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Landwirtschaft ist keine Industrie

Anfang März sorgte eine noch unveröffentlichte Studie des deutschen Max Planck Institutes für Chemie (MPI) allgemeine Aufregung. Fazit der Studie: Angeblich sei der Ammoniakausstoss der Landwirtschaft eine der Hauptursachen für Feinstaubbelastung und verursache in Deutschland über 120’000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr.

Ein Ergebnis, dass der Industrie, Rohstoff- und Autolobby sehr entgegenkommt. Kämpfen sie doch derzeit an allen Fronten gegen Massnahmen und Verbote zur Reduktion von Feinstaub und CO2-Emissionen, unterstützen die Aktionen und Publikationen der der Klimawandelleugner und lassen keine Gelegenheit aus, Feinstaub- und CO2-Emissionen anderen Verursacher in die Schuhe zu schieben, als dem Strassen- Luftverkehr und Industrie.

  • Hauptursache Massentierhaltung

    Was von den Massenmedien bei der Studie gern überlesen wird: Hauptursache der Emissionen aus der Landwirtschaft ist die industrielle Massentierhaltung die von allen ökologischen und internationalen sozialen Landwirtschaftsorganisationen, der UNO Welternährungsorganisation FAO und kritischen Konsumentinnen und Konsumenten ohnehin abgelehnt wird – und dass die landwirtschaftlichen Emissionen nur in Kombination mit Auto- und Industrieabgasen zu Feinstaubkonzentrationen führen.

    Auf Druck von Freihandelabkommen, IWF und OECD unterliegt die Landwirtschaft in Europa und auch der Schweiz einem «Strukturwandel» – was unter dem Strich nichts anderes Bedeutet als die Tendenz zur Massenproduktion, Verdichtung und das Abwürgen der kleinen bäuerlichen Betriebe. Allerdings gehört die Schweiz zu den Vorreitern bei der Einführung von Umweltauflagen: Seit 1999 werden Direktzahlungen von der Erfüllung bestimmter ökologischer Anforderungen abhängig gemacht.

    Tatsächlich wurden bei der Verbesserung der Umweltleistungen der Landwirtschaft erhebliche Fortschritte verzeichnet. Durch die Verlagerung von preisstützenden Massnahmen zu Direktzahlungen hat sich beispielsweise der Einsatz von Mineraldüngern und Pestiziden verringert. Dank der Anreize für einen extensiveren Pflanzenbau und die Umwandlung von Ackerflächen zu Grünland, die vor allem im Mittelland zum Tragen kamen, wirkten sich die politischen Reformen positiv auf die Umwelt aus. Der aktuelle politische Rahmen – die Agrarpolitik 2014 bis 2017 – bietet weitere Anreize für eine nachhaltigere Tierhaltung und kann zu einer geringeren Besatzdichte führen.

    Doch auch auch wenn die schweizerische Agrarpolitik sowohl wirtschaftliche und soziale als auch umweltbezogene Ziele vereinen muss, und deshalb neben Norwegen, Japan und Südkorea am meisten staatliche Unterstützung erhält, gibt es auch hierzulande den Trend zur «produktiveren» industrialisierten Landwirtschaft in Grossbetrieben. Die Schweizerische Maschinen-, Elektro und Metallindustrie zum Beispiel fordert von der Schweizer Landwirtschaft eine stärkere Konzentration auf hochpreisige Nischenprodukte – im wesentlichen Milchprodukte – und einen weitgehenden Verzicht auf die Produktion für den zugegeben kleinen Binnenmarkt. Doch diese Idee ist weder neu, noch besonders erfolgreich. Im Gegenteil. Denn was in der Industrie funktioniert, kann in der Nahrungsmittelproduktion nicht funktionieren. Schlicht, weil Landwirtschaft keine Industrie ist.

  • Idee aus dem englischen Empire

    Die industrielle Landwirtschaft hat ihren Ursprung im Grossbritannien des frühen 19. Jahrhunderts. Da Grossbritannien über Kolonien und deren Arbeitskräfte und eben auch Nahrungsmittel auf der ganzen Welt verfügte, extrapolierte der britische Ökonom David Ricardo den englischen Sonderfall zu einer «Theorie der komparativen Kostenvorteile». Dementsprechend soll ein Land nicht die Selbstversorgung mit Lebensmitteln anstreben, sondern nur die Produkte, bei denen es niedrigere Produktionskosten als andere Länder aufweist. Und alles andere importieren. Ein Konzept, dass selbst die englischen Bauern nie recht zu überzeugen vermochte. Wussten sie schliesslich aus Erfahrung, dass die Lebensmittelproduktion von komplett anderen Faktoren als die Industrie abhängig war. Wetter, Schädlinge und andere Umwelteinflüsse verursachen in der Landwirtschaft extreme Preisschwankungen. In den USA fand das Konzept zunächst grossen Anklang. Doch als Konsequenz aus dem grossen Farmensterben, Hungersnot und Massenexodus von Farmern aus Oklahoma und Arkansas in der 1930ern führte Präsident Roosewelt garantierte Mindestpreise ein, um vor allem Kleinbauern vor solchen Schwankungen zu schützen.

    Unter Richard Nixons Landwirtschaftsminister wurde das Konzept der globalen Wettbewerbsfähigkeit wieder aufgenommen. Was allerdings durch die zusehende Massenproduktion zu einem massiven Preiszerfall führte, der die USA wiederum zu Ausgleichszahlungen an die Landwirtschaft zwang.

  • Druck von IWF und Weltbank

    Doch als Folge der Lateinamerikanischen Schuldenkrise und 1982 erzwangen Weltbank und IWF als Voraussetzung für eine Umschuldung die Öffnung der Märkte für internationale Anbieter und Erleichterung ausländischer Direktinvestitionen. Das führte zu einer Explosion der industriellen Landwirtschaft. Grosse Landwirtschaftsbetriebe aus den Industrieländern wurden plötzlich zu globalen Playern, wie Industriekonzerne.

    Konzerne wie wie Cargill und Archer Daniels Midland und chinesische Investoren investierten in Brasilianische Farmen, Lager und Verladeanlagen. Dadurch wurde Brasilien zum grössten Exporteur von Soja, Zucker und Kaffee. Während die lateinamerikanischen Kleinbauern unter Verdrängung durch riesige Monokulturen, Pestiziden und Bodenverdichtung litten, strichen die ausländischen Investoren gigantische Gewinne ein. Die kleinen und mittleren Landwirtschaftsbetriebe in den Industrieländern haben derweil das Nachsehen. Selbst die USA, bis vor kurzem der wichtigste Nahrungsmittelimporteur müssen mittlerweile, trotz Schutzzöllen, mehr importieren als exportieren. Insbesondere die die Achse Argentinien/Brasilien nach Indien/China übernimmt zusehends die Rolle der USA. Mit der Folge, dass der Anbau sich immer weiter in die – für das Klima unverzichtbaren – Tropenwälder frisst. In Brasilien werden Regenwälder für den Sojaanbau gefällt, in Asien und Afrika für Palmölplantagen. Wobei das Palmöl zum grossen Teil zur Produktion von – ebenfalls schädlichen – sogenannten Biotreibstoff genutzt wird. Die – in jeder Hinsicht unökologische – Industrialisierung der Landwirtschaft ist bereits soweit fortgeschritten, dass weltweit drei Unternehmen den Handel mit Saatgut und 48 Prozent des weltweiten Getreidehandels kontrollieren. Früher selbstständige Bauern sind dabei oft zu einem abhängigen Baustein dieses internationalen Agrobusiness geworden.

  • Markt ist ökologisch blind

    Der Markt ist für für ökologische und soziale Nebenwirkungen Blind. Die Global Player der Landwirtschaft produzieren nicht zletzt deshalb in der 3. Welt und Schwellenländern, weil dort die Umweltbestimmungen lascher sind als in den Industriestaaten.
    Die Ertragssteigerung der industrialisierten Landwirtschaft ist langfristig katastrophal. Sie beruht auf massivem Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden und schweren Maschinen, die die Böden verdichten und unfruchtbar machen. In der industrialisierten Landwirtschaft werden heute pro Kalorie erzeugter Nahrungsenergie 1,6 Kalorien aufgewendet. Hinzu kommen sechs Kalorien, die für Transport, Verpackung, Verarbeitung und Verkauf aufgewendet werden. In der traditionellen Landwirtschaft hingegen werden erheblich mehr Nahrungskalorien erzeugt als verbraucht. Im Extremfall bis zu 10 Kalorien pro Erzeugungskalorie. DAS ist der Grund, warum die Landwirtschaft erheblich zum Klimawandel und Feinstaubbelastung beiträgt – Weltweit. Die Versorgung von über 9 Milliarden Menschen wird auf jeden Fall eine Herausforderung, und die heutige Landwirtschaft ist für diese denkbar schlecht gerüstet. Aber es gibt Wege zu einer nachhaltigen Landwirtschaft, die bessere Chancen bietet. Deshalb setzen Experten heute weltweit wieder auf die Förderung von Kleinbauern, denn diese leiden besonders unter dem Hunger auf der Welt. Die massive und pauschale Kritik an der hiesigen Landwirtschaft lenkt nur vom eigentlichen Problem der monopolisierten, globalisierten Industrie-Landwirtschaft ab. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

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