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Vom Schrebergarten zum Stadtacker

  • Dachgarten in Basel (c) UT

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bauen europäische Industriearbeiterfamilien in Gärten und auf kleinen Ackerflächen Obst und Gemüse zur Ergänzung ihres Haushaltsbudgets an. Die daraus entstehende Schrebergartenkultur mutierte in den Nachkrigsjahren mit dem wachsenden Wohlstand zusehends zu reinen Erhohlungsflächen. Doch seit den 90ern des letzten Jahrhunderts bilden sie die Keimzelle einer wachsenden urbanen Agrikultur.

Seit Beginn der Industrialisierung waren erst die Heimarbeiterfamilien, später die Arbeitenden in den Manufakturen und Fabriken, auf einen gewissen Grad an Selbstversorgung angewiesen, da der Lohn allein nicht zum Leben langte. Mit der Verstädterung fielen die kleinen Anbauflächen um die Arbeiterhäuschen zusehends weg. Deshalb wichen die städtischen Arbeiterfamilien im 19. Jahrhundert auf stadtnahe Brachflächen aus, um Kartoffeln und Gemüse anzubauen. Doch der Landhunger der Industrie entfernte die Industriearbeitenden immer weiter von den potentiellen Kleinäckern. Deshalb legte der damalige Wohnungsbau Wert auf die Bereitstellung von Gartenland in den Arbeitersiedlungen. Als wären sechs Zwölfstundentage pro Woche nicht genug, sollte die Gartenarbeit die Werktätigen nicht nur ernähren, sondern «zu Fleiss und Familiensinn erziehen und die Arbeiter von Alkohol und Politik fernhalten». So entstanden vor allem in Deutschland die ersten Schrebergartenkolonien, die sich bald auch in Schweizer Städten grosser Beliebtheit erfreuten.

Selbstversorgung mit Obst und Gemüse

1840 wurde in Deutschland der erste Kleingartenverein gegründet. Der Deutsche Arzt und Philantrop Daniel Gottlob Schreber war der Begründer und Namensgeber der neu entstandenen Schrebergartenkultur, die schon bald in die Schweiz überschwappte und sich in rasendem Tempo verbreitete.

Ursprünglich gedacht als ein Stück Selbstversorgung mit gesundem Obst und Gemüse für Arbeiterfamilien, trat mit steigenden Löhnen und kürzeren Arbeitszeiten bei den Familiengärten zusehends der Erholungsaspekt in den Vordergrund.

Vom Ziergarten zum Kleinacker

Doch seit Mitte der 90er und insbesonders seit der Jahrtausendwende wird verstärkt der naturnahe ökologische Gartenbau von Gemeinden und Vereinen gefördert. Der Schrebergarten wird als ökologische Ausgleichsfläche und Refugium für bedrohte Nutz- und Wildflanzen entdeckt. Und der Wunsch nach gesunden Nahrungsmitteln und das wachsende Interesse an Ernährungsfragen hat zu einer regelrechten urbanen Agrikultur geführt, in der der Anbau von Obst und Gemüse zusehends an Bedeutung gewinnt.

Ökologie hat hohen Stellenwert.

Denn auch bei den Kleingärtnern selbst hat Ökologie einen hohen Stellenwert. 97 Prozent aller Schrebergärtner- und Schrebergärterninnen verwenden Regenwasser zur Bewässerung. 96 Prozent kompostieren die Gartenabfälle. Fast zwei Drittel verzichten auf Kunstdünger und 82 Prozent lehnen chemische Pestizide ab. Gemäss Umfragen ist das naturnahe Gärtnern vor allem bei der jüngeren Generation -also denen, die ihren Garten seit weniger als 10 Jahren bewirtschaften – zentral. Auch legen diese wieder mehr wert auf Nahrungsmittelproduktion. Rund die Hälfte der «Junggärtnerinnen und -gärtner» betreibt den biologischen Anbau von Obst und Gemüse. Dieser Trend ist international zu beobachten.

Überschüsse für Suppenküchen und Marktstände

Flachdächer zu Gemüsegärten.

In Zeiten schwindender Ackerflächen und der städtischen Verdichtung in zahlreichen Städten in Afrika, aber auch den USA, England oder Russland, leisten solche Gemüsegärten einen wichtigen Beitrag zur Lebensmittelsicherheit und Armutsbekämpfung der Stadtbevölkerung. Und der aktuelle Boom scheint erst der Anfang. Selbst in der reichen Schweiz lindern Urban Gardening-Projekte auch Armut. Obwohl der Bedarf an Gartenflächen steigt, fallen immer mehr Schrebergartenareale dem Wohnungsbau zum Opfer. Daher verwandelden urbane Agrikulturprojekte immer mehr unfruchtbare Freiflächen – zum Beispiel Flachdächer von Garagen und Gewerbebauten, in Kollektivgärten zum Obst und Gemüseanbau. Allein im dicht bebauten und platzarmen Stadtkanton Basel existieren 40 Urban-Agricultur-Projekte. Diese produzieren sogar Überschüsse, die in speziellen Projekten, wie dem Schlemmergarten, weiterverarbeitet und an Bedürftige und Suppenküchen vertreilt oder auf dem Markt verkauft werden und all diese Tätigkeiten rund um die Ernährung erfreuen sich grosser Beliebtheit.

Links:

Weiterführende Informationen und Kontaktadressen für Urban Gardening in der Schweiz

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