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Ökologie und Landwirtschaft. Ein Scheinkonflikt?

Am 17. Mai lud Agrarinfo in der Fachhochschule Nordwestscheiz in Olten zur Podiumsdisskussion über die Reformpläne des Bundesrates zur Weiterentwicklung der Schweizer Landwirtschaft. Eine Reform, die bei Fachleuten und direkt betroffenen Bäuerinnen und Bauern wenig Zustimmung findet.

Im November 2018 verabschiedete der Bundesrat die Botschaft zur Weiterentwicklung der Schweizer Landwirtschaft unter dem Titel Agrarpolitik 2022 (AP22+). Von fast allen Seiten wird die geplante Reform scharf kritisiert. Zum einen verunmöglichen die Pläne des Bundesrates weitgehend die Ziele der klar angenommenen Initiative zur Ernährungssicherheit. Ausserdem ist sie recht merkwürdiges Konstrukt, dass auf der einen Seite zwar auf Extensivierung der Landwirtschaft im Inland, gleichzeitig aber auf Wachstum durch vermehrten Export von Rohstoffen für die Nahrungsmittelverarbeitung und Viehzucht setzt. Wie Christine Hürlimann von Agrarinfo im Einstiegsvotum erklärt, ignoriert der Bundesrat, dass eine auf Wachstum und Produktivitätssteigerung ausgelegte Landwirtschaft zwangsläufig in Konflikt mit der Ökologie gerät. Die Senkung von Emissionen durch Importe seien reine Augenwischerei, weil die Schweiz mit den Importen ihre Emissionen lediglich exportiert.

  • Wir sind alle Umweltsünder

    Als erster Referent stellt Prof. Dr. Martin Binswanger von der Universität St.Gallen und FHNW die polemische Frage, «Sind Schweizer Bauern Umweltsünder?»

    Und liefert gleich die Antwort: «Natürlich sind sie das – wie wir alle anderen auch.» Die entscheidende Frage sei nicht, ob man die Umwelt belaste, sondern in welchem Ausmass.

    Die Landwirtschaft stehe momentan verschärft in der öffentlichen Kritik. Die beiden Hauptvorwürfe: Die Schweizer Landwirtschaft produziere zu teuer und belaste damit Konsumenten. Ausserdem könnte man die Umweltemissionen senken, wenn man im Ausland produzieren lassen würde. Also wäre eine Liberalisierung der Im- und Exporte durch Freihandelsabkommen ökologischer.

    Das würde vielleicht für die Schweiz selbst stimmen, weil die hiesigen Bäuerinnen und Bauern praktisch zu Landschaftspflegern degradiert würden die nur noch in geringem Umfang hochpreisige und notabene biologische Spezialitäten für die Vermarktung der Schweiz als heiles Heidiland produzieren. Und wer nicht produziert verursacht auch keine Emissionen. Die Nahrungsmittelproduktion soll nach den Vorgaben der LP22+ billigen Importen weichen. Aber das führe eben lediglich zu einer Verlagerung der Emissionen ins Ausland, wo zudem die Umweltbestimmungen weit weniger scharf sind als in der Schweiz. In Deutschland zum Beispiel gelte schon als Bio, was hierzulande als Integrierte Produktion (IP) bekannt ist.

    Grossverteiler Schuld an Hochpreisinsel

    Was den Vorwurf der mangelnden Produktivität und hohen Preise angeht, sind die eigentlichen Verantwortlichen nicht die Landwirte. Die Produzentenpreise sind seit den 80ern kontinuierlich zurück gegangen. Tatsächlich verantwortlich sei die stetig steigende Handelsmarge bei den Grossverteilern wie Migros und Coop. Tatsächlich sind die Margen der beiden Marktleader um ein mehrfaches höher als zum Beispiel in Deutschland.

    Im internationalen Vergleich ist die Schweizer Landwirtschaft am stärksten vom Staat gestützt. Allerdings sei diese Statistik trügerisch. Die EU-Länder zum Beispiel werden in der Statistik als eine Nation aufgeführt, obwohl zum Beispiel in Österreich ähnlich hohe Unterstützungen gezahlt werden wie in der Schweiz.

    Die Industrie drängt auf den Abschluss bilateraler Freihandelsabkommen bei denen auch die Schutzzölle für Agrarprodukte fallen sollen. Mit China, Indonesien, Malaysia und den USA sind derartige Abkommen bereits abgeschlossen oder kurz vor Abschluss.

    Nach kapitalistischen Kriterien nicht Konkurrenzfähig

    Aber die Schweizer Landwirtschaft würde nach kapitalistischen Kriterien nie international Konkurrenzfähig. Genauso wenig, wie sich die Textilindustrie halten konnte. Aber im Gegensatz zur Textilproduktion kann man Landwirtschaft nicht einfach Auslagern.

    Auch eine Produktivitätssteigerung stösst hierzulande an ihre Grenzen. Nicht, dass die Landwirtschaftsbetriebe diesbezüglich geschlafen hätten. Die Produktivität der Betriebe steigt seit den 80ern. Dennoch sinken die Einkommen. Heute verdient ein Bauer Netto 3260 Franken im Durchschnitt. Weniger als ein ungelernter Bauhandlanger mit 40 Stundenwoche und freien Wochenenden. Und auch das nur dank Schutzzöllen und Subventionen.

    Im Vergleich mit EU gute Selbstversorgung

    Im Vergleich mit den EU-Ländern hat die Schweiz trotz allem einen recht hohen Grad an Selbstversorgung mit den meisten wichtigen Agrarprodukten. Die Wasserqualität ist vergleichsweise recht gut. Die Schweizer Tierschutzbestimmungen sind deutlich schärfer als in den meisten anderen Ländern. Eher schlecht steht die Schweiz im Einsatz von Pestiziden da. 

    Aber die Emissionen durch Importe zu senken sei nicht nur unsinnig, weil so die Emissionen lediglich in andere Länder verlagert werden. Die langen Transportwege würden sogar zusätzliche  Emissionen verursachen.

    Produzierende und ökologische Landwirtschaft, so Binswangers Fazit, gelingt nur durch weiteren Grenzschutz.

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  • Ökologie kann rentieren

    Der nächste Referent, Dr. Andreas Bosshard von der ETH Zürich und «Vision Landwirtschaft» sieht hingegen durchaus die Möglichkeit von Synergien zwischen Ökologie und Ökonomie. Er betont ausdrücklich, dass er nicht gegen den Grenzschutz sei (Obwohl Vision Landwirtschaft sich bei verschiedenen Gelegenheiten durchaus dahin gehend geäussert hat, dass sie eine Lockerung des Grenzschutzes befürwortet).

    Natürlich lässt sich aus dem Boden nicht unbegrenzt mehr herauspressen. Aber Importe von Futter, Dünger und Antibiotika vernichten Geld und Landschaft. Mit der Aufhebung der Milchkontingentierung sei zwar durch den Import ausländischer Futtermittel die Milchproduktion um 20 Prozent gestiegen. Dafür sind die Milchpreise gesunken. Den Binnenmarkt könnte man ohne die Zufütterung von rund 500›000 Tonnen wertvollen Getreides problemlos decken.

    Mit den Futtermittelimporten nur für die Schweizer Kühe könnten 2 Millionen Menschen ernährt werden.

    Kommt hinzu, dass ein 1 Kilo Kraftfutternährstoff nur 10 Gramm Nährstoffe durch Milchprodukte produziert. Eine unglaubliche Verschwendung von Nahrungsmitteln, die sich nicht einmal wirklich rechnet. Mittlerweile ist nachgewiesen, dass Weidewirtschaft am besten rentiert und uns weniger abhängig vom internationalen Getreidemarkt machen. Im Schnitt ist der Ertrag eines reinen Weidebetriebes 20’000 Franken höher, als in der Kraftfuttermassenproduktion.

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  • Bauern sind auch Unternehmer

    Agraringenieur François Monin vom Schweizer Bauernverband schliesslich führt ins Feld, dass ein Bauer eben letztlich doch ein Unternehmer sei. Und wenn die Konsumenten – wie in der Schweiz – besonderes Interesse am Tierwohl haben, müsse man dem Kundenwunsch entgegenkommen. Die zunehmenden Ammoniak-, Methan und Lachgasemissionen aus der Rinderhaltung seien ein Resultat davon. Statt geschlossener Stallsysteme würden durch Freilaufställe zum Beispiel mehr Emissionen verursacht.

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  • Weidehaltung verursacht weniger Emissionen

    Doch schon hier stösst er auf entschiedenen Widerspruch aus dem Publikum. Ein Biobauer erklärt, dass längst bekannt sei, dass die Emissionen zu 85 Prozent durch die Mischung von Dung und Urin entstehen, was auf der Weide praktisch nicht vorkommt. Ausserdem hätten Kühe die nur Raufutter fressen weniger Methanflatulenzen.

    Der Bauernverband hinke der Wissenschaft hinterher. Ammoniakbildung könne man mit relativ einfachen Massnahmen verhindern. Ausserdem vernichtet die Gülle Mikroorganismen, die ansonsten CO2 in riesigen Mengen binden würden.

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  • Zusammenhänge sehen

    In der anschliessenden, von Hans Bieri von der Schweizerischen Vereinigung Industrie und Landwirtschaft (SVIL) moderierten Diskussion ging es dann auch recht emotional zu.

    Kleinbäuerin Uli Minkner (uniterre) beklagte, dass Bäuerinnen und Bauern derzeit als Buhmänner für zahlreiche Umweltprobleme hinhalten müssen. Von der Biodiversität bis zum Klimawandel.

    «Wir dürfen die Probleme nicht immer getrennt diskutieren. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag. Alle Krisen und Kriege sind dem ständigen, sinnlosen Produktivitätswachstum geschuldet. Natürlich richten sich Bauern, wie jeder andere auch, nach der Honorierung. Aber wir verheddern uns in Detailfragen statt ineinandergreifende Probleme im Zusammenhang zu begreifen. Die Frage ist, welchen politischen Weg wollen wir wählen um die Probleme wirklich zu lösen.»

    Mathias Binswanger stösst ins gleiche Horn: «unser Hauptproblem ist, dass man versucht, die Landwirtschaft in die kapitalistische Wirtschaft zu integrieren. Aber Landwirtschaft kann so nicht funktionieren. Es ist völliger Unsinn, dass Schweizer Bauern mit Brasilien konkurrieren.

    Die Schweiz hat eine ökologische und keine Hochleistungslandwirtschaft. Wenn man auf Produktivität setzt, produziert man unökologisch wie andere Länder auch und kann eigentlich aufgeben.»

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  • Alle im gleichen Boot

    Florian Köchlin von «Biorespekt» (vormals Basler Appell gegen Gentechnologie) erklärt, dass das Mercosur-Abkommen katastrophale Folgen für alle Milch- und Fleischproduzenten in der Schweiz hätte. «Da sollten eigentlich alle Verbände inklusive Bauernverband Schulter an Schulter gegen marschieren!»

    Auch François Monin sieht, dass zum Beispiel der Export der Emissionen in die 3. Welt nicht der Weg sein kann und auch vom Bauernverband abgelehnt würde.

    Schliesslich fasst Hans Bieri zusammen, dass letztlich doch alle Anwesenden auf der gleichen Seite stehen. «Alle die aus der Erde Nahrungsmittel produzieren sitzen doch im gleichen Boot.»

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Video der Veranstaltung:

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  1. Dr. med. vet. Anita Idel Antworten

    Da ist ein entschiedener Widerspruch aus dem Publikum: Ein Biobauer erklärt, dass längst bekannt sei, dass die Emissionen zu 85 Prozent durch die Mischung von Dung und Urin entstehen GENAU, was auf der Weide praktisch nicht vorkommt GENAU. Ausserdem hätten Kühe die nur Raufutter fressen weniger Methanflatulenzen FALSCH!!.

    Das ist falsch, weil Methan entsteht bei der Verdauung von Gras. Dafür brauchen die Kühe den Pansen mit seinen Mikroorganismen.
    Wer die Systemgrenzen extrem eng setzt und METHAN pro Kilogramm Milch oder Fleisch verringern will, muss zwangsläufig die Rinder runter von der Weide nehmen und mit Kraftfutter füttern…
    Wer sich hingegen für das KLIMA interessiert, wird die Klimabelastung durch Landnutzungsänderungen, durch Herstellung von synthethischem N-Dünger sowie Pestiziden etc. und vor allem die Bildung von Lachgas (N2O) bei der Anwendung/Ausbringung von synthethischem N-Dünger (pro Einheit 2 – 5%) mitberücksichtigen. Dann lautet die logische Schlussfolgerung: Raus auf die Weide und Kraftfutter reduzieren…

    Mehr dazu im Artikel “Die Grasfresser wieder zu Landschafts-Gärtnern machen”, erschienen im OYA 80/2018

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