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Resilient agriculture for global health

Nur eine andere Landwirtschaft hilft gegen Pandemien

Ein Jahr Pandemie. Die Verunsicherung ist gross. Symptome werden bekämpft und Ursachen erforscht – der Handlungsbedarf ist dringend!

Folgende Thesen diskutierten wir am 4. und 5. Juni 2021 mit renommierten Expert.inn.en

  • These 1: Das vermehrte Auftreten von Viren (Zoonosen) ist eine Folge unserer industrialisierten und globalisierten Nahrungsmittelproduktion. 
  • These 2: Die Krisenverursacher sind auch ihre grossen Gewinner. 
  • These 3: Der Weg raus aus dieser Sackgasse führt über einen anderen «Stoffwechsel» zwischen Mensch und Natur: Agrarökologie und Ernährungssouveränität statt Fabriktierhaltung, Land- und Wasserprivatisierung.

  • Referent.inn.en

    Maude Barlow ist eine kanadische Aktivistin und Autorin. Sie ist Vorstandsvorsitzende von Food and Water Watch (Washington) und dem kanadischen Blue Planet Project. Maude Barlow ist Mitbegründerin des Council of Canadians und war über drei Jahrzehnte lang dessen Vorsitzende. Sie gehört dem Beirat der Global Alliance for the Rights of Nature an und ist Ratsmitglied des World Future Council mit Sitz in Hamburg. Darüber hinaus ist Maude Rektorin des Brescia University College in London Ontario.
    Maude Barlow ist Trägerin von vierzehn Ehrendoktortiteln und erhielt zahlreiche Auszeichnungen: 2005 den Right Livelihood Award (bekannt als“Alternativer Nobelpreis“) und den Lannan Foundation Cultural Freedom Fellowship Award, 2008 die Citation of Lifetime Achievement bei den Canadian Environment Awards, 2009 den Earth Day Canada Outstanding Environmental Achievement Award sowie den Planet in Focus Eco Hero Award und 2011 den EarthCare Award, die höchste internationale Auszeichnung des Sierra Club (USA).
    2008/2009 diente sie dem 63. Präsidenten der Generalversammlung der Vereinten Nationen als leitende Beraterin zum Thema Wasser. Sie war führend an der Kampagne zur Anerkennung von Wasser als Menschenrecht durch die UN beteiligt. Sie ist ausserdem Autorin von Dutzenden von Berichten sowie von 19 Büchern, darunter ihr neuestes, Boiling Point: Government Neglect, Corporate Abuse and Canada’s Water Crisis; und “Das Wasser gehört uns allen!  Wie wir den Schutz des Wassers in die öffentliche Hand nehmen können».

    Tammi Jonas ist Agrarökologin. Zusammen mit ihrem Mann Stuart züchtet sie auf dem geschützten Land des Dja Dja Wurrung-Volkes im zentralen Hochland der australischen Provinz Victoria Schweine, Rinder und Knoblauch, um das Land mit Anmut und Respekt für die Jaara und ihre Ältesten in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu pflegen. Sie ist Redakteurin und Mitautorin von Farming Democracy: Radically transforming the food system from the ground up (2019). Derzeit schreibt sie an der University of Western Australia an ihrer Doktorarbeit, in der sie sich mit den biodiversen und de-kolonialistischen Praktiken agrarökologisch arbeitender Bauern und den ökologischen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen für einen agrarökologischen Übergang in Australien beschäftigt.
    Seit 2014 ist Tammi Jonas Präsidentin der australischen Allianz für Ernährungssouveränität AFSA. Die Allianz setzt sich für das Recht aller Menschen auf gute und ihrer Kultur gemässe Lebensmittel ein, die auf ethische und ökologisch vertretbare Weise produziert und verteilt werden, sowie für das Recht, das eigene Lebensmittel- und Landwirtschaftssystem selbst zu wählen und zu organisieren. Zusammen mit La Via Campesina und dem Internationalen Planungskomitee für Ernährungssouveränität (IPC), engagiert sich die AFSA im globalen Kampf für Food Sovereignty. Im Rahmen verschiedener UN-Organisationen setzt sich die AFSA für einen agrarökologischen Übergang und die Rechte indigener Völker und Bauern und ihrer Gemeinschaften ein.

    Devlin Kuyek ist Forscher bei GRAIN, einer kleinen internationalen Non-Profit-Organisation, die Kleinbauern und soziale Bewegungen in ihrem Kampf für gemeinschaftlich kontrollierte und vielfältige Nahrungsmittelsysteme unterstützt. Er beobachtet und analysiert das globale Agrobusiness, einschliesslich des globalen Landgrabbings und die Unternehmenskonzentration im Tierhaltungssektor.

    Alexander Liebman interessiert sich für die «Big-Data-Wissenschaft» in der Agrarforschung und deren Auswirkungen auf den Klimawandel, bäuerliche Lebensgrundlagen und agrarökologische Lebensmittelsysteme. Er erforscht, wie der Umgang mit Daten im agrarwissenschaftlichen Mainstream bestimmte Formen der Standardisierung und Homogenisierung reproduziert und dabei hilft, die rassistischen und ausgrenzende Formen der internationalen Entwicklung und des Umweltmanagements im globalen Süden durchzusetzen.

    Raffaele Morgantini studierte Internationale Beziehungen und Entwicklung und Internationale Zusammenarbeit in Genf und Brüssel. Derzeit ist er Repräsentant des Zentrums Europa – Dritte Welt (CETIM) bei der UNO in Genf und verantwortlich für das Menschenrechtsprogramm derselben Organisation. Von 2016 bis 2018 nahm er als Advocacy Officer an den Verhandlungen der UN-Erklärung über die Rechte der Bauern teil.

    Rob Wallace ist ein Evolutions-Epidemiologe beim Agroecology and Rural Economics Research Corps. Er ist Autor von Big Farms Make Big Flu und Co-Autor von Dead Epidemiologists: On the Origins of COVID-19 und Clear-Cutting Disease Control: Capital-Led Deforestation, Public Health Austerity, and Vector-Borne Infection. Er hat die UN-FAO (Food and Agriculture Organization) und U.S.-Centers for Disease Control and Prevention beraten.

    Christian Zeller lehrt Wirtschaftsgeographie und Global Studies an der Universität Salzburg. Er publiziert zu global ungleicher Entwicklung, Bedeutungszunahme des Finanzkapitals, Inwertsetzung der Natur, Stadtentwicklung und Wirtschaftsdemokratie. 2020 ist sein Buch Revolution für das Klima. Warum wir eine ökosozialistische Alternative brauchen im Oekom-Verlag erschienen. Er setzt sich für eine transnationale ökosozialistische Bewegung von unten ein.

    Eva Gelinsky moderiert die Veranstaltung. Sie arbeitet für verschiedene NGOs und hat sich 2015 mit ihrem Büro semnar / saatgutpolitik & wissenschaft selbstständig gemacht. Technisch-praktische, rechtliche und politisch-ökonomische Fragen rund um die Themen Saatgut, Züchtung, Landwirtschaft und Patente sind ihre Schwerpunkte. Sie lebt auf einem kleinen, vielfältigen Biohof am Baldegger See (Kanton Luzern).

  • Detailliertes Programm

    FREITAG 4. Juni 2021
    18:00 Begrüssung
    18:10
    Einleitung: Erderhitzung und die Covid-19-Pandemie – warum wir unseren Stoffwechsel mit der Natur radikal umbauen müssen
    Christian Zeller, Universität Salzburg
    Seit Beginn des Ackerbaus haben die Menschen mit der Landwirtschaft die Natur und Landschaften verändert. Die industrielle Landwirtschaft treibt nunmehr einen gesellschaftlichen Stoffwechsel mit der Natur voran, der Ökosysteme großräumig zerstört. Sie wurde zur Destruktivkraft, die den Menschen und der nichtmenschlichen Natur die Existenzgrundlagen entzieht. Die Kolonisierung der Natur geht mit der Ausbeutung der Arbeit einher. Der kapitalistische Zwang zur Kapitalakkumulation hat den Riss im Stoffwechsel mit der Natur so weit getrieben, dass die lebensfreundliche Konfiguration des Zeitalters des Holozäns ins Wanken geriet und durch das instabile Anthropozän abgelöst wurde. Das Überleben im Anthropozän verlangt radikale gesellschaftliche Antworten.
    18:40 Überblick:  Agrobusiness, Finanzkapital und Pandemien
    Rob Wallace and Alexander Liebman (Pandemic Research for the PeopleARERC)
    Die Gründe für die COVID-19-Pandemie reichen weit über einen Virus und die globalisierten Verkehrs- und Handelsnetze hinaus, die ihn verbreiten. SARS-CoV-2 – das Virus hinter COVID-19 – ist nur eines in einer Reihe von neuen und neu auftauchenden Viren bzw. Infektionskrankheiten, die aus einem globalisierten Hinterland entkamen. Diese neuen geographischen Verhältnisse sind aus einem Regime der zunehmenden Konsolidierung des Agrobusiness, ausländischen Direktinvestitionen in den Agrarbereich, Land Grabbing und dem globalen Nutztierhandel entstanden. Aber wie kam es zu diesen Entwicklungen? Wie sehen deren geographische und evolutionäre Mechanismen aus? Wie können wir als Menschheit der daraus resultierenden epidemiologischen Falle entrinnen, die das Agrobusiness und das Finanzkapital uns gestellt haben?
    In unserem Vortrag werden folgende Themen behandelt: Racial Capitalism, auf dem die Plantagenlogik gründet, der gestörte Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur und die negativen Skaleneffekte, die neue Infektionskrankheiten verstärken – von der molekularen bis zur planetaren Ebene. Wir beschreiben, welchen Schaden die industrialisierte Nahrungsmittelproduktion und kapitalistische Ausbeutung der Natur bei der Bekämpfung von Krankheiten grundsätzlich anrichten. Wir werden mit einer Diskussion darüber schliessen, wie und warum die Agrarökologie – als agronomische Praxis, soziale Bewegung und Wissenschaft – eine Form der Lebensmittelproduktion darstellt, in der die Lebensgrundlagen erhalten werden und in der sich eine dekoloniale Wissensproduktion und radikale politische Kämpfe verbinden. Würde die Agrarökologie breit angewandt, könnte sie entscheidend zur Verhinderung weiterer Ausbrüche von Infektionskrankheiten beitragen.
    19:20 Fokus I: Fabriktierhaltung und ihre Konsequenzen
    Devlin Kuyek (GRAIN)
    Einer der wichtigsten Verursacher neuer, hochpathogener Krankheiten, die sowohl Tiere als auch Menschen befallen können, ist die industrialisierte Tierhaltung. Die Massnahmen, die von Konzernen und Regierungen unter dem Label der «Biosicherheit» gefördert werden, um mit diesen wachsenden Krankheitsrisiken umzugehen, setzen vor allem die kleinbäuerliche Tierhaltung und lokale Verarbeitungsstrukturen unter Druck. Die eigentlichen Probleme im industrialisierten System werden dagegen nicht angegangen.
    Der Vortrag zeigt, warum der jüngste globale Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) – eine Krankheit, die weiterhin Schweinebetriebe in Europa und Asien heimsucht – ein Produkt der weiteren globalen Verbreitung von Massentierhaltungsbetrieben und den dazugehörigen Lieferketten ist. Es wird gezeigt, wie die ASP-Pandemie und das Label der «Biosicherheit» bewusst eingesetzt werden, um die kleinbäuerliche Tierhaltung auszulöschen und die Macht der grossen Fleischkonzerne zu festigen. Es wird erörtert, welche Akteure diese Entwicklungen vorantreiben und was getan werden kann, um dem gefährlichen, dominanten «Biosicherheits-Paradigma» entgegenzuwirken, das den Umgang mit Tierseuchen prägt.
    19:50 Q&A für alle Referenten des ersten Tages.
    20:30 Ende
    SAMSTAG 5. Juni 2021
    12:30 Willkommen zum 2. Tag
    12:40 Fokus II:  Erderwärmung, Wasserprivatisierung und Public Health
    Maude Barlow (kanadische Aktivistin)
    Wasser und sanitäre Versorgung sind fundamentale Menschenrechte. Dies hat nach langen Diskussionen auch die UNO anerkannt. Wie wichtig diese Rechte sind, hat sich gerade wieder während der Pandemie gezeigt. Überall wurde den Menschen geraten, so oft wie möglich die Hände zu waschen. Aber fast die Hälfte der Weltbevölkerung hat gar keine Möglichkeit dies zu tun, sie haben keinen Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen.
    Die globale Wasserkrise betrifft nicht nur arme Länder, sie ist ein globales Problem. Viele Industriestaaten machen die Erfahrung ernster Wasserknappheit, und die im Globalen Süden existierende Ungleichheit tritt zunehmend auch in den wohlhabenderen Staaten des Globalen Nordens auf. Die Klimakrise verschärft die Probleme, aber es ist auch unser Missbrauch des Wassers, der die Krise schlimmer macht. Wir heizen nicht nur den Planeten auf, wir verseuchen auch dessen Wassersysteme, stauen und brauchen sie auf, zapfen sie an, leiten sie um.
    Die moderne Landwirtschaft verbraucht riesige Mengen von Wasser, die als virtuelles Wasser über den Export von Lebens- und Futtermitteln vom Süden in den Norden transportiert werden.
    Die offizielle Antwort auf diese umfassende Krise lautet: Privatisierung und Finanzialisierung. Die Über- und Vernutzung von Natur finde deshalb statt, weil sie keinen bzw. keinen korrekten Preis hat. Als Steuerungsinstrument wird daher vorgeschlagen, die ganze Natur mit Preisen zu versehen, was voraussetzt, sie zu privatisieren. Auch über Freihandels- und Investitionsabkommen wird Wasser kommerzialisiert. Seit 1985 gilt Wasser als handelbares Gut, das den kommerziellen Handelsregeln unterliegt.
    Die Privatisierung des Wassers ist jedoch keine Lösung. Im Gegenteil: sie verschärft die Probleme. Um Wasser als Gemeingut zu erhalten, was auch ein zentrales Element für die Verwirklichung der Ernährungssouveränität ist, braucht es eine internationale Bewegung wie die Blue Communities.
    13:10 Ausblick:  Agrarökologie, ein Leben in Gemeinschaft mit der Natur
    Tammi Jonas (Jonai Farms & Meatsmiths, PReP und Präsidentin der Australischen Allianz für Ernährungssouveränität)
    Wie muss die Landwirtschaft umgestaltet werden, wenn wir weitere Pandemien verhindern wollen? Welche Rolle spielen Ernährungssouveränität und Agrarökologie dabei? Die agrarökologische Landwirtin, Aktivistin für Ernährungssouveränität und Wissenschaftlerin Tammi Jonas zeigt auf, wie Landwirte indigenes Wissen nutzen, mit welchen Hindernissen sie konfrontiert sind und was Forscher und politische Entscheidungsträger tun können zur Unterstützung der Agrarökologie – als Teil eines breiteren Spektrums von Strategien zur Klimaanpassung, zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und funktionaler Ökosysteme.
    13:40 Pause
    14:00 Abschlussdiskussion: The buck stops here
    Maude Barlow, Tammi Jonas, Raffaele Morgantini (CETIM) und Christian Zeller, moderiert von Eva Gelinsky (semnar / saatgutpolitik & wissenschaft)
    Mit dem sozialen und ökologischen Umbau der Landwirtschaft beginnen: Wo und wie?
    15h Ende

  • Organisation

     

  • Trägerorganisationen

    Abl alternatiba léman     blue community Europäisches BürgerInnen Forum HEKS     longomai multiwatch     ecvc   uniterre

  • Medienpartner

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  • Flyer

    Zum Vergrössern klicken Sie bitte auf das Bild   zum Veranstaltungsflyer klicken.

  • Unterstützung

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    IBAN CH02 0900 0000 8996 1865 6
    lautend auf agrarinfo.ch  –  route de Crans  –  1298 Céligny.

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  1. Florianne Koechlin Antworten

    (einfach ein grosses Dankeschön für diese spannende Tagung)

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