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Legen bis die Knochen brechen

Schweizer Hühner, so der allgemeine Irrglaube, habens alle gut. Tatsächlich ist die Haltung im internationalen Vergleich recht tierfreundlich. Doch durch die Marktvorherrschaft einiger weniger globaler Hühnerzuchtkonzerne leiden auch Hühner auf dem Biohof unter den Folgen erbarmungsloser Qualzucht.

Mit gutem Gewissen schmackhafte Eier von glücklichen Hühnern verspeisen? Fehlanzeige. Auch bei der überwältigen Mehrheit der Bio und Freilandeier. Die Abteilung für Tiergerechte Haltung der Universität Bern hat über 10 Monate 150 Schweizer Legehennen regelmässig geröntget. Das schockierende Ergebnis: 97 Prozent der Tiere hatte ein gebrochenes Brustbein. Im Durchschnitt wiesen die Hühner drei, in den schlimmsten Fällen bis zu elf Brüchen auf.

Das dahinter stehende Leid ist schwer vorstellbar, weil Hühner Schmerzen nicht deutlich zeigen. Man merkt allenfalls, dass die Tiere sich langsamer und vorsichtiger bewegen und, wenn vorhanden, Wasser mit Schmerzmitteln bevorzugen. Sie können nicht winseln oder jaulen und auch ihre Körpersprache ist sehr beschränkt.

Qualzucht auf dem Biohof

Schuld an den erschütternden Zuständen sind nicht etwa die Haltungsbedingungen, sondern die masslose Leistungszucht der letzten Jahre. Eine speziell gezüchtete Legehenne legt ein Ei pro Tag. Jahr für Jahr. Das ist für jeden Hühnerstoffwechsel schlicht zu viel. Das für die Schalen benötigte Kalzium kann das Huhn nicht über die Nahrung aufnehmen und entzieht es damit dem eigenen Skelett, was dieses anfällig für Brüche macht. Schon vor zwei Jahren warnte der Schweizer Tierschutz, dass die Haltung der Schweizer Biohühner eigentlich wenig Grund zur Beanstandung gibt. Aber der Trend zum Hochleistungshybriden führe unweigerlich zu Tierleid. Das Problem ist nicht neu. Aber bei früheren Studien wurden viele Brüche nicht entdeckt, weil die Hühner meist nur abgetastet und nicht geröntgt wurden, wobei viele verheilte Brüche unentdeckt blieben.

Vorherschaft von drei Konzernen

Das Problem betrifft die überwältigende Mehrheit der Legehennen in der Schweiz. Zwar hat das Schweizer Volk sich schon vor über 40 Jahren gegen Käfighaltung entschieden und diese ist hierzulande auch seit 1992 verboten. Damit ist die Schweiz globaler Vorreiter in Sachen Tierwohl. Was die Konsumierenden durchaus goutieren. Sie zahlen gern das doppelte als für ein Importei. Aber in der Schweiz werden praktisch keine Hühner mehr gezüchtet. Mittlerweile werden weltweit – und eben auch in der Schweiz – von den Eierproduzenten die gleichen Legehennenrassen gehalten. Die stammen im wesentlichen der Zucht von gerade mal drei Grosskonzernen, wie der deutschen EW-Group, der niederländischen Hendrix-Genetics oder der französischen Group Grimaud. Und diese Rassen kann man nicht anders als Qualzüchtungen bezeichnen. Zwar versuchen diese Konzerne zur Zeit Rassen zu züchten, die weniger anfällig für Knochenbrüche sind – worauf auch Bund und Eierproduzenten setzen. Doch der Erfolg solcher Züchtungspläne ist mehr als fraglich und wird wohl Erfahrungsgemäss zu neuen, anderen Problemen führen.

Chance Zweinutzungshühner

Gegenüber dem K-Tipp bezeichnet auch Nadja Brodmann vom Zürcher Tierschutz solche Strategien als Sackgasse. «Wir brauchen robustere Hühner, die weniger Eier legen. Die Hochleistungszucht führt zwangsläufig zu Tierleid und verstösst gegen das Gesetz.»

Solche Hühner existieren bereits und werden in der Schweiz auch gehalten. Die klassische Haushuhnrassen, sogenannte Zweinutzungshühner. Die Hähne werden nicht kurz nach dem Schlüpfen getötet und zu Hundefutter verarbeitet, sondern zu Fleischproduktion grossgezogen. Die Hennen dienen der Eierproduktion und enden schliesslich als Suppenhuhn. Solche Hühner legen etwa 70 bis hundert Eier weniger im Jahr und die Hähne liefern weniger Fleisch als Hochleistungshühner. Dafür bleiben sie gesund und führen ein kurzes aber glückliches Hühnerleben. Pro Ei und Kilo Fleisch brauchen diese Rassen allerdings mehr Futter als die «Hybriden» aus dem Labor. Wohl deshalb ist ihr Anteil an den Legehennen in der Schweiz auch auf Biobetrieben verschwindend gering. Von den 3,4 Millionen Schweizer Legehennen sind gerade mal 20›000 Zweinutzungshühner. Entsprechend selten sind deren Eier zu finden. Wenn man nicht gerade einen Bauernbetrieb mit solchen Hühnern kennt, gibt es lediglich die Möglichkeit in gerade mal 160 grösseren Coop-Filialen Bio-Eier mit dem Label Zweitnutzungshuhn.

Die Migros reagierte auf Anfrage zum Problem mit der wortkargen Verlautbahrung, dass das Problem die ganze Branche betreffe.

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