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Pflanzenschutzmittel aus der Sicht eines Getreideverarbeiters am Beispiel der Fungizide

Getreide kann seit Urzeiten in der Natur unter bestimmten Umständen durch Fusarienpilze befallen werden, deren Stoffwechselprodukte – sogenannte Mykotoxine –  giftig sind für Mensch und Tier. Am bekanntesten sind die Mykotoxine Deoxinivalenol (DON) und Zearalenol (ZON). Daher sind zur Gewährleistung der Lebensmittelsicherheit Grenzwerte für diese Mykotoxine in Getreideprodukten erlassen worden. Die Müller als Getreideverarbeiter müssen diese Werte überwachen und dürften ihre Müllereiprodukte nicht verkaufen, wenn diese die gesetzlichen Grenzwerte überschreiten würden. Getreideprodukte, die die Grenzwerte überschreiten, müssten entsorgt werden, was natürlich unerwünschte Foodwaste- und Einkommenseffekte hätte.  Da mühlentechnische Reinigungs- und  Verarbeitungsprozesse nur teilweise in der der Lage sind, allfällige Mykotoxine zu entfernen, achten Mühlen und Händler bereits bei der Warenannahme peinlichst darauf, dass ausschliesslich normkonformes Getreide  übernommen wird. Getreidepartien mit überhöhtem Fusarienbefall  würden in der ganzen Schweiz umgehend an den Landwirt zurückgewiesen – und würden ihm auch nicht bezahlt.

Solche Ausfälle können sich Landwirte finanziell nicht leisten, da unser agrarpolitisches System ja keine Entschädigung für Getreidepartien vorsieht, deren Grenzwerte für Mykotoxine überschritten ist. Somit müssen die Getreideproduzenten – wegen der Lebensmittelsicherheitsinteressen der Verarbeiter und Konsumenten – zwingend selber dafür sorgen, dass ihr Getreide gesund, und frei von überhöhtem Pilzbefall ist. Wetterverhältnisse, Ackerbearbeitung und Fruchtfolge beeinflussen zwar den möglichen Mykotoxinbefall, vermögen diesen aber nicht mit Sicherheit auszuschliessen. In diesem Fall kommen dann bestimmte Pestizide, nämlich sogenannte Fungizide (Schutzmittel gegen Pilzbefall auf Getreide) zum Einsatz, damit den Verarbeitern nur Getreide angeboten wird, das auch punkto Mykotoxine gesundheitlich unbedenklich ist.

Nun gibt es aber Substanzen, die zwar die unerwünschten Pilze fernhalten, gleichzeitig aber belastend auf die Umwelt wirken. In diesem Fall liegt unbestritten ein Zielkonflikt vor zwischen Lebensmittelsicherheit einerseits, und ökologischen Zielen andererseits.

Dieser  Zielkonflikt wird heute v.a. von der Seite „reduzierter Fungizideinsatz“ angegangen:  Alle Fungizide durchlaufen vor ihrem Einsatz ein behördliches Zulassungsverfahren, mit dem Ziel, ökologische und gesundheitlich bedenkliche Stoffe auszuschliessen.  Zudem wirken die Material- und Ausbringungskosten  von Pestiziden für den Landwirt automatisch in die Richtung  „Nur so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich“. Grund: Für die Getreideverarbeiter (und damit eben auch für die Händler und Produzenten) ist der Getreidepreis ein relevantes Einkaufskriterium (weshalb der Getreidebauer die Produktionskosten möglichst tief halten muss, um überhaupt verkaufen zu können).  Dazu kommen in der Schweiz die Massnamen z.B. von Agrsocope, Hochschulen etc., wie die Züchtung krankheitsresistenter Sorten, Förderung von Nützlingen, Frühwarn- und Prognosesysteme für die Bauern zum immer gezielteren und rationelleren Einsatz von Pestiziden generell.

Sogar ein kompletter Verzicht auf Fungizide wäre denkbar – jedoch äusserst gravierend in den Folgen:  Um das Verfassungsziel der Versorgungssicherheit mit einer eigenen produzierenden Landwirtschaft aufrechtzuerhalten, müsste ein solches Verbot mit einer Art staatlicher Ernteausfallversicherung gekoppelt sein, damit die Getreidebauern Ernteausfälle und Ertragseinbussen finanziell verkraften könnten. Zudem müssten die Händler und Verarbeiter  grössere Lager mit gesunder Ware zur Überbrückung halten können und dafür entschädigt werden. Dies erscheint finanzpolitisch unrealistisch. Völlig unvorstellbar erscheint auch ein Fungizidverbot unter Inkaufnahme einer Reduktion der Lebensmittelsicherheit, also zu Lasten der Konsumentengesundheit und der Krankenkassen. Ein vollständiger Verzicht auf Fungizide über den Weg der Gentechnik ist in der Schweiz schwer denkbar, da hier derzeit mit erheblichen gesellschaftlichen Widerständen zu rechnen wäre. Und der Weg über pilzresistent gezüchtete Getreidesorten, deren Mehl  gleichzeitig auch die geforderten backtechnischen Normen der Mehlverarbeiter erfüllen, ist für die Zukunft zwar verlockend, führte derzeit aber noch zu einer Unterversorgung, da solche Sorten noch nicht in ausreichender Menge vorliegen und nicht in allen Getreideregionen der Schweiz mit ausreichendem Ertrag gedeihen. – Ohne gesundheitliche und versorgungsmässige Konsequenzen führt derzeit offenbar noch kein Weg an Fungiziden vorbei.

Fazit: Die drei Forderungen Ernährungssicherung, Lebensmittelsicherheit und gesunde Umwelt erfordern eine produzierende Landwirtschaft, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und deren verhältnismässigen Einsatz – aber auch weitere Forschung mit den Zielen, die Ernteerträge mindestens zu halten, die Gesundheit möglichst ökologisch, und die Ökologie möglichst ohne Gesundheitseinbussen, zu verwirklichen. Ein radikaler Verzicht auf Fungizide wäre derzeit noch keine Option.

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lic. oec. HSG, Müllereitechniker, Burgdorf

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