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Es braucht den Systemwandel

Zum Welternährungstag veranstaltete agrarinfo zusammen mit zahlreichen Hilfswerken und Organisationen eine Tagung zum Thema Agrarökologie. Auffallend war die breite Beteiligung an der Veranstaltung und die mittlerweile zusehends pointiertere Positionen unter Referenten und Teilnehmenden.

170 Teilnehmende vermochte die diesjährige Agrarinfo-Tagung zum Welternährungstag am 16. Oktober in die Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) zu locken. Die namhaften Referenten und Referentinnen (Prof. Dr. Mathias Binswanger, Silva Lieberherr «Brot für alle», Prof. em. Dr. Hans Hurni, Simon Degelo «Fastenopfer», Aïssé Barry «SWISSAID», Dr. Pascale Waelti, BFH HAFL) informierten über die Ursachen der ökologischen und Ernährungsmisere in Nord und Süd. Sie zeigten – auch an konkreten Beispielen – Alternativen auf, die die Agrarökologie bietet. In den Workshops nach den Redebeiträgen wurden Ansätze formuliert, wie jede und jeder Einzelne zu einem grundlegenden Wandel in der Landwirtschaft beitragen kann.Auf den genaueren Inhalt der Referate und der Arbeit der Workschops kommen wir nächste Woche mit einem ausführlichen Veranstaltungsbericht zu sprechen. Beschränken wir uns vorerst auf eine Pauschale Gesamtsicht.

  • Vom Forschungszweig zur sozialen Bewegung

    Zunächst einmal galt es zu klären, was Agrarökologie eigentlich bedeutet. Ursprünglich eine neue Forschungsrichtung, entwickelten sich unter dem gleichen Label konkrete Handlungsansätze und zu guter letzt eine rasant wachsende internationale soziale Bewegung.

    Agrarökologie ist nicht gleichzusetzen mit Biolandbau. Der Begriff Agrarökologie umfasst Ökonomie, Ökologie, Soziale Gerechtigkeit, Genderfragen. Eine umfassende Agrarökologie setzt einen gesamtgesellschaftlichen Wertewandel, Wissentransfer und durchgreifende Veränderungen in der Politik voraus.

  • Widerstände und Zustimmung

    Referent Binswanger (Laut NZZ Ranking immerhin einer der 5 führenden Schweizer Ökonomen) erläuterte warum die zunehmende Exportorientierung der Landwirtschaft weder in Europa, noch im globalen Süden die Lebensbedingungen der Menschen verbessert, sondern vielmehr neues Elend und neue Risiken schafft und bereits vorhandene Miseren (mit wenigen Ausnahmen) verstärkt.

    Beispiel Schweiz: «Ein perfekter Markt wäre, wenn Produzenten ihre Ware direkt an Konsumenten liefern würden», so Binswanger. Aber tatsächlich produzieren die Schweizer Bäuerinnen und Bauern vor allem Rohstoffe für die marktmächtigen Verarbeitungsbetriebe und die quasimonopolistischern Migros, Coop und einige wenige andere Detaillisten. Diese verlangen homogene Produkte und diktieren die Preise. So liegen die hohen Lebensmittelkosten in der Schweiz nicht an den Bauern, sondern an der – im europäischen Vergleich schon fast obszönen – Gewinnmargen von Migros, Coop und zum Beispiel dem Verarbeitungskonzern Nestle. Die Landwirtschaftsbetriebe sind gezwungen, immer mehr, immer billiger zu Produzieren und dabei immer weniger zu verdienen. «Das», so Binswanger, «ist eine landwirtschaftliche Tretmühle in der nicht nur die Schweizer Bäuerinnen und Bauern, sondern der Grossteil der Landwirte auf der Welt, insbesondere der Exportnationen gefangen sind.

    Silva Lieberherr (Brot für alle) berichtete von Vertreibungen von Kleinbauern durch Agrokonzerne und dass die Agrarökologie für eben diese Konzerne eine konkrete Bedrohung darstellt. «Rund eine Milliarde Menschen leiden Hunger, unzählige leben in Armut und abertausende sterben durch Pestizide, weil es sich für die Konzerne rentiert». Kinderarbeit, Vertreibungen und brutale Ausbeutung seien keine «Auswüchse», sondern das normale Funktionieren des Kapitalismus. Ohne eine Abkehr vom Kapitalismus sei die grosse Chance der globalen Agrarökologie nicht durchsetzbar.

  • Agrarökologie und Technologie

    Der emeritierte Professor  Dr. Hans Humi berichtete unter anderem von Problemen, die auch durch traditionelle Landbewirtschaftung entstehen können (Brandrodungen, Erosion etc.) und das Agrarökologie durchaus auch moderne Technologie und Erkenntnisse der Wissenschaft nutzen sollte, um diese Probleme zu lösen.

    Professor Dr. Urs Niggli, Direktor beim Forschungsinstitut für Biolandbau schliesslich sieht in der Agrarökologie ein probates Mittel zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele des Bundesamtes für Landwirtschaft. Und betont, dass sich moderne Technologie und Agrarökologie nicht widersprechen, sondern im Gegenteil zahlreiche Synergien ermöglichen. Nichts desto trotz kämen wir nicht darum herum, Konsum und Abfallproduktion massiv zu senken was auf starke gesellschaftliche Widerstände stossen wird. Auch die Fragen der Über- und Fehlernährung müssten stärker gewichtet werden.   Würden die Bauern nach den Vorgaben der sogenannten Ernährungspyramide produzieren, die als Massstab für Gesunde Ernährung gilt, «würden wir alle 120 Jahre alt, hätten eine gesündere Umwelt und glückliche Bauern».

    Aïssé Barry von «SWISSAID» und Dr. Pascale Waelti, BFH HAFL) schliesslich berichteten aus unterschiedlichen Perspektiven, wie sich zahlreiche Agroökologie-Projekte auf der ganzen Welt bereits bewährt haben. Die Lebensbedingungen der Menschen, Versorgungssichheit, Ernteerträge, Bodenqualität – um nur einiges zu nennen – haben sich in den laufenden Projekten zum Teil massiv verbessert.

    Auffallend war, dass sich zahlreiche Junge Leute aus der «Friday for Future» Bewegung einfanden, weil die Agrarpolitik verstärkt in ihre Aktivitäten einbeziehen wollen. Ebenso auffällig, dass die Systemfrage kein Tabu mehr ist. So heterogen das Publikum (und die Workshops) zusammengesetzt waren, zeigte sich doch ein überraschender Konsens, dass die Ziele der Agroökologie ebenso alternativlos sind, wie ihre Erreichung im bestehenden Wirtschaftssystem unmöglich.

  • Wachstumsdogma überwinden

    Abschliessend fasste Ulrike Minkner von «Uniterre» zusammen, dass Agrarökologie kein fixfertiges Konzept mit fixfertigen, allgemeingültigen Regeln ist, sondern eine Bewegung, die von der Gesamtgesellschaft getragen und verändert wird. Ein Lernprozess oder Experimentierfeld, mit Wissensaustausch auf Augenhöhe, in dem Bäuerinnen zu Akteuren werden, statt zu hilflosen Befehlsempfängern der Grosskonzerne.

    «Nur mit gemeinsamer Anstrengung und ohne Ausgrenzung erreichen wir die Ernährungswende. Der Welternährungstag (früher Welthungertag) soll daran erinnern, dass 11 Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zu ausreichender und gesunder Nahrung haben.»

    Eine der Grundfragen der Tagung sei die Armutsbekämpfung gewesen. Aber durch wen? Die Weltbank und viele Regierungen sähen die Lösungen in Expertinnen, Geldgebern und Unternehmen, die von aussen eingreifen. «Armutsbekämpfung wird dadurch zu einem Investitionsprogramm vereinfacht.»

    In der Tagung sei klar geworden, dass Agroökologie keine allgemeingültigen Lösungen bietet, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Lösungen offeriert. «Es geht um den Gestaltungsspielraum für die direkt Betroffenen in der ganzen Welt. Um Rechte und Ermächtigungsprogramme die grosse und kleine Machtverschiebungen verursachen. Um das Recht auf Mitbestimmung. In der Schweiz seien wir aufgerufen, unsere Möglichkeiten auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene zu nutzen, um kluge und gerechte Lösungen  für alle zu finden.

    Unerlässlich für eine globale Agroökologie seien:

    • Die Stärkung der Position der Frauen
    • Der Zugang und die Nutzungsrechte über den bewirtschafteten Boden durch die Landarbeiter und Landarbeiterinnen
    • Entsprechend eine bäuerliche Landwirtschaft statt die Industrielle Ausbeutung der Böden und Bauern durch die Agrarkonzerne
    • Vielfalt statt Monokulturen
    • Regionale Märkte statt einem abstrakten Weltmarkt
    • Lösungen für die Abhängigkeit von Erdöl und Chemie
    • Der Erhalt der Lebensräume von Kleinstlebewesen und Tieren

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    «Abgesehen von der grösseren Nähe zur Natur bedeutet Agroökologie auch eine grössere Nähe zu den Arbeitern und Bäuerinnen und allen Marktteilnehmenden entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Über die Produzierenden Betriebe Menschen und die Nahrungsmittelverarbeitung bis hin zu den Konsumentinnen und Konsumenten.»

    Auch die Widerstände gegen die Umsetzung Agroökologie sind bekannt.Die Weltwirtschaft setzt ausschliesslich auf Technologie und Monopolisierung. Die Big-Player in der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie widersetzen sich den, überall auf der Welt aufblühenden, Agroökologischen Projekten immer öfter auch mit roher Gewalt. Sie wollen ein System, dass die Landwirtschaft abhängig macht von patentiertem Saatgut, von Pestiziden und chemischen Düngemitteln. Ein System, dass Landarbeiter und Arbeiterinnen zu blossen Arbeitskräften und Konsumenten degradiert.

    Auch unter vielen Bäuerinnen und Bauern auf der ganzen Welt hat Agroökologie nicht das beste Image. Weil es ein längerer Prozess ist, bis die Agroökologie greift. Schnelle Produktionsgewinne lassen sich damit nicht erzielen. Es sei vielen nicht klar, das Agroökologie mehr ist, als ökologische Landwirtschaft. Sie umfasst unterschiedliche Methoden um die Landwirtschaft und Ernährung neu zu gestalten. Soziale, kulturelle und politische Rahmenbedingungen spielen eine entscheidende Rolle. Und es bedarf dringend politischer Eingriffe, um sie im grossen Stil möglich zu machen. Um die Klimaziele der SDGs und UN-Rechte der Bäuerinnen und Bauern auch tatsächlich durchzusetzen.

    «Entsprechende Forderungen haben wir heute auf der Tagung erarbeitet», so Minkner. Es gab in den Workshops durchaus unterschiedliche Meinungen. «Aber als wichtigste, gemeinschaftliche Forderung kann man wohl festhalten, dass wir das Dogma der allgemeinen bedingungslosen Produktivitätssteigerung als Strategie für die Ernährung der Welt überwunden werden muss.»

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