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Todbringender «Pflanzenschutz»

Pestizide – Umweltgift und Waffe

Herbizide und Pestizide sorgen in letzter Zeit vermehrt für alarmierende Schlagzeilen.

Ein schwerer Schlag für Bayer. Zwar hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nach monatelangem Streit das Herbizid Glyphosat für weitere 5 Jahre in Europa zugelassen, weil eine entsprechende Studie keinen Nachweis für eine krebserregende Wirkung von Glyphosat gefunden hat. Allerdings ist die Studie geheim. Auf Drängen von vier grünen EU-Parlamentariern hat der europäische Gerichtshof jetzt beschlossen, dass die Studie jetzt doch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden muss – womit die Diskussion um das Risiko von Glyphosat wohl erneut auch in Europa aufflammt.  Schon jetzt kommt Bayer die Übernahme von Glyphosat-Produzent Monsanto teuer zu stehen. Denn auch wenn glyphosathaltige Herbizid Roundup für den Endverbraucher unbedenklich wäre, für die Landwirte ist es das offensichtlich nicht.

Massenklage in den USA

Ende März verurteilte bereits zum zweiten mal eine amerikanische Jury den Monsanto zu Schadenersatz für einen durch Roundup an Lymphdrüsenkrebs erkrankten Farmer. Die Bayeraktie rasselte umgehend in den Keller. Denn die Aktionäre befürchten zurecht milliardenschwere Schadenersatzforderungen und einen irreparablen Imageverlust. Bereits vor dem zweiten Schuldspruch hatten mehr als 11 200 Privatpersonen, Landwirte und Landschaftsgärtner in den USA Klage gegen Bayer wegen des Unkrautvernichters eingereicht, weil Roundup bei ihnen Lymphdrüsenkrebs und andere Krebsarten hervorgerufen habe. Mehr als 760 Fälle sind allein am Bundesbezirksgericht in San Francisco pendent.

  • Glyphosat statt Agent Orange

    In Lateinamerika steht Roundup schon seit Jahrzehnten unter Verdacht. Seit 1976 verwenden die Armeen von Mexiko, Guatemala, und Columbien auf Druck und in Zusammenarbeit mit den USA Glyphosat als Entlaubungsmittel für Opium-, Koka- und Cannabisplantagen (das in Vietnam eingesetzte Dioxinhaltige Agent Orange ging der Mexikanischen Regierung zu weit). Ohne Rücksicht auf die Kleinbauern, die zwischen den Plantagen ihre Lebensmittel anbauen. Denn Roundup wird seinem Nahmen als Breitbandpestizid gerecht. Es tötet alle Pflanzen ab, die nicht durch genetische Manipulation dagegen resistent gemacht wurden. Vor allem Mais-, Soja-, Raps- oder Baumwollpflanzen – deren Saatgut wird notabene ebenfalls von Monsanto hergestellt und verkauft. Schon früh gab es zum Beispiel in Argentinien, wo riesige Sojafelder mit Roundup besprüht werden, zahlreiche schwere Krankheitsfälle die höchstwahrscheinlich auf den Herbizideinsatz zurückzuführen sind.

    Bis 2015 hat Monsanto es aber meist geschafft, kritische Forscher als unglaubwürdig darzustellen. Dann aber kam eine WHO-Studie zum Schuss, dass Glyphosat eben doch höchstwahrscheinlich hoch krebserregend sei.

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  • Verbotenes Gift für die Dritte Welt

    Doch nicht nur Glyphosat macht derzeit negative Schlagzeilen. Auch das Pestizid Paraquat, ebenfalls eine Schweizer Erfindung des heute chinesischen Konzerns Syngenta, sorgt derzeit für Unmut. Wie andere Pestizide und Herbizide ist ist Paraquat in Europa mittlerweile verboten. Darf aber in Entwicklungsländern weiter vertrieben werden. Die Organisation Public Eye wirft Syngenta vor, es sei unredlich, das in Europa nicht mehr zugelassene Produkt in den Entwicklungsländern zu verkaufen. Syngenta maximiere so den Profit auf Kosten der dortigen Bäuerinnen und Bauern und der Natur. Ein Risiko bestehe laut Syngenta nur, wenn Paraquat unsachgemäss und ohne Schutzmassnahmen eingesetzt würde. Laut der Syngenta PR-Abteilung, würden zu diesem Zweck rund 30’000 Trainerinnen und Trainer weltweit zur Unterstützung der Bäuerinnen und Bauern eingesetzt. Das Konzernziel, bis 2020 weltweit 20 Millionen Bäuerinnen und Bauern in den Themen Arbeitssicherheit und Umgang mit Pestiziden auszubilden sei heute bereits erreicht.

    Doch laut dem Magazin «Eine Welt» ereignen sich 70 Prozent aller Vergiftungen und fast alle Todesfälle, die auf Pestizide zurückgehen, gemäss Schätzungen des Pestizid-Aktions-Netzwerks (PAN) in Entwicklungsländern. Ein korrekter Einsatz von Pestiziden setzt Wissen und Ausbildung voraus. Laut Greenpeace hapert es aber gerade daran, weil viele Arbeiterinnen und Arbeiter Analphabeten sind, die Hinweise zur Anwendung der Produkte nicht lesen können oder ohne Schutz arbeiten. Studien zeigen, dass in Westafrika nur zwei Prozent der Bauern Schutzkleider tragen. PAN schätzt, dass weltweit etwa 500’000 Tonnen an Pestiziden unsachgemäss gelagert werden.

    Unter Abwägung aller Aspekte kommt Christine Badertscher vom Schweizer Hilfswerk SWISSAID deshalb zum Schluss: “Wir beurteilen den Einsatz von Pestiziden in Entwicklungsländern grundsätzlich kritisch.” Das Konzept der Agroökologie, das auf Pestizide verzichtet und zum Beispiel organische statt künstliche Dünger nutzt, schneide langfristig besser ab.

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  • Giftcocktail über Europa

    Doch auch in Europa schlägt das Umweltinstitut München Pestizid-Alarm. Laut dem Jahresbericht des Chemischen Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart, welches über Tausend Gemüseproben aus Deutschland, EU- und Drittländern untersuchte,  seien insbesondere Blattgemüse wie Salate und Kräuter stark und mehrfach belastet. Eine Korianderprobe wies nicht weniger als 27 verschiedene Giftstoffe auf. Beim Einsatz verschiedener Wirkstoffe entstehen sogenannte Mehrfachrückstände. In Kombination können sich die Stoffe gegenseitig beeinflussen. Die gesundheitsschädliche Wirkung der Mittel kann sich dadurch noch verstärken oder es können völlig neue Effekte ausgelöst werden. Doch solche Kombinationseffekte werden bei Bewertungs- und Zulassungsverfahren durch die Behörden fahrlässigerweise nicht berücksichtigt.

    Ausserdem beklagt das Münchner Umweltamt, dass sich  Pestizide teilweise kilometerweit über die Luft verbreiten, viel weiter als bisher angenommen. Das Amt untersuchte, wie weit sich die Gifte rund um die intensive Obstwirtschaft in Südtirol verbreiten. In direkt an die Schweiz grenzende Region Vischgau sind Mensch und Umwelt über Monate dauerhaft Pestiziden ausgesetzt. Manche der Gifte verbreiten sich Kilometerweit bis in eine Höhe von 1’600 Höhenmetern in die Seitentäler. Darunter auch ein Gift, dass schon in winzigen Mengen eine Biene tötet. Ferner fand das Institut auf einer BIO-Apfelplantage verschiedene giftige Stoffe, die in Kombination auf Honigbienen viel giftiger wirken als einzeln.

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  • Einzige Lösung ist Verzicht

    In der Südtiroler Gemeinde Mals, die 2014 als europaweit erste Gemeinde in einer Volksabstimmung ein Pestizidverbot beschlossen hatte, nimmt man die Resultate mit grosser Besorgnis auf, wie die «Südostschweiz» berichtet. Laut dem Beobachter herrscht ebenso im Schweizer Nationalpark grosse Besorgnis auf Grund der neuen Studien. Der Geschäftsführer des Parks habe bereits beim Bündner Umweltamt nachgefragt, ob man solche Messungen nicht auch im Val Müstair machen sollte.

    Das Umweltinstitut München kritisiert das europäische Zulassungsverfahren und die Behörden scharf. Der «Cocktail-Effekt» werde ignoriert, die Verbreitung von Pestiziden über die Luft vernachlässigt und kein systematisches Monitoring gemacht. Zudem würden rein technische Massnahmen nicht ausreichen, um das Problem zu verhindern. Die einzige Lösung sei der komplette Verzicht auf Pestizide. 

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