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Weder wachsen noch weichen! Artikelserie Ernährungssouveränität, Teil 2

Die Initiative für Ernährungssouveränität ist eigentlich der Schweizer Ableger einer Internationalen Bewegung von Kleinbauern. Doch ist die Initiative kein reiner Solidaritätsakt gegenüber der Dritten Welt. Sie ebnet auch den Weg für massgebliche Verbesserungen der unsinnigen Schweizer Agrarpolitik.

Auch wenn die Bewegung zur Ernährungssouveränität auf Initiative vermeintlich rückständiger Bauernverbände in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts gegründet wurde. Bei den Trägern und Unterstützung der entsprechenden Schweizer Initiative, die am 23. September zur Abstimmung kommt, handelt es sich keineswegs um weltfremde Hippies und Sozialromantiker. Den Initianten («Uniterre» und «Allianz für Ernährungssouveränität») ist durchaus bewusst, dass in unserer – wohl unumkehrbar – arbeitsteiligen und komplex vernetzten Gesellschaft eine echte Souveränität oder gar Autarkie ins Reich der Fantasie gehört. Man will nicht zurück zu einer ruralen Gesellschaft. Aber die vorhandene Landwirtschaft soll auf qualitativ hohem Niveau nicht weiter «gesundgeschrumpft» werden, wie es die Politik des Bundesamts für Landwirtschaft entgegen dem ausdrücklichen Volkswillen betreibt.

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  • Es gibt kein grenzenloses Wachstum

    Die Landwirtschaft in den Industrieländern und eben auch der Schweiz steht unter starkem Druck. Hohe Betriebskosten, gerade in der Schweiz vergleichsweise wenig Ackerland, die Tendenz ist eindeutig – in der Schweiz wie auch weltweit: Während sich die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe in den letzten 30 Jahren halbiert hat, geht der Trend hin, zu immer grösseren, immer industrieller arbeitenden Betrieben. Doch unbegrenztes Wachstum ist weder in der Industrie, noch in der Landwirtschaft eine Lösung. Und da die landwirtschaftliche Produktivität vor allem vom Kapitalfaktor Boden abhängt, sind sie gerade in den Alpenländern Schweiz und Österreich eng begrenzt.

    Laut dem IAASTD-Bericht des Uno-Landwirtschaftsrates würde eine weitere Industrialisierung der globalen Landwirtschaft fast die Hälfte der Weltbevölkerung ihrer Lebensgrundlage berauben, und überdies gewaltige zusätzliche soziale und ökologische Katastrophen verursachen.

  • Das Bundesamt sieht zu

    Das BLW trägt zum Preiszerfall bei, nicht nur beim Mindestpreis für Futtergetreide, den Zöllen für Weizen, sondern auch bei den Preisen für Zucker und Milch: Bisweilen werden für den Liter nur noch 21 Rappen bezahlt. Obwohl sich vor zehn Jahren 80 Prozent der Produzenten für einen nationalen Produzentenzusammenschluss ausgesprochen haben, toleriert das BLW einen vom Handel dominierten Markt. Das verhindert klare Abnahmeverträge und eine sinnvolle Steuerung der Mengen. Dadurch duldet das BLW stillschweigend die Umgehung des Landwirtschaftsgesetzes.

  • Gleichzeitig importieren wir immer mehr verarbeitetes Fleisch

    Gleichzeitig importieren wir immer mehr Fleisch und Brotgetreide, und zwar in verarbeiteter Form, um Zollkontingente zu umgehen. Das zwingt die Schweizer Produzenten ihr Brotgetreide zu deklassieren und als Tierfutter zu verkaufen. Eine ausweglose Produktionsspirale auf Kosten der Bauern und der Umwelt. Geht es nach den Vorstellungen des Bundesamtes für Landwirtschaft, soll auch die Schweizer Bauernschaft, nach dem Vorbild der übrigen Schweizer Industrie, sich auf ein «Qualitatives Wachstum» konzentrieren: Hochpreisige Luxuslebensmittel für die reichen Konsumenten in aller Welt, für die der Preis keine Rolle spielt, billige – und zu Teil unter katastrophalen Bedingungen für Mensch Tier und Umwelt produzierte – Importprodukte für die weniger begüterten Einheimischen.

    Zugespitzt? Vielleicht ein wenig. Die Schweizer Landwirtschaft verbraucht etwa 30 Prozent des Schweizer Trinkwassers. Aber das vierfache an Trinkwasser für Landwirtschaftsprodukte, die zu Dumpingpreisen in zum Teil sehr trockenen Weltgegenden produziert werden. Das gleiche mit Mais, Soja und anderem Getreideschrot aus Afrika und anderen Drittweltländern. Laut der «Feed no Food»-Kampagne verfüttern Schweizer Viehzüchter soviel wertvolles Importgetreide, dass man damit die gesamte Schweizer Wohnbevölkerung ernähren könnte. Und das für ein Ei pro Huhn und Woche oder einen halben Liter Milch pro Tag mehr, die – durch den Preiszerfall und indirekte Exportsubventionen – unter anderem als Milchpulver nach Afrika exportiert werden, während die afrikanischen Viehbauern mit ihrer eigenen Milch nicht mehr konkurrenzfähig sind.

    Nach Auffassung des prominenten österreichischen Agrarexperten und Kulturphilosophen Bernhard Heindl ist die industrielle Landwirtschaft eine „geschichtliche Sackgasse, aus der wir so schnell wie möglich wieder herauskommen müssen, wenn wir unseren Weg in die Zukunft fortsetzen und nicht abstürzen wollen.“. Und auch nach Auffassung des Uno Landwirtschaftsrates und zahlreicher unabhängiger Studien, bietet bäuerliche Landwirtschaft auf Dauer nachhaltigere Ergebnisse und auch bessere Erträge, als die industrielle Landwirtschaft.

  • Die Initiative für Ernährungssouveränität ist nicht gegen Nahrungsmittelimporte.

    Die Initiative für Ernährungssouveränität ist nicht gegen Nahrungsmittelimporte. Im Gegenteil. Nur solle die importierten Produkte zu gerechten Preisen und Bedingungen eingeführt werden. Unsinnige subventionierte Exporte in Drittweltländer, die den dortigen Bauern das Wasser im Wortsinn abgraben, hingegen unterbinden. Eine bäuerliche, ökologische Landwirtschaft folgt vielleicht nicht der als «alternativlos» propagierten neoliberalen Wachstumsideologie. Aber sie könnte beitragen, zahllose neue Stellen – und auch Berufe – gerade für handwerklich begabte Menschen zu schaffen, denen in der zunehmend automatisierten und roboterisierten Wirtschaft mehr und mehr die Arbeit ausgeht. Statt demütigender Sozialhilfe oder sinnentleerten Beschäftigungsprogrammen gäbe es unzählige Möglichkeiten, diese Menschen in Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion zu beschäftigen Zum Beispiel bei einer effizienteren Nutzung der Ressourcen, Umgestaltung der grossen Monokulturen in ökologisch sinnvolle Anbau und Weideflächen. Allein, es fehlt am politischen Willen. Denn die Profiteure wären für einmal nicht Grosskonzerne und Einzelhandel, sondern die Landwirte, die Beschäftigten in der Nahrungsmittelproduktion, Konsumenten und Umwelt hier und überall auf der Welt.

 

Im nächsten Artikel und Teil 3 dieser Serie geht’s um

den Wahnsinn der Exportsubventionen
und was wir mit dem Geld im Dienste von Produzenten und Konsumenten besser machen könnten.

 

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