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Rückblick auf die Tagung vom 4. und 5. Juni 21

Maude Barlow, Tammi Jonas, Alex Liebman, Raffaele Morgantini, Rob Wallace und Christian Zeller diskutierten mit uns

  • These 1: Das vermehrte Auftreten von Viren (Zoonosen) ist eine Folge unserer industrialisierten und globalisierten Nahrungsmittelproduktion.
  • These 2: Die Krisenverursacher sind auch ihre grossen Gewinner.
  • These 3: Der Weg raus aus dieser Sackgasse führt über einen anderen «Stoffwechsel» zwischen Mensch und Natur: Agrarökologie und Ernährungssouveränität statt Fabriktierhaltung, Land- und Wasserprivatisierung.


  • Begrüssung

    (Christine Hürlimann) Der Verein agrarinfo.ch hat zum Zweck, möglichst ganzheitliche Information zu unserer Lebensbasis Landwirtschaft zu verbreiten. Wir wollen möglichst neutral Brücken bauen und Verständnis fördern. Es ist unser Wunsch, den Konsument.inn.en zu ermöglichen, ihre Ernährung wieder selbst in die Hand zu nehmen. Wir wollen Aufrütteln und zum Denken anregen.

    Mit diesem Ziel organisieren wir seit 2016 zusammen mit anderen Organisationen regelmässig Veranstaltungen. Resilient Agriculture for Global Health knüpfte an diese früheren Tagungen an und griff einige Themen direkt wieder auf.

    Sprachlich war sie direkter als die bisherigen: Es ist leider eine Tatsache, dass sich ein guter Teil der globalisierten Wirtschaft immer mehr und immer schneller von der Natur entfernt. Mitten in der Krise gibt es nichts mehr schön zu reden.

    Das Problem ist global, und so wurden auch unsere wunderbaren Gäste, Maude Barlow, Tammi Jonas, Alex Liebman, Raffaele Morgantini, Rob Wallace und Christian Zeller,  aus 3 Kontinenten eingezoomt.

    Eva Gelinsky moderierte die Tagung und hatte auch das Hintergrunddokument dazu geschrieben. Sie arbeitet für verschiedene NGOs und hat sich 2015 mit ihrem Büro semnar / saatgutpolitik & wissenschaft selbstständig gemacht. Technisch-praktische, rechtliche und politisch-ökonomische Fragen rund um die Themen Saatgut, Züchtung, Landwirtschaft und Patente sind ihre Schwerpunkte. Sie lebt auf einem kleinen, vielfältigen Biohof am Baldegger See (Kanton Luzern).

  • Einleitung

    (Eva Gelinsky) In Teilen Europas, auch in der Schweiz, macht sich nach einem Jahr Pandemie langsam Erleichterung breit. Die Ansteckungszahlen sinken, die Politik kündigt weitere Öffnungsschritte an. Sind wir also auf dem Weg zurück in die «Normalität»? Natürlich freuen wir uns, dass wir uns – wenn auch nur in kleiner Zahl – zur Veranstaltung treffen können. Aber: ist ein «Zurück» in ein Leben «vor Corona» überhaupt wünschenswert? Hat die Pandemie nicht deutlich gezeigt, dass es mit dem «System», in dem wir leben, sehr grundsätzliche Probleme gibt; Probleme die wir dringend lösen müssen?

    Gerade die Landwirtschaft stand mehrfach im Fokus: In Deutschland gab es zum Beispiel heftige Ausbrüche von Covid-19 in der Fleischindustrie. Dies löste kurzzeitig Diskussionen über die dort herrschenden Arbeitsbedingungen aus, und es gab auch einige arbeitsrechtliche Anpassungen. Aber das war’s, die Fliessbänder laufen wieder und jetzt redet kaum noch jemand darüber. Auch die Abhängigkeit unserer Landwirtschaft von schlecht bezahlten Arbeitskräften aus dem Süden und Osten Europas geriet kurzzeitig in den Blick der Öffentlichkeit. Strukturelle Änderungen folgten daraus nicht. Thema war auch der mit der Anlage von z. B. Palmölplantagen verbundene Raubbau an der Natur und was dieser mit der Entstehung von zoonotischen Krankheiten zu tun haben könnte – Konsequenzen wurden auch hier nicht gezogen. Im Gegenteil: in der Schweiz z. B. wurde das – auch aus diesem Grund äusserst umstrittene – Freihandelsabkommen mit Indonesien, wenn auch mit sehr knapper Mehrheit, angenommen.

    Wo genau liegen die Ursachen der Pandemie? Und welche Rolle spielt hier die Landwirtschaft? Was können wir tun, um künftige Pandemien möglichst zu vermeiden? Das sind, in aller Kürze, die zentralen Fragen unserer Veranstaltung. Wir haben Expert*innen aus den USA, Kanada, Australien und Österreich eingeladen und wollen mit ihnen – und natürlich auch mit unseren Zuhörer*innen und Teilnehmer*innen vor Ort – darüber diskutieren, welche Zusammenhänge zwischen unserer industrialisierten und globalisierten Landwirtschaft, Pandemie(n) und der Klima- und Wasserkrise bestehen. Diskutieren wollen wir auch, welche Strukturen und Akteure die entscheidenden Treiber sind. Gemeinsam wollen wir uns auch über Strategien Gedanken machen, wie man einen anderen Umgang mit der Natur, vor allem in der Landwirtschaft, fördern könnte, um nicht nur weitere Pandemien möglichst zu verhindern, sondern auch die Erderhitzung tatsächlich begrenzen zu können. Zentral ist hierbei auch die Frage, wer diese Alternativen umsetzen könnte.

    Im Fokus unserer Veranstaltung stehen die folgenden 3 Thesen:

    • These 1: Das vermehrte Auftreten von Viren (Zoonosen) ist eine Folge unserer industrialisierten und globalisierten Nahrungsmittelproduktion.
    • These 2: Die Krisenverursacher sind auch ihre grossen Gewinner.
    • These 3: Der Weg raus aus dieser Sackgasse führt über einen anderen «Stoffwechsel» zwischen Mensch und Natur: Agrarökologie und Ernährungssouveränität statt Factory farming, Klimakrise, Land- und Wasserprivatisierung.

  • Kurzbiographie von Eva Gelinsky

    Sie arbeitet für verschiedene NGOs und hat sich 2015 mit ihrem Büro semnar / saatgutpolitik & wissenschaft selbstständig gemacht. Technisch-praktische, rechtliche und politisch-ökonomische Fragen rund um die Themen Saatgut, Züchtung, Landwirtschaft und Patente sind ihre Schwerpunkte. Sie lebt auf einem kleinen, vielfältigen Biohof am Baldegger See (Kanton Luzern).


Erderhitzung und die Covid-19-Pandemie – warum wir unseren Stoffwechsel mit der Natur radikal umbauen müssen

Christian Zeller, Universität Salzburg

  • Abstract

    Seit Beginn des Ackerbaus haben die Menschen mit der Landwirtschaft die Natur und Landschaften verändert. Die industrielle Landwirtschaft treibt nunmehr einen gesellschaftlichen Stoffwechsel mit der Natur voran, der Ökosysteme großräumig zerstört. Sie wurde zur Destruktivkraft, die den Menschen und der nichtmenschlichen Natur die Existenzgrundlagen entzieht. Die Kolonisierung der Natur geht mit der Ausbeutung der Arbeit einher. Der kapitalistische Zwang zur Kapitalakkumulation hat den Riss im Stoffwechsel mit der Natur so weit getrieben, dass die lebensfreundliche Konfiguration des Zeitalters des Holozäns ins Wanken geriet und durch das instabile Anthropozän abgelöst wurde. Das Überleben im Anthropozän verlangt radikale gesellschaftliche Antworten.

  • Einführung von Eva Gelinsky

    Die Pandemie hat die Klimakrise eine Weile in den Hintergrund treten lassen. Dabei sollte uns eigentlich klar sein, dass die Auswirkungen der Klimakrise um ein vielfaches heftiger sein werden als das, was wir mit der Pandemie erleben.

    Seit der ersten COP-Konferenz der Vereinten Nationen zur globalen Erwärmung im Jahr 1995 hat sich die Lage deutlich verschärft, die Emissionen nehmen weiter zu. Die Auswirkungen sind bereits jetzt überall um uns herum zu spüren. Um nur einige zu nennen: häufigere und intensivere Hitzewellen führen zu einer Zunahme von Waldbränden, Dürren und Wüstenbildung. Auf der anderen Seite häufen sich schwere Überschwemmungen und Stürme. Doch was wir jetzt erleben, ist wohl nur ein Vorgeschmack darauf, was noch folgen wird. Erhöhen sich die Temperaturen weiter, drohen Kipppunkte im Erdsystem, die eine verhängnisvolle Eigendynamik auslösen und die Erderhitzung zusätzlich antreiben könnten. Einige Wissenschaftler*innen befürchten eine «globale Kaskade» von interagierenden Kipppunkten.

    Die Landwirtschaft ist nicht nur – bereits jetzt – unmittelbar von diesen Veränderungen betroffen. Sie ist auch ein relevanter Verursacher: Es sind vor allem die grossen industrialisierten Strukturen und Konzerne in der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, die nicht nur sehr entscheidend zur Klimakrise beitragen, sondern – und hier zeigt sich, dass die Probleme, die wir behandeln werden, miteinander verknüpft sind – auch für die Entstehung neuer zoonotischer Viren verantwortlich sind.

    Doch nicht nur das: die Art und Weise, wie Landwirtschaft heute betrieben wird, hat auch einen entscheidenden Einfluss darauf, was seit einiger Zeit unter dem Begriff «Anthropozän» diskutiert wird. Ich nenne hier nur eine Zahl: Heute ist in Düngemitteln, die in der Landwirtschaft verwendet werden, mehr Stickstoff synthetisch gebunden, als im gesamten Erdsystem natürlich gebunden ist. Die ökologischen Konsequenzen dieses Eingriffs in den globalen biochemischen Stickstoffkreislauf sind massiv. Die Art und Weise unserer Produktion, gerade auch in der Landwirtschaft, treibt uns also zunehmend an die Belastungsgrenzen des Erdsystems.

    Ich möchte an dieser Stelle den Biologen Richard Levins zitieren, der sehr treffend einmal geschrieben hat: »In der [kapitalistisch organisierten] Landwirtschaft geht es nicht darum, Nahrungsmittel zu produzieren, sondern um Profite. Das Essen ist lediglich Beiwerk.« (Richard Levins). Liegt hier der Kern des Problems, an den wir dran müssen, wenn wir nicht nur weitere Pandemien, sondern auch die Klima- und Biodiversitätskrise zumindest in ihren schlimmsten Auswirkungen noch verhindern wollen? Unter anderem diese zentrale Frage wird Christian Zeller in seinem Vortrag behandeln.

  • Kurzbiographie von Christian Zeller

    Christian Zeller lehrt Wirtschaftsgeographie und Global Studies an der Universität Salzburg. Er publiziert zu global ungleicher Entwicklung, Bedeutungszunahme des Finanzkapitals, Inwertsetzung der Natur, Stadtentwicklung und Wirtschaftsdemokratie. 2020 ist sein Buch Revolution für das Klima. Warum wir eine ökosozialistische Alternative brauchen im Oekom-Verlag erschienen. Er setzt sich für eine transnationale ökosozialistische Bewegung von unten ein.

Agrobusiness, Finanzkapital und Pandemien

Rob Wallace and Alexander Liebman (Pandemic Research for the People, ARERC)

  • Abstract

    Die Gründe für die COVID-19-Pandemie reichen weit über einen Virus und die globalisierten Verkehrs- und Handelsnetze hinaus, die ihn verbreiten. SARS-CoV-2 – das Virus hinter COVID-19 – ist nur eines in einer Reihe von neuen und neu auftauchenden Viren bzw. Infektionskrankheiten, die aus einem globalisierten Hinterland entkamen. Diese neuen geographischen Verhältnisse sind aus einem Regime der zunehmenden Konsolidierung des Agrobusiness, ausländischen Direktinvestitionen in den Agrarbereich, Land Grabbing und dem globalen Nutztierhandel entstanden. Aber wie kam es zu diesen Entwicklungen? Wie sehen deren geographische und evolutionäre Mechanismen aus? Wie können wir als Menschheit der daraus resultierenden epidemiologischen Falle entrinnen, die das Agrobusiness und das Finanzkapital uns gestellt haben?

    In unserem Vortrag werden folgende Themen behandelt: Racial Capitalism, auf dem die Plantagenlogik gründet, der gestörte Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur und die negativen Skaleneffekte, die neue Infektionskrankheiten verstärken – von der molekularen bis zur planetaren Ebene. Wir beschreiben, welchen Schaden die industrialisierte Nahrungsmittelproduktion und kapitalistische Ausbeutung der Natur bei der Bekämpfung von Krankheiten grundsätzlich anrichten. Wir werden mit einer Diskussion darüber schliessen, wie und warum die Agrarökologie – als agronomische Praxis, soziale Bewegung und Wissenschaft – eine Form der Lebensmittelproduktion darstellt, in der die Lebensgrundlagen erhalten werden und in der sich eine dekoloniale Wissensproduktion und radikale politische Kämpfe verbinden. Würde die Agrarökologie breit angewandt, könnte sie entscheidend zur Verhinderung weiterer Ausbrüche von Infektionskrankheiten beitragen.

  • Einführung von Eva Gelinsky

    Entscheidende Grundlagen auf dem Weg der Ursachenforschung wurden mit dem ersten Vortrag nun schon gelegt. Mit dem zweiten Vortrag, in dem zoonotische Erreger wie das Coronavirus und globale Pandemien im Fokus stehen, weiten wir den Blick. Nicht nur auf die globalisierten Verkehrs- und Handelsnetze, die entscheidend zu deren Verbreitung beitragen, sondern vor allem auch die strukturellen Ursachen, die dazu führen, dass sich Menschen immer häufiger mit zoonotischen Erregern infizieren. Wieso begünstigen die industrielle Landwirtschaft – das Roden v. a. tropischer Wälder zur Anlage von Plantagen, Monokulturen, aber auch die industrialisierte Tierhaltung – die Entstehung und Verbreitung neuer Viren und Krankheiten? Und welche Rolle spielt die finanzielle Inwertsetzung der Natur dabei, die auch schon Thema im ersten Vortrag war?

    Auch wenn die Frage, wie wir aus dieser umfassenden ökologischen und sozialen Krise raus kommen wollen, vor allem morgen diskutiert werden soll, werden die Referenten des folgenden Vortrags auch hier schon Grundlegendes ansprechen. Mehr soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden.

    Wir freuen uns ganz besonders, dass Rob Wallace und Alexander Liebman unsere Einladung angenommen haben.

  • Kurzbiographien Rob Wallace und Alex Liebman

    Rob Wallace ist Evolutionsbiologe und Epidemiologe, er hat am «Institut for Global Studies» an der Universität von Minnesota unterrichtet und einige Jahre die FAO (Food and Agriculture Organization) und das U.S.-Center for Disease Control and Prevention beraten. Heute arbeitet er bei der Initiative «Agroecology and Rural Economics Research Corps», die sich mit ökologischer Landwirtschaft beschäftigt. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter Big Farms Make Big Flu und Co-Autor von Dead Epidemiologists: On the Origins of COVID-19. Er hat darüber hinaus das Forschungsprojekt «Pandemic Research for the People» ins Leben gerufen.

    Alexander Liebman ist Geograph. Er arbeitet und publiziert schon lange mit Rob Wallace, auch am Projekt «Pandemic Research for the people» ist er beteiligt. Aktuell forscht er in einem Projekt in Kolumbien. Hier untersucht er, welche Auswirkungen es auf die kleinbäuerliche, agrarökologische Landwirtschaft hat, wenn sich die Mainstream-Agrarwissenschaften immer weiter in Richtung Big Data entwickeln. Wie werden über diese Fixierung auf Daten und Datenverarbeitung, bestehende Ausbeutungs- und Unterdrückungsmechanismen reproduziert und gefestigt? In Kolumbien arbeitet er mit einer Volksbildungsschule von La Via Campesina sowie mit mehreren agrarökologischen Forschungsteams zusammen.

Fabriktierhaltung und ihre Konsequenzen

Devlin Kuyek (GRAIN)

  • Abstract

    Einer der wichtigsten Verursacher neuer, hochpathogener Krankheiten, die sowohl Tiere als auch Menschen befallen können, ist die industrialisierte Tierhaltung. Die Massnahmen, die von Konzernen und Regierungen unter dem Label der «Biosicherheit» gefördert werden, um mit diesen wachsenden Krankheitsrisiken umzugehen, setzen vor allem die kleinbäuerliche Tierhaltung und lokale Verarbeitungsstrukturen unter Druck. Die eigentlichen Probleme im industrialisierten System werden dagegen nicht angegangen.

    Der Vortrag zeigt, warum der jüngste globale Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) – eine Krankheit, die weiterhin Schweinebetriebe in Europa und Asien heimsucht – ein Produkt der weiteren globalen Verbreitung von Massentierhaltungsbetrieben und den dazugehörigen Lieferketten ist. Es wird gezeigt, wie die ASP-Pandemie und das Label der «Biosicherheit» bewusst eingesetzt werden, um die kleinbäuerliche Tierhaltung auszulöschen und die Macht der grossen Fleischkonzerne zu festigen. Es wird erörtert, welche Akteure diese Entwicklungen vorantreiben und was getan werden kann, um dem gefährlichen, dominanten «Biosicherheits-Paradigma» entgegenzuwirken, das den Umgang mit Tierseuchen prägt.

  • Einführung von Eva Gelinsky

    Nach den grundsätzlichen Ausführungen und dem erweiterten Blick auf die globale Situation wird der nächste Vortrag auf eine der entscheidenden Branchen im industrialisierten Nahrungsmittelsystem eingehen: die Tierproduktion. Dass die Art und Weise, wie Tiere hier gehalten werden – auch die vorgelagerten Bereiche der extrem konzentrierten Züchtung und Futtermittelproduktion sowie die nachgelagerten Sektoren der Verarbeitung und des Vertriebs wären hier immer mitzudenken – zu einer Zunahme von Zoonosen beitragen, haben wir bereits gehört. Diese Branche ist darüber hinaus – das hat der erste Vortrag gezeigt – ein relevanter Treiber der Erderhitzung. Profitabel ist das Geschäft dieser Unternehmen trotzdem: schliesslich werden die sozialen und ökologischen Kosten der Produktion auf die Gesellschaft abgewälzt (externalisiert).

    Der WHO oder der Weltorganisation für Tiergesundheit, aber auch Investoren, Politikern und den Konzernen selbst, ist inzwischen auch klar, dass die industrielle Tierhaltung Probleme schafft. Um diese Probleme in den Griff zu bekommen, wurde das so genannte Konzept der «Biosicherheit» entwickelt. Worum geht es hier und hilft das Konzept dabei, die Probleme anzugehen? Oder ist es eher eine Art «technofix» für ein System, das – wenn überhaupt – grundlegend rück- und umgebaut werden müsste? Schliesslich: wie wirken sich die «Biosicherheitsauflagen» auf die kleinbäuerliche Tierhaltung aus, die wir – wenn wir eine andere Landwirtschaft und einen verträglicheren Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur etablieren wollen, doch eigentlich stärken sollten? Diese Fragen wird unser letzter Referent dieses Abends behandeln.

  • Kurzbiographie Devlin Kuyek

    Devlin Kuyek arbeitet bei GRAIN, einer kleinen internationalen NGO, die versucht mit ihrer Arbeit Kleinbauern und soziale Bewegungen in ihrem Kampf für gemeinschaftlich kontrollierte und vielfältige Nahrungsmittelsysteme zu unterstützen. Er arbeitet schwerpunktmässig zum globalen Agrobusiness, dem Landgrabbing und welche Rolle hier z. B. Pensionsfonds und andere Finanzakteure spielen, zur Unternehmenskonzentration im Bereich der Tierproduktion und zum  «Greenwashing» der Konzerne, das aktuell v. a. unter den Slogans «Netto Null» und «nature-based solutions» stattfindet.

Q&A des ersten Tages

mit Devlin Kuyek, Alex Liebman, Rob Wallace und Christian Zeller.

Erderwärmung, Wasserprivatisierung und Public Health

Maude Barlow (kanadische Aktivistin)

  • Abstract

    Wasser und sanitäre Versorgung sind fundamentale Menschenrechte. Dies hat nach langen Diskussionen auch die UNO anerkannt. Wie wichtig diese Rechte sind, hat sich gerade wieder während der Pandemie gezeigt. Überall wurde den Menschen geraten, so oft wie möglich die Hände zu waschen. Aber fast die Hälfte der Weltbevölkerung hat gar keine Möglichkeit dies zu tun, sie haben keinen Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen.

    Die Wasserkrise betrifft nicht nur arme Länder, sie ist ein globales Problem. Viele Industriestaaten machen die Erfahrung ernster Wasserknappheit, und die im Globalen Süden existierende Ungleichheit tritt zunehmend auch in den wohlhabenderen Staaten des Globalen Nordens auf. Die Klimakrise verschärft die Probleme, aber es ist auch unser Missbrauch des Wassers, der die Krise schlimmer macht. Wir heizen nicht nur den Planeten auf, wir verseuchen auch dessen Wassersysteme, stauen und brauchen sie auf, zapfen sie an, leiten sie um.

    Die moderne Landwirtschaft verbraucht riesige Mengen von Wasser, die als virtuelles Wasser über den Export von Lebens- und Futtermitteln vom Süden in den Norden transportiert werden.

    Die offizielle Antwort auf diese umfassende Krise lautet: Privatisierung und Finanzialisierung. Die Über- und Vernutzung von Natur finde deshalb statt, weil sie keinen bzw. keinen korrekten Preis hat. Als Steuerungsinstrument wird daher vorgeschlagen, die ganze Natur mit Preisen zu versehen, was voraussetzt, sie zu privatisieren. Auch über Freihandels- und Investitionsabkommen wird Wasser kommerzialisiert. Seit 1985 gilt Wasser als handelbares Gut, das den kommerziellen Handelsregeln unterliegt.

    Die Privatisierung des Wassers ist jedoch keine Lösung. Im Gegenteil: sie verschärft die Probleme. Um Wasser als Gemeingut zu erhalten, was auch ein zentrales Element für die Verwirklichung der Ernährungssouveränität ist, braucht es eine internationale Bewegung wie die Blue Communities.

  • Einführung von Eva Gelinsky

    Die Wasserkrise betrifft nicht nur arme Länder, sie ist ein globales Problem. Viele Industriestaaten machen die Erfahrung ernster Wasserknappheit, und die im Globalen Süden existierende Ungleichheit tritt zunehmend auch in den wohlhabenderen Staaten des Nordens auf. Die Klimakrise verschärft die Probleme, aber es ist auch der Missbrauch des Wassers, der die Krise schlimmer macht.

    Die moderne Landwirtschaft verbraucht riesige Mengen an Wasser, die als «virtuelles Wasser» über den Export von Lebens- und Futtermitteln von Land zu Land transportiert werden. Ein paar Zahlen aus einem aktuellen Vortrag von Prof. Andreoli aus Brasilien: Er hat zunächst darauf hingewiesen, dass sich der Wasserverbrauch der Landwirtschaft in den letzten 50 Jahren verdreifacht hat. Inzwischen wirklich extreme Auswirkungen hat die Fleischproduktion und der damit verbundene Futtermittelanbau. 2017 hat Brasilien z. B. 68 Mio. Tonnen Soja als Futtermittel exportiert. Für den Anbau wurden 150 Billionen Liter Trinkwasser (Bewässerung) eingesetzt. Mit dieser Menge könnte man 2 Mrd. Menschen ein Jahr lang? mit Trinkwasser versorgen. Das ist mit dem Begriff «virtuelles Wasser» gemeint. Mit der Soja werden also auch Unmengen Wasser exportiert, v. a. natürlich in die reichen Länder des Nordens.

    Die offizielle Antwort auf diese umfassende Krise lautet: Privatisierung und Finanzialisierung. Maude Barlow wird in ihrem Vortrag zeigen, dass dies keine Lösung ist; im Gegenteil.

  • Kurzbiographie Maude Barlow

    Maude Barlow ist eine kanadische Aktivistin und Autorin. Sie ist Vorstandsvorsitzende von Food and Water Watch (Washington) und dem kanadischen Blue Planet Project. Maude Barlow ist Mitbegründerin des Council of Canadians und war über drei Jahrzehnte lang deren Vorsitzende. Sie gehört dem Beirat der Global Alliance for the Rights of Nature an und ist Ratsmitglied des World Future Council mit Sitz in Hamburg. Darüber hinaus ist Maude Rektorin des Brescia University College in London Ontario.

    Maude Barlow ist Trägerin von vierzehn Ehrendoktortiteln und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 den Right Livelihood Award (bekannt als «Alternativer Nobelpreis»). Sie war führend in der Kampagne zur Anerkennung von Wasser als Menschenrecht durch die UN. Sie ist ausserdem Autorin zahlreicher Studien und Bücher.

Agrarökologie, ein Leben in Gemeinschaft mit der Natur

Tammi Jonas (Jonai Farms & Meatsmiths, PReP und Präsidentin der Australischen Allianz für Ernährungssouveränität)


  • Abstract

    Wie muss die Landwirtschaft umgestaltet werden, wenn wir weitere Pandemien verhindern wollen? Welche Rolle spielen Ernährungssouveränität und Agrarökologie dabei? Die agrarökologische Landwirtin, Aktivistin für Ernährungssouveränität und Wissenschaftlerin Tammi Jonas zeigt auf, wie Landwirte indigenes Wissen nutzen, mit welchen Hindernissen sie konfrontiert sind und was Forscher und politische Entscheidungsträger tun können zur Unterstützung der Agrarökologie – als Teil eines breiteren Spektrums von Strategien zur Klimaanpassung, zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und funktionaler Ökosysteme.

  • Einführung von Eva Gelinsky

    Die gestern von Christian Zeller, Rob Wallace, Alex Liebman und Devlin Kuyek beschriebenen Zusammenhänge und Strukturen in der industriell organisierten Landwirtschaft steuern nicht nur die Entstehung von Krankheiten; sie sind für weitere globale Krisen verantwortlich. Neben der Wasserkrise, über die Maude Barlow berichtet hat und der Erderhitzung ist in diesem Zusammenhang auch der massive Rückgang der Artenvielfalt zu nennen. Sowohl die Erderhitzung, als auch der Verlust der Biodiversität sind jedoch nicht einfach nur das Resultat der bereits genannten Strukturen; diese Prozesse beeinflussen und verstärken sich auch noch gegenseitig.

    Hierzu nur zwei Beispiele:

    • Es ist gerade die Zerstörung der Biodiversität – ein struktur- und artenreicher Wald wird abgeholzt, um einer Palmölplantage Platz zu machen – die die Ausbreitung von Erregern befördert: Wildtiere wie Fledermäuse finden in den degradierten Resten ihres angestammten Lebensraums keine Nahrung mehr, sie lassen sich in den Plantagen nieder und infizieren die dort arbeitenden Menschen.
    • Steigen die globalen Temperaturen deutlich über 1.5 Grad – ein Szenario, das nach Ansicht von Wissenschaftler*innen immer wahrscheinlicher wird – nimmt die Geschwindigkeit zu, mit der weitere Arten aussterben. Denn die Erhitzung, so die Prognosen, wird so schnell ablaufen, dass eine Anpassung vieler Arten, z. B. ein Ausweichen in kühlere Regionen, nicht mehr möglich sein wird. Ein beschleunigter Verlust an Biodiversität aber wiederum ist ein Faktor, der die Entstehung und Ausbreitung von Krankheiten befördert.

    Um die extreme Vereinheitlichung und Standardisierung im agrarindustriellen System aufzubrechen – es braucht sie, um die Produktionsprozesse so gewinnbringend wie möglich organisieren zu können – muss die Vielfalt zurück in die Ställe, auf die Äcker und in die Natur «drum herum». Die Agrarökologie, die mehr ist als eine spezielle Art der landwirtschaftlichen Produktion, wurde gestern schon als ein Schlüsselkonzept genannt. Genauso auch die Ernährungssouveränität, die u. a. betont, dass Bäuerinnen und Bauern Zugang zu ihren zentralen Produktionsmitteln haben müssen: Land, Wasser und Saatgut. Auch müssen sie selbst über die Art und Weise der Produktion bestimmen können. Die Ernährungssouveränität fordert auch, dass die Landwirtschaft zuallererst dazu da sein sollte, um gute, gesunde Lebensmittel für alle Menschen zu produzieren. Wobei die Produktion so zu organisieren wäre, dass die Produktionsgrundlagen erhalten bleiben und nicht zerstört werden. Wie das funktionieren kann, das wird uns Tammi Jonas jetzt erklären. .

  • Kurzbiographie Tammi Jonas

    Tammi Jonas ist Agrarökologin. Zusammen mit ihrem Mann Stuart züchtet sie auf dem geschützten Land eines indigenen Volkes im zentralen Hochland der australischen Provinz Victoria Schweine, Rinder und Knoblauch. Sie ist Redakteurin und Mitautorin von Farming Democracy: Radically transforming the food system from the ground up (2019). Derzeit arbeitet sie an der University of Western Australia an ihrer Doktorarbeit, in der sie sich mit den biodiversen und de-kolonialistischen Praktiken agrarökologisch arbeitender Bauern und den notwendigen Rahmenbedingungen für einen agrarökologischen Umbau der Landwirtschaft in Australien beschäftigt.

    Seit 2014 ist Tammi Jonas Präsidentin der australischen Allianz für Ernährungssouveränität AFSA. Im Rahmen verschiedener UN-Organisationen setzt sich die AFSA für einen agrarökologischen Umbau der Landwirtschaft und die Rechte indigener Völker und Bauern und ihrer Gemeinschaften ein.


Abschlussdiskussion: The buck stops here

Maude Barlow, Tammi Jonas, Raffaele Morgantini (CETIM) und Christian Zeller, moderiert von Eva Gelinsky (semnar / saatgutpolitik & wissenschaft)

Mit dem sozialen und ökologischen Umbau der Landwirtschaft beginnen: Wo und wie?


  • Kurzbiographie Raffaele Morgantini

    Raffaele Morgantini studierte Internationale Beziehungen und Entwicklung und Internationale Zusammenarbeit in Genf und Brüssel. Derzeit ist er Repräsentant des Zentrums Europa – Dritte Welt (CETIM) bei der UNO in Genf und verantwortlich für das Menschenrechtsprogramm derselben Organisation. Von 2016 bis 2018 nahm er als Advocacy Officer an den Verhandlungen der UN-Erklärung über die Rechte der Bauern teil.



 

  • Organisation

     

    und

  • Trägerorganisationen

    Abl, alternatiba lémanblue community, Europäisches BürgerInnen Forum, HEKS, longomai, multiwatch, ecvc, uniterre

  • Medienpartner

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  • Unterstützung

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    lautend auf agrarinfo.ch  –  route de Crans  –  1298 Céligny.

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