logo

Trübe Aussichten für das Wasserschloss Europas

Dank hoher Niederschlagsmengen und der alpinen Topographie gilt die Schweiz als Wasserschloss Europas. Doch die weltweit zunehmende Knappheit an sauberem Wasser wird auch an uns nicht vorübergehen.

Auf sommerlichen Wanderungen durch die Schweizer Alpen bemerkt jeder Städter erstaunt, dass es mit dem vielzitierten «Schweigen im Walde» so weit nicht her ist. Neben dem «Krawall», den die zahlreichen Wildtiere veranstalten, sobald sie sich in Sicherheit wähnen und dem beständigen Läuten der Kuhglocken, den Warnpfiffen der Murmeltiere und Vogelrufe, fällt vor allem das beständige Rauschen der schier zahllosen Wasserläufe auf. Auch ausländische Touristen, die sich vielleicht nicht grad auf anstrengende Bergwanderungen einlassen, staunen nicht schlecht über die zahlreichen, ausserordentlich grossen Seen.

Nicht ganz zu unrecht nennt man die Schweiz auch «das Wasserschloss Europas». Aber wie so viele Schweizer Idyllen, trügt auch die, der majestätischen Seen und in abenteuerlichen Kaskaden zu Tale stürzenden Bergbäche.

Klicken Sie auf das links vom Titel um den Text zu öffnen:

  • Wo kommt unser Wasser eigentlich her?

    Wo kommt das viele und qualitativ immer noch sehr gute Schweizer Wasser eigentlich her? Geographisch sind die Alpen eine Wetterscheide zwischen Südeuropa und dem, vom Golfstrom beeinflussten Nordwesteuropa mit seinem milden Klima. Egal, aus welcher Richtung Wolken kommen: An den Alpengipfeln laden sie ihre Feuchtigkeit im Sommer als Gewitter, im Winter als Schnee ab. Einfache Faustregel der Meteorologen: Je höher die Berge, desto häufiger und heftiger die Niederschläge.

    40 Prozent der Niederschläge (vor allem im Winter) sind verdunstetes Nordseewasser, 25 Prozent stammen aus dem Mittelmeer, 20 Prozent von den mitteleuropäischen Landmassen und 15 Prozent aus der Ostsee.

    Das Trinkwasser (pro Jahr etwa ein Drittel der Füllmenge des Thunersees) stammt zu 40 Prozent aus Quellen, wird zu 40 Prozent aus dem Grundwasser hochgepumpt und zu 20 Prozent Seen und Flüssen entnommen. Faktisch also stammen 80 Prozent des Schweizer Trinkwassers also aus dem Grundwasser.

    Erstaunlicherweise ist laut der Schweizer Akademie der Wissenschaften wenig darüber bekannt, wie das Schweizer Grundwasser gespiesen wird und wie es abläuft. Der Laie vermutet, dass Regenfälle und Schneeschmelze die Grundwasserreserven saisonal und wetterabhängig auffüllen. Tatsächlich fliessen aber zum Beispiel im Mittelland die Regenfälle praktisch ungebremst in die Fliessgewässer, während sie in kalkhaltigen Gesteinsschichten bis zu 10 Jahre verweilen. Dabei bleibt der Grundwasserpegel wetterunabhängig unverändert. Zumindest, solange die Feuchtigkeitszufuhr mittelfristig einigermassen konstant bleibt. Die Hydrologen vergleichen die Schweizer Grundwasservorkommen mit einem vollgesogenen Schwamm. Überschüssiges Wasser wird in die Fliessgewässer ausgepresst. Doch sollte die Feuchtigkeitszufuhr langfristig und Dauerhaft abnehmen, käme es auch hier zwangsläufig zu einem Absinken der Grundwasserspiegel. Das könnte zum Beispiel recht schnell der Fall sein wenn der Golfstrom auf Grund der klimabedingten Polarschmelze zum Erliegen kommt. Ironischerweise würde dadurch das Nordseewasser deutlich kühler und entsprechend weniger verdunsten und Regen verursachen.

  • Sauberes Wasser wird zusehends knapper.

    Sauberes Wasser wird global zusehends ein knappes Gut. Dessen sind sich Wirtschaftskapitäne, Politiker und Militärs Weltweit einig. Zahlreiche Nahrungsmittelkonzerne, insbesondere Nestle, kaufen seit ca. zwei Jahrzehnten vorsorglich Trinkwasserquellen auf – mit dem erklärten Ziel, dass saubere Trinkwasser mit hohen Profiten zu verkaufen. Dabei spielen ihnen ausgerechnet die industrielle Verunreinigung, der Klimawandel und die Industrialisierung der Landwirtschaft in die Hände. Welche Auswirkungen Plastikmüll, Industrieabfälle, Pestizide und andere Umweltgifte auf die Wasserqualität haben ist hinlänglich bekannt. Wie genau sich der Klimawandel auswirkt, kann niemand genau voraussagen. Doch Dürrekatastrophen oder Überschwemmungen haben eine fatale Gemeinsamkeit: Die Versorgung der Menschen mit sauberem Trinkwasser ist in jedem Fall eines der dringendsten Probleme.

    Auch diesbezüglich bleibt die Schweiz vorerst eine Insel der Glückseeligen. Rund die Hälfte des Trinkwassers muss gar nicht aufbereitet werden. Ein Drittel braucht nur eine sogenannte einstufige Aufbereitung. See und Flusswasser aus dem Unterland müssen am stärksten (zweistufig) aufbereitet werden. Insgesamt hat das Schweizer Trinkwasser immer noch die Qualität von Mineralwasser. Zudem ist der Trinkwasserverbrauch der Bevölkerung rückläufig. Bewussterer Umgang mit dem kostbaren Nass, Wassersparende Küchengeräte und Waschmaschinen tun ihr Übriges. Trotzdem ist bei einem Verbrauch von 170 Liter pro Kopf und Tag wohl noch einiges Verbesserungspotential vorhanden.

  • Der scheinbar rückläufige industrielle Wasserbrauch ist eine Mogelpackung.

    Der scheinbar «rückläufige» Wasserbrauch der Industrie und Lebensmittelproduzenten ist eine regelrechte Mogelpackung. Wasserintensive industrielle Produktionsanlagen werden zunehmend ins Ausland exportiert, Landwirtschaftsprodukte importiert. Das Problem also nur verlagert. Die Hydrologen der Gesellschaft der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften reden in diesem Zusammenhang von «Virtuellem Wasser». Nur ein Viertel des Wassers, das zur Herstellung hier erhältlicher Industrieller und Landwirtschaftlicher Güter steckt, stammt auch aus der Schweiz. Insgesamt verbraucht die Schweiz zwar nur ein Drittel des Thunersee’s pro Jahr: Aber für die hierzulande erhältlichen Konsumgüter und Lebensmittel wurden insgesamt die 3fache Wassermenge verbraucht.

    Nicht nur deshalb kann sich die Schweiz langfristig keineswegs im komfortablen Wasserschloss ausruhen.

    Die fortlaufende Zersiedelung, die Intensivierung der Landwirtschaft und Hochwasserschutzmassnahmen tun insbesondere den Schweizer Fliessgewässern gar nicht gut. Ein Viertel davon sind kanalisiert und eingedohlt. Nicht nur auf Kosten der Landschaft, sondern auch der Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren. Eine grosse Biodiversität braucht den richtigen Mix aus schnell und langsam fliessenden, frei mäandernden Wasserläufen, Kies- und Sandbänken, Brackwasser, unterschiedlichen Wassertiefen und verwildernden Uferzonen.

    Die zunehmenden Hochwasser seit Mitte der 80er Jahre haben den Bund immerhin zum Umdenken bewegt. Man hat gemerkt, dass man sich mit der Kanalisierung einen Bärendienst erwiesen hat und beschlossen, den Flüssen durch Renaturierung wieder mehr Raum zu geben.

  • Renaturierungsmassnahmen und strengere Umweltbestimmungen

    Obwohl die Renaturierungsmassnahmen und strengere Umweltbestimmungen neue Lebensräume schaffen und insgesamt die Wasserqualität in der Schweiz sich seit den Hochzeiten der Schwerindustrie massiv verbessert hat, tauchen seit den 80ern neue Bedrohungen auf. Chemikalien, Hormone und Nanopartikel aus Medikamenten können durch die herkömmliche Abwasseraufbereitung nicht mehr erfasst werden. Es braucht völlig neue Abwassersysteme, um dieser neuen Bedrohungen Herr zu werden. Die hormonähnlichen Bysphenole, die als Weichmacher in fast allen Kunststoffprodukten oder als Fungizid ausgerechnet bei Schiffs- und Bootslacken Verwendung finden, machen Fische und männliche Säugetiere inklusive Menschen unfruchtbar. Auch die Konzentration von Östrogenen aus der Antibabypille im Trinkwasser erreicht langsam einen kritischen Wert.

    Welche heute noch unbekannten Risiken durch den zunehmenden Einsatz von Nanotechologien und der daraus resultierenden Verunreinigung entstehen, ist noch nicht einmal abschätzbar. Hinzu kommt, dass wir für manches frühere Fehlverhalten eine Späte Rechnung präsentiert bekommen. Trotz der – im europäischen Vergleich – ausgezeichneten Schweizer Wasserqualität meldete die nationale Grundwasserbeobachtung Naqua «Pestizid Rückstände an jeder fünften Grundwasserbeobachtung».

    Besonders irritierend: Obwohl seit 2007 verboten, ist der Pestizid-Wirkstoff Atrazin immer noch der am meisten nachgewiesene in der Schweiz. Denn Pestizide und ihre giftigen Nebenprodukte (Methaboliden) können das Trinkwasser auf Jahre hinaus belasten. In den Bergen kann es bis zu 20 Jahren dauern, bis eingesickerte Schadstoffe wieder über eine Quelle an die Oberfläche kommen.

Print Friendly, PDF & Email

Ihr Kommentar

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.