuerinnen am Nationalen Frauenstreik stark beteiligt wahren. «Aber während die meisten Frauen um gerechtere Löhne kämpfen, kämpft ein Grossteil der Bäuerinnen überhaupt für Löhne.» Das sich die Zahl der Betriebsleiterinnen seit 1996 auf 6,2 Prozent praktisch verdoppelt hat, liegt nur daran, dass mehr Männer die Landwirtschaft aufgegeben haben.

    Die schlechte Stellung der Frauen in der Schweizer Landwirtschaft habe ihre Wurzeln letztlich im bürgerlichen Familienmodell, dass sich, mit der Industrialisierung, im 18. und 19. Jahrhundert etabliert hat. Die Trennung von Arbeits- und Wohnort hat letztlich auch räumlichen Trennung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit geführt. Diese sei aber in der Landwirt nicht möglich. Dennoch spiele sich die Arbeit der Männer zum grossen Teil sichtbar draussen ab, während die Arbeit der Frauen in Haushalt, Lebensmittelverarbeitung, Büro und der Gleichen im unsichtbaren geschieht.

    Das schlage sich auch in der geschlechtsspezifischen Landwirtschaftsausbildung nieder.

    Immerhin, so Contzen, deuten aktuelle Studien an, dass sich die Situation der Frauen in der Landwirtschaft in Zukunft durch eine steigende Vielfalt der Lohnarrangements verbessern wird.

Statement von Anne Challandes, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen und Landfrauen Verbandes SBLV, zum Internationalen Tag der Frauen in der Landwirtschaft 2019

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