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Wer hat Angst vorm bösen Wolf

Das neue Jagdgesetz soll insbesondere den Abschuss von Wölfen und anderen Grossräubern erleichtern. Sinn und Zweck sind allerdings stark umstritten. Zum derzeitigen Zeitpunkt, hat das Gesetz gute Chancen angenommen zu werden.

Die Ausrottung des Wolfes in der Schweiz zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde allgemein weniger als Fluch denn als Segen wahrgenommen. Durch die hemmungslose Abholzung der Wälder und die unkontrollierte Jagd waren die natürlichen Beutetiere von Wolf und Luchs weitgehend ausgerottet. Deshalb waren die Grossräuber gezwungen, sich in grossem Stil an den Weidetieren, insbesondere Schafe und Ziegen gütlich zu tun. Zum Leidwesen der, ohnehin ständig ums Überleben kämpfenden, Bauernschaft. Durch sorgfältige Wiederaufforstung und strengere Jagdgesetze kehrten Reh, Hirsch und Gemse von allein wieder in die Schweiz zurück und vermehrten sich gar so stark, dass sie in manchen Landesteilen zur regelrechten Bedrohung für die Waldbestände und Kulturlandschaften wurden. Der Luchs wurde erfolgreich – und nach dem Verstummen der landesweit jammernden Jägerschaft – problemlos wieder in der Schweiz angesiedelt. Und 1995 tauchte schliesslich der erste wilde Wolf in der Schweiz wieder auf. Doch kaum streckte der erste Graurock seine Nase über die Landesgrenze, wurde der Ruf nach Abschüssen wieder laut.

  • Risse in Gattern

    Tatsächlich können auch einzelne Wölfe unter (ohne Strom) eingegatterten Schafen regelrechte Massacker anrichten. Auf der Weide oder in freier Wildbahn gelingt es sogar Rudeln normalerweise ein, allenfalls zwei Beutetiere zu reissen, da die anderen in alle Richtungen davonstieben können. Doch der Massenriss an eingegatterten Schafen ist kein Blutdurst. Fast alle Grossraubtiere (ausser kletterfähigen Grosskatzen wie Leopard oder Puma) töten soviel sie können, weil sie die Beute nicht an einem sicheren Ort verwahren können. Also tun sich allerlei Aasfresser an den Kadavern gütlich. Je grösser der Riss, desto mehr bleibt in den folgenden Tagen für die Wölfe übrig.

  • Mehr Wölfe aber nicht mehr Schäden

    Doch mit der Zunahme der Wölfe und der Rudelbildung hörten derartige Schlachtfeste, die sich in der Regel am Rande von Dorfschaften ereigneten und mit dem Abschuss des unerfahrenen Einzelwolfes endeten, praktisch auf. Die Zahlen beweisen es: Laut der Organisation CHWOLF hat in der Schweiz hat die Anzahl Wölfe seit der Wiedereinwanderung 1995 stetig zugenommen. Die Anzahl der Nutztierrisse bleibt aber seit Jahren gleich hoch (200 –500 Risse/Jahr). Mittlerweile gibt es acht Wolfsrudel, und einige Paare und Einzeltiere in der Schweiz. Je nach Schätzung leben derzeit dauerhaft zwischen 90 und 105 Wölfe in der Schweiz. Sprich: Der Wolf jagt lieber Reh, Hirsch und Gemse. Es sei denn, Schafe und Ziegen werden ihm quasi als «All you can Eat Buffet» serviert.

  • Existenzängste bei Weidetierhaltern

    Auch heute ist das Leben als Weidetierhalter kein Zuckerschlecken. Berichte von massenhaften Schafsrissen in der Surselva (trotz Schutzhund) schüren deshalb gerade bei kleineren Weidezuchtbetrieben Existenzängste. Das verstehen auch Städter, weshalb das neue Jagdgesetz, das insbesondere den Abschuss von Wölfen erleichtern soll, auf überraschend grosse Zustimmung trifft. Und tatsächlich: Auch mit Herdenschutzhunden und Schutzzäunen gibt es in der Schweiz nur begrenzt Platz für Wölfe. Irgendwann muss der Wolf von streng geschützt zu «nur» geschützt heruntergestuft werden. Doch nach Einschätzung von Umweltverbänden und auch einer Jägerorganisation mit bis jetzt über 100 Mitgliedern, die das Referendum gegen das revidierte Jagdgesetz tragen, ist dieser Punkt noch lange nicht erreicht.

    Das neue Jagdgesetz würde erlauben:

    – Wolfsrudel durch Abschüsse zu regulieren, sobald nur schon Schaden droht. Wölfe dürften abgeschossen werden ohne dass sie jemals Schaden angerichtet haben. Herdenschutz müsste vorgängig nicht mehr umgesetzt werden! Die Kantone müssen die Landwirtschaftsbetriebe nur noch über die Herdenschutzmassnahmen informieren und gefährdete Betriebe auf deren Wunsch beraten. Eine Verpflichtung diese umzusetzen gibt es jedoch nicht! Doch ohne Herdenschutz droht logischerweise immer Schaden. Dies wäre somit quasi ein Freipass für die Kantone, um jährlich die Hälfte der geborenen Jungtiere über den Regulierungspassus abschiessen zu können. Führt eine Rudelregulierung nicht zum erwünschten Erfolg, dürfte danach sogar noch eine Einzelwolf-Abschussbewilligung beantragt werden.

    – Eine Bestandesregulierung dürfte vom 1. September – 31. Januar vorgenommen werden und es dürften die Hälfte der im laufenden Jahr geborenen Jungtiere geschossen werden. Es dürften nur Tiere geschossen werden die jünger als 1 Jahr sind. Die Elterntiere und die Jungtiere der Vorjahre, welche noch nicht abgewandert sind, müssen geschont werden.

    Wölfe dürften neu sogar auch in Wildtierschutzgebieten geschossen werden.

  • Wolfsfreunde sind keine Hirtenfeinde

    Die Gegner und Gegnerinnen des neuen Jagdgesetzes sehen sich keineswegs als Antagonisten der Weidetierhalter oder weltfremde «Wolfskuschler». Auf ihrer Homepage betonen sie den grossen Nutzen der Bewirtschaftung unserer Alpen mit Schafen und anderem Kleinvieh. Ohne diese würden die Alpweiden mit der Zeit verbuschen und verwalden.

    Die Präsenz von Kleinvieh auf unseren Aplen hat nebst der Landschaftspflege jedoch noch zusätzliche positive Auswirkungen gegen die natürliche Erosion. Das Abweiden der Grasflächen bewirkt, dass der Schnee im Winter weniger gut abrutschen kann. Hohes, nicht abgeweidetes oder geschnittenes Gras legt sich unter der Schneelast auf den Boden und bildet so eine optimale Gleitebene für Lawinen.

    Die Trampelpfade haben einen ähnlichen positiven Effekt. Die Hänge werden durch sie uneben. Der Schnee ist auf diesen unebenen Hängen besser verankert und kann schlechter ins Rutschen kommen, was die Lawinenauslösung erschwert. Entsprechend sind die Gegner des neuen Jagdgesetztes entschieden für eine Alpsömmerung von Schafen und Ziegen. Doch statt dem «präventiven» Abschuss von Wölfen, fordern sie die konsequente Durchsetzung der Herdenschutzmassnahmen mittels Herdenschutzhunden und nächtlicher Einzäunung in spezielle, «wolfstaugliche» Elektroweidezäune.

  • Risse bei geschützten Herden

    Die Befürworter des Jagdgesetzes halten dagegen, dass die grossen Risse auch bei geschützten Herden stattfanden, dass es immer öfter zu Konflikten zwischen Herdenschutzhunden und Wanderern oder Bikern kommt. Das alles stimmt, liesse sich aber durch eine konsequente Umsetzung der bestehenden, vom Bund unterstützten Herdenschutzmassnahmen wirksamer eindämmen, als durch mehr abgeschossene Wölfe. Den Konflikten mit Herdenschutzhunden ist durch einfache Verhaltensmassregeln vorzubeugen.

    Tatsächlich wurde die, zurzeit vielfach in die Diskussion eingebrachte Herde in der Surselva tagsüber vorbildlich behirtet. Doch nachts hapert es offenbar mit dem Herdenschutz.

    Eine 500 Tiere Starke Herde ist tagsüber mit einem Hirten, vier Treibhunden und einem Herdenschutzhund bestens gesichert. Aber wenn die Schafe nachts in einem nicht elektrifizierten Gatter zusammengetrieben werden, hat ein einzelner Herdenschutzhund keine Chance die ganze Herde zu überwachen. Dieses Jahr wurden bereits über 30 Schafe solcher Herden bei Wolfsangriffen getötet und mehrere Tiere vermisst. Trotz mangelhaftem Herdenschutz ist in den Medien im Fall Surselva von einer «geschützten Alp» die Rede, was eben nur teilweise stimmt. Beim Einsatz von Herdenschutzhunden ist es laut CHWOLF äusserst wichtig, dass den Hunden die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden.

  • Nachts braucht es sichere Gatter

    Auch Zäune für die nächtliche Eingatterung müssen korrekt aufgestellt sein. Da Wölfe lieber unter dem Zaun durchschlüpfen als darüber zu springen, muss man auf der gesamten Zaunlänge auf einen guten Bodenabschluss achten. Der Zaun muss genügend Strom führen und eine gute Erdung aufweisen. Auch ein auf den ersten Blick gut aufgestellter Zaun nützt nichts, wenn er an einem Ort zum Beispiel über einen Bach führt, wo der Wolf einfach untendurch schlüpfen kann, oder wenn ein Felsbrocken neben dem Zaun steht, der dem Wolf als «Sprungbrett» dient. Doch solche Schwachstellen sind leicht zu beheben. Einfache Lappenzäune, alte CDs an einer Schnur und Ähnliches reichen völlig aus, um die Wölfe an solchen Stellen genug zu irritieren, dass sie sich lieber verziehen. Laut CHWOLF beweisen zahlreiche Alpen, die zum Teil schon seit Jahrzehnten die Herdenschutzmassnahmen konsequent umsetzen, dass man Wolfsrisse so praktisch völlig verhindern kann.

  • Erfolgsmodell Calanda

    Erfolgsgeschichte ist die Calandaregion, wo das älteste ansässige Wolfsrudel in der Schweiz praktisch keine Nutztierschäden mehr verursacht. Laut Aussage des Bundes hat eine Untersuchung gezeigt, das Herdenschutzmassnahmen zu einem 98prozentigenigen Schutz der Tiere gegen Raubtierangriffe führen. Mit dem neuen Jagdgesetz, dass übrigens auch die leichtere Bejagung von anderen geschützten Tierarten wie Steinbock, Höckerschwan und Biber vorsieht, wäre deshalb wegen des wegfallenden Herdenschutzobligatoriums eher mit mehr, als mit weniger Wolfsrissen zu rechnen.

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